Natürlich sind wir immer wieder nach Marokko gefahren. Auch in der schlimmen, in der »bleiernen« Zeit. Urlaub als Familienbesuch bei meiner Tante, ihrem marokkanischen Mann und ihren drei Söhnen. Touren in die Königsstädte, ins Atlas-Gebirge, in die Wüste. Der Schatten war immer da, das Bild von Hassan II. hing in allen Hotellobbys, Restaurants und Museen. Auf jede Welle des Widerstands, auf jeden Putschversuch gegen den König folgte eine Welle der Repression. Wir wussten sehr wohl, was sich in den Gefängnissen abspielte. Eines der berüchtigtsten lag unweit des Hauses meiner Verwandten.

Aber Marokko blieb mein begehrtes Reiseziel. Es war das fernste Land, das man Ende der siebziger Jahre mit einem Interrail-Bahnticket erreichen konnte. Mit im Abteil: kettenrauchende marokkanische Gastarbeiter auf dem Weg in den Heimaturlaub, junge Rucksacktouristen, die Bücher von Paul Bowles und Rotweinflaschen auspackten. Und marokkanische Studenten, die von einem Ausflug nach Tanger in den Süden zurückkehrten. Einer hieß Abdelkarim, Philosophiestudent, er bot sich als Fremdenführer an. An sein vor Angst erstarrtes Gesicht bei einem gemeinsamen Cafébesuch erinnere ich mich bis heute. Ich hatte in normaler Lautstärke »Hassan Deux« gesagt, den Namen des Königs ausgesprochen. »Nicht seinen Namen«, zischte Abdelkarim, »nenne nie in der Öffentlichkeit seinen Namen.« Kurz darauf hielten uns zwei Polizisten in Zivil an, wechselten ein paar Worte mit ihm, ließen uns gehen. Es dauerte einige Zeit, bis seine Hände nicht mehr zitterten.

Der Schatten verschwand 1999, nach Hassans Tod folgte sein Sohn Mohammed VI., genannt M6, auf den Thron. Ein Modernisierer, der die Frauenrechte stärkte und die Verbrechen seines Vaters durch eine Wahrheitskommission untersuchen ließ. Das war kein Generationenwechsel, das war eine Generationenrevolution. »Man kann wieder atmen«, sagte meine Tante.

Mein jüngster Besuch liegt zweieinhalb Monate zurück. Zu Abdelkarim habe ich längst den Kontakt verloren. Meine Bekannten unter den Studenten von heute heißen Majid, Mourad, Hicham – und sie lassen mich nicht nur im wörtlichen Sinn alt aussehen.

Ich rühme die Atmosphäre auf den Boulevards, wo Straßenjongleure neben einem Sit-in streikender Lehrer üben, junge Männer bei einer Kundgebung für Frauenrechte ein Schild mit der Aufschrift »Ich bin Feminist« in die Kamera halten. Meine Bekannten erzählen von dramatischer Jugendarbeitslosigkeit, von der Nutzlosigkeit ihrer Universitätsabschlüsse, der Korruption des royalen Klans.

Ich staune über die globalisierte Kultur des Landes – Susan Sarandon und John Malkovich beim Filmfestival in Marrakesch; Musikstars aus aller Welt beim Open-Air-Event Mawazine in Rabat; Heavy-Metal-Fans beim SidiRock-Konzert in Sidi Kaçem. In welchem anderen afrikanischen oder arabischen Land konnte man in den vergangenen Jahren so »politisch korrekt« Urlaub machen?

Meine Bekannten lächeln bitter, schimpfen über »Brot und Spiele«, erzählen von den Armenvierteln in Casablanca und der Propaganda militanter Islamisten und der Polizei, die sehr wohl zuschlage, wenn kein Kameramann in der Nähe sei. Die gerade angekündigte Verfassungsreform halten sie für »Kosmetik«. Sie gehören zur Protestbewegung des 20. Februar, Marokkos sehr sanfter Version des Arabischen Frühlings. Natürlich müsse man weiter demonstrieren.