Haben die Araber keinen Sinn für Humor? Im neuen Roman von Sayed Kashua, der als Palästinenser in Israel lebt und auf Hebräisch schreibt, wirft eine Jüdin diese Frage auf. Ihr arabischer Gesprächspartner bleibt die Antwort schuldig. Nach der Lektüre von Zweite Person Singular kommt man zu dem Schluss, dass der arabische Humor sich vom jüdischen jedenfalls deutlich unterscheidet. Und dass er, um es vorsichtig zu formulieren, schwerer zu vermitteln ist. Das könnte sich im Verständigungsprozess zwischen Juden und Arabern als echtes Problem erweisen.

Sayed Kashua, so viel ist sicher, spielt in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Der 35-jährige Filmkritiker, Kolumnist und Sitcom-Autor ist eine Art Kultfigur in Jerusalem und die bekannteste Stimme einer Generation arabischer Israelis, die ganz pragmatisch danach trachten, sich in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Die Religion ist für diese jungen Aufsteiger kein Thema mehr, die arabische Kultur gilt ihnen als rückständig. Sie fordern Gleichberechtigung und soziale Anerkennung, aber ihr Ehrgeiz richtet sich unverhohlen auch auf die Konsum- und Statussymbole, die der westliche Lebensstil in Israel seit geraumer Zeit verfügbar und erstrebenswert gemacht hat. Die meisten wählen die Taktik der möglichst weitgehenden Assimilation und treffen dabei immer wieder auf Ressentiments, von denen sie selbst keineswegs frei sind – weder den Israelis noch sich selbst gegenüber. Zwischen Ambition und Underdog-Komplex, zwischen anerzogener Furcht und allmählich wachsendem Selbstbewusstsein versucht diese Gruppe, die etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmacht, ihren Weg zu finden.

Sayed Kashuas Bücher haben diese Konstellation, die in seiner Heimat zum explosiven Alltag gehört, im Bewusstsein einer westlichen Leserschaft verankert. Dass er als Anatom des Dilemmas die Literaturszene Israels aufgemischt und bereichert hat, versteht sich von selbst. Er nimmt den israelischen wie den arabischen Part gleichermaßen ins Visier und handelt sich damit Popularität wie Hass auf beiden Seiten ein. In seinen Romanen Tanzende Araber (2003) und Da ward es Morgen (2007) hat er die grotesken Seiten des Konflikts hervorgehoben, die auch seine Prime-Time-Fernsehserie Avoda Aravit, zu Deutsch »Arabische Arbeit«, publikumswirksam prägen. Sein drittes Prosawerk hätte sich mit etwas Fantasie und strikter Straffung ebenfalls zur Groteske zuspitzen lassen. Da das jedoch nicht geschehen ist, muss der Leser, mag er für die arabisch-israelische Problematik noch so aufgeschlossen sein, ein anstrengendes, bisweilen einschläferndes Stück Arbeit auf sich nehmen.

Das beginnt bei der dramaturgisch ungeschickten Parallelschaltung von zwei Plots und zwei Figuren, deren Verbindung erst viel zu spät aufgedeckt wird und die, einzeln betrachtet, von erstaunlicher Fadheit sind. Araber in Israel sind sie beide, der namenlose, gut verdienende Rechtsanwalt und der Sozialarbeiter Amir, der zunächst in einer Drogenberatungsstelle jobbt und dann als Nachtpfleger des gleichaltrigen, nach einem Selbstmordversuch schwerstbehinderten Juden Jonathan. Beide Helden haben Statusprobleme, wenngleich auf verschiedenem Niveau: Während es beim Rechtsanwalt darauf ankommt, welche Automarke man fährt und auf welche Schule man die Kinder schickt, geht es bei Amir, der ohne Vater aufgewachsen ist und in seiner Jugend jede Menge Verachtung und Ausgrenzung erfahren hat, um Kleidungsfragen, angesagte Clubs und das Studium an einer jüdischen Elitehochschule.

Der Anwalt (von dem in der dritten Person Singular berichtet wird) hat aber noch ein anderes Problem: Er ist krankhaft eifersüchtig und steigert sich obsessiv in den Verdacht hinein, dass seine Frau ihn betrügt – mit einem Juden, was die Sache noch schlimmer macht. Auch das Verhalten Amirs (er erzählt in der ersten Person Singular) spielt ins Pathologische: So stark ist sein Drang nach Zugehörigkeit zur dominierenden Gesellschaftsschicht, dass er sich zuerst spielerisch, dann zielstrebig die Identität des halb toten Jonathan aneignet, anfangs nur seine CDs hört und seine Anzüge trägt, sodann mit der teuren Kamera des Gelähmten das Fotografieren erlernt und sich schließlich mit dessen Ausweis einen Studienplatz an der Kunstakademie erschleicht. Jonathans alkoholsüchtige Mutter unterstützt den Betrug und akzeptiert das arabische Double bereitwillig als Ersatzsohn.

Eigentlich ist das eine traurige Geschichte. Oder eine zynisch-makabre, je nachdem. Für keine dieser Stimmungslagen aber findet Kashua den passenden Ton. Die Figuren bleiben blass und blutleer, die Sprache kommt über einen flachen, faktenbeflissenen Reportagestil nicht hinaus. Gewiss erfährt man eine ganze Menge über die Lebensverhältnisse, die Umgangsformen, die Ernährungsgewohnheiten und die Sorgen arabischer Israelis, auch über die Pflege von Schwerstbehinderten, doch reicht das für einen Roman? Wenn sich die Wege der beiden ungleichen und doch so schablonenhaften Helden endlich kreuzen, hat man längst das Interesse an ihnen verloren, und am Ende ist einem auch der rätselhafte Titel egal. Nur eines könnte den Autor als Erzähler rehabilitieren – die Vermutung, dass der spezielle Humor der Araber sich aus dem Hebräischen nicht adäquat übersetzen lässt. Aber das ist, zugegeben, eine außerordentlich windige Theorie.