Eine F-16 hebt vom Stützpunkt in Leeuwarden in Richtung Sardinien ab. Die niederländische Armee stellte sechs Kampfjets und 200 Soldaten für den Libyen-Einsatz der Nato. © Robin Utrecht/AFP/Getty Images

Eigentlich war sie nur als persönliche Abschiedsrede gemeint, aber sie klang wie die der Supermacht höchstselbst. Amerika, sagte der scheidende US-Verteidigungsminister Robert Gates vor wenigen Tagen in Brüssel, werde künftig nicht mehr als Europas Kavallerie bereitstehen. Weder der US-Kongress noch die breitere politische Klasse verspüre die »Lust«, weiterhin wertvolles Geld für Nationen aufzuwenden, »die offenbar nicht willens sind, die notwendigen eigenen Verteidigungsmittel aufzubringen«. Die laufende Libyen-Mission der Nato , so Gates, entlarve noch deutlicher als der Afghanistan-Einsatz den erbärmlichen Zustand der europäischen Streitkräfte: Zwar hätten sich sämtliche 28 Mitglieder der Allianz für die Operation ausgesprochen, aber nicht einmal ein Drittel von ihnen beteilige sich an der Bombardierung der Gadhafi-Armee. Selbst diejenigen Europäer, die wollten, könnten nicht mitmachen, denn: »Die militärischen Fähigkeiten sind einfach nicht da.«

Ist es wirklich so schlimm? Muss die EU jetzt auch noch Milliarden in die Armeenrettung schießen? Ein Europa, um bei Gates’ Erregungsanlass zu bleiben, das ohne amerikanische Zulieferung nicht einmal genügend Präzisionsbomben, Aufklärungsdrohnen und Zielerfassungstechnik aufbringt, um die zweitklassig bewaffnete Wüstenarmee eines wirren Operettenoberst unschädlich zu machen, darf ja schon zweifeln, ob es als Ordnungsmacht taugt. Mit der unfreundlichen Faktenbeschreibung hat der Mann also recht. Trotzdem ist seine Schelte reichlich glattzüngig, weil unreflektiert. Aber der Reihe nach. Zunächst einmal, welche Fähigkeiten fehlen Europa, wie militärisch schwachbrüstig steht es wirklich da?

Richtig ist, dass Europa mit seinen 500 Millionen Einwohnern pro Jahr nicht einmal halb so viel Geld für Verteidigung ausgibt wie die Vereinigten Staaten mit ihren 300 Millionen Einwohnern (2009 waren es in der EU 194 Milliarden, in den USA 498 Milliarden Euro). Richtig ist auch, dass die Europäer nicht gerade Meister der militärtechnischen Innovation sind. Sie besitzen weder Tarnkappenbomber noch bombentragende Drohnen, noch Flugzeuge, die speziell für die Bekämpfung von Bodenzielen, wie jetzt in Libyen, ausgelegt wären. Es mangelt außerdem an ausreichend Hightech-gerüsteten Spezialkräften, die im Ernstfall Verwundete oder Entführte retten könnten. Aus Kostengründen hat Großbritannien im März seinen letzten Flugzeugträger außer Dienst gestellt, und von dem französische Pendant können, falls er einmal nicht in der Werft liegt, ausschließlich französische Rafale-Jets starten, die sonst kein europäisches Land besitzt.

Belgien leistete sich früher mal 160 Kampfbomber

Gleichzeitig geben die Europäer enorm viel Geld, nämlich fast fünfzig Prozent der Militärhaushalte, für Soldaten aus (in Amerika sind es nur 20 Prozent), mit dem Ergebnis, dass die 27 EU-Staaten eine halbe Million mehr Frauen und Männer in Uniform beschäftigen als die Vereinigten Staaten. Nur vier Prozent von ihnen allerdings sind in Auslandseinsätzen eingesetzt, verglichen mit 16 Prozent in den USA. Kurzum: Europa hat mehr Soldaten, die weniger können als amerikanische. Das gern so genannte bang for the buck-Verhältnis (frei übersetzt: Feuerkraft pro Euro) fällt, das muss man Gates lassen, suboptimal aus.

Bloß darf man, und damit zur politischen Fairness, drei Kleinigkeiten nicht vergessen. Erstens ist Europa kein Nationalstaat, sondern ein Verbund von Ländern, die vor noch nicht langer Zeit vor allem gegen einander statt mit einander rüsteten. Zweitens hatten die USA nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit ein Interesse daran, ihre weltpolitische Dominanz zu wahren. Der Gründungszweck der Nato bestand in den Worten ihres ersten Generalsekretärs Lord Ismay darin, »to keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down«, also die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen am Boden zu halten. Während in Mitteleuropa Massenarmeen als konventionelles Bollwerk gegen Warschauer-Pakt-Truppen aufgebaut wurden, trat Amerika von Vietnam bis Grenada als sendungsbewusster Weltpolizist auf.

Europa wäre geradezu verrückt gewesen, in den vergangenen zwanzig Jahren seine Heere und Luftwaffen nicht radikal abzuschmelzen; 1989 unterhielt Frankreich noch 550.000 Soldaten, Deutschland knapp 500.000, und das kleine Belgien leistete sich 160 F16-Kampfjets. Das Problem ist bloß, dass die europäischen Staaten die gewaltige Schrumpfung seit der Ost-West-Einigung nicht koordiniert betrieben haben, sondern in kurzsichtigen nationalen Alleingängen. Die europäische Militärlandschaft ist kein durchdachter Park, sondern eine Kolonie von Gartenzwerg-Gehegen. »Wenn die europäischen Armeen Firmen gewesen wären, hätten sie Teile oder alle ihre Betriebe miteinander verschmolzen, um Kostenersparnisse zu erzielen«, bilanziert der Verteidigungsexperte des Londoner Centre for European Reform (CER), Tomas Valasek. »Das haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, nicht getan. Deswegen wiegen die Fixkosten – für Gehälter, Ausrüstungspflege und Gebäude – unverhältnismäßig schwer zulasten von Ausbildung und Neubeschaffung.«