Lyriker Les Murray Ein Ei im Herz des Hackbratens
Les Murrays neuer Gedichtband "Größer im Liegen" bringt Sprache zum Kochen.
Nicht jeder weiß, dass der Dichter Les Murray immer wieder für den Nobelpreis gehandelt wird. Die Dame vom Nachbartisch etwa, in einem Lokal, sie erhebt sich irgendwann »und meinte zu mir: Ich möchte Ihnen nur sagen, / daß ich alle Ihre Kochbücher besitze, / und ich schwöre auf sie!« So heißt es in Ruhm, einem Gedicht aus Les Murrays neuem, nun in deutscher Übersetzung vorliegendem Band Größer im Liegen . Angesichts der Leibesfülle des Dichters überrascht die Verwechslung wenig; Murray ist dem Essen zweifellos zugetan. Und wie ein Koch auch, ein Spitzenkoch freilich, geht er mit seinen Zutaten um, mit Wörtern und Sätzen. Er mischt sie solcherart, dass immer neue Aromen entstehen, dass die Konsistenz, ob flüssig oder fest, sich dem Gaumen jeweils optimal anschmiegt.
Murray ist überdies ein äußerst bewanderter Künstler und weiß ebenso um die Feinheiten der französischen wie der vietnamesischen Küche. Als australischer Outbackbewohner von einfacher Herkunft aber vergisst er nie, dass Nahrung, sei sie nun kulinarischer oder poetischer Natur, vor allem eines sein sollte: nahrhaft eben, und durchaus deftig. Entsprechend großzügig geht er mit den Gewürzen der Sprache um, mit den Metaphern und all den augen- und ohrenöffnenden Möglichkeiten, die Klang und Rhythmus bieten. So ist vom »faulenden Satsuma-Pflaumen-Mond« die Rede, von Bäumen als »phantastisch offenen, / nur am Boden zugebundenen Schatzsäcken« oder von einem – Achtung, Unfall! – »glasweinenden Auto«. Von der Stellung des Verbes im englischen Satz heißt es überdies: »den Hackbraten zentriert das ruhige Ei.«

Dabei ruht sich Murray nie auf billigen Kochbuch-Pointen aus. Seine Lyrik ist die eines Getriebenen, eines Sprachgetriebenen. 1937 in New South Wales geboren, litt Murray, dessen Mutter früh starb und dessen Vater ein ebenfalls ungünstiges Schicksal begleitete, immer wieder an Depressionen. Dieser Schatten, dieser »black dog«, der ihn da verfolgte, brachte ihn gleichwohl immer wieder zum Schreiben. Schreiben als Therapie, sagte er einmal, darüber könne man leicht die Nase rümpfen, »aber seien Sie einmal krank genug, dann ist es vorbei mit dem Snobismus«. Gleichwohl führte eine schwere Lebererkrankung Mitte der neunziger Jahre dazu, dass der schwarze Hund sich nur noch selten blicken ließ. Da fand Murray die Kraft, Fredy Neptune zu schreiben, das große und umfangreiche Versepos, das ihn auch hierzulande bekannt machte.
Mit Größer im Liegen liegt nun sein siebter Band in deutscher Übersetzung vor, und viele Themen und Motive früherer Bände finden sich wieder. Dank Murrays Sprachfuror, seiner frischen, stets originellen Blick- und Schreibweise haftet ihnen jedoch nie der Geschmack des Abgestandenen an. Von Tieren handeln die Gedichte, von weiten Landschaften, von Gerüchen und Gesprächen, von Küsten, Kais und Stränden. Murrays australische Heimat spielt stets eine wichtige Rolle in seiner Lyrik, aber auch andere Weltgegenden kommen vor – das Tote Meer, der Tadsch Mahal oder – Hannover: »Ein Lama stand in Hannover neben einem Mann, / der Euros für sein Futter sammelte. / Das Kameltier hatte einen warmen Blick. Seine tiefe / Wolle war aus trockenen Himmelswolken gesponnen.«
In einem Interview bekannte Murray einmal, der Prosa eher ablehnend gegenüberzustehen, da sie zur Kritik neige. Viele seiner eigenen Gedichte allerdings könnte man ebenfalls als kritisch bezeichnen. So ist Murrays Skepsis gegenüber der technischen Welt unüberlesbar. Telefon und Internet sind ihm ebenso suspekt, wie ihm die Macht der Medien verdächtig erscheint. Und auch das Geld ist ihm nicht geheuer: »Wie hat nur Geld das Leben gefangen / fernab von Lyrik, Ideologie, Religion? / Es wollte unsere Seelen nicht.«
Am stärksten ist die Lyrik Murrays dort, wo sie sich dem »dornigen Kajeputbaum« widmet, wo sie nach Ibis, Rotrückenreiher und Teichralle Ausschau hält. Es sind diese vermeintlich kleinen Beobachtungen und Erlebnisse, in denen Großes aufscheint. Als der Dichter einmal einen mit einer Fensterscheibe kollidierten Eisvogel in seiner großen Pranke hält, da, etwa zwanzig Minuten lang, »ruhten wir aus, jeder für sich, / als starrten wir zurück oder / vorwärts in die Urgeschichte«.
Es mag nicht zuletzt an der engen Zusammenarbeit zwischen Les Murray und seiner Übersetzerin Margitt Lehbert liegen, dass die deutsche Fassung gegenüber dem ebenfalls abgedruckten Original nicht wie eine blässliche Kopie wirkt. Im Gegenteil, sie ist kraftvoll und zugleich subtil und weit mehr als eine bloße Verständnishilfe. Dennoch sind die Originaltexte dankenswerterweise mit abgedruckt. Wenn noch etwas zu wünschen übrig bliebe bei dieser Ausgabe, dann, dass in Zukunft nicht mit Anmerkungen gespart wird. Ohne diese bleibt nämlich manches dunkel; zumindest weiß wohl nur der Liebhaber, dass es sich bei Russisch Blau um eine Katzenart handelt, eine Art überdies, die zur Stummheit neigt und das Miauen lieber lautlos imitiert. Für sie gilt gleichwohl dasselbe wie für ihren Dichter: Beide sind selbst »im Schnurren beredt«.
- Datum 25.06.2011 - 17:40 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.6.2011 Nr. 26
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