Neu entdecktes TagebuchJeder konnte es wissen

Ein Jahrhundert-Dokument: Von 1939 bis 1945 führte Friedrich Kellner, ein kleiner Justizbeamter in der hessischen Provinz, sein politisches Tagebuch. Es zeigt, wie viel der Normalbürger von den Verbrechen des NS-Regimes mitbekam. Jetzt wird Kellners Journal erstmals veröffentlicht. von Markus Roth

Einige Frauen machen den Hitlergruß an Deck eines Kreuzfahrtschiffs im April 1938.

Einige Frauen machen den Hitlergruß an Deck eines Kreuzfahrtschiffs im April 1938.  |  © Becker/Fox Photos/Hulton Archive/Getty Images

Laubach, Oberhessen, Anfang September 1939. In seiner Dienstwohnung im Amtsgericht der kleinen Stadt bei Gießen beginnt der Justizinspektor Friedrich Kellner damit, ein Tagebuch anzulegen. »Es ist heute so«, schreibt er, »daß das Leben überhaupt nicht mehr lebenswert ist. Ein drangsaliertes, gequältes, eingeschüchtertes, überaus unfreies Volk soll sich für einen Tyrannen totschießen lassen. Terror ohnegleichen! Die Bonzen als Spitzel. Der anständige Deutsche hat kaum mehr den Mut, überhaupt zu denken, geschweige denn etwas zu sprechen.« Wovor Sozialdemokraten wie Kellner in den letzten Jahren der Weimarer Republik immer gewarnt hatten, das war nun eingetreten – mit dem Überfall auf Polen brach das NS-Regime einen Krieg vom Zaun, der Millionen Menschen das Leben kosten sollte.

Friedrich Kellners an die 900 Seiten zählendes Tagebuch aus den Jahren 1939 bis 1945 gehört zu den großen historischen Dokumenten des 20.Jahrhunderts, von Stil und Anlage her allenfalls vergleichbar mit den Aufzeichnungen des Celler Ingenieurs Karl Dürkefälden. Erst jetzt wird es, nachdem es lange in Familienbesitz geblieben war, endlich veröffentlicht. Kein unmittelbar Verfolgter spricht hier, wie etwa Victor Klemperer in seinem berühmten Journal, sondern ein deutscher Normalbürger, ein stiller, aber kritischer Beobachter tief in der Provinz. Sein Tagebuch wirft erneut die Frage auf: Was konnte der Einzelne während der NS-Zeit wissen? Was las er in der Zeitung, hörte er im Radio (ohne heimlich den »Feindsendern« zu lauschen)? Was war von den großen Verbrechen in Erfahrung zu bringen, wenn ihm jeder Zugang zu den internen Kreisen des Regimes fehlte?

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Im Unterschied zu Klemperer war Kellner auch kein Intellektueller aus großbürgerlichem Haus. Geboren wurde er 1885 in Vaihingen an der Enz, in der Nähe von Stuttgart. Sein Vater arbeitete als Bäcker, seine Mutter als Dienstmädchen. 1889 zogen die Kellners nach Mainz, wo Friedrich Volks- und Oberrealschule besuchte. 1903 begann er seine Ausbildung als Gerichtsschreiber in Mainz. Nach dem obligatorischen Vorbereitungsdienst von drei Jahren und der einjährigen Militärzeit fand er Anstellung am Mainzer Gericht. Hier arbeitete er bis 1932, zwischenzeitlich befördert zum Justizinspektor. Ob bereits sein Vater Sympathien für die Arbeiterbewegung gehegt hatte, ist nicht bekannt, Friedrich jedenfalls schloss sich bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in dem er brav gedient hatte, der SPD an und engagierte sich aktiv für sie.

Markus Roth

Der Autor ist stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Herder-Instituts Marburg.

Zusammen mit Sascha Feuchert, Robert Kellner, Erwin Leibfried und Jörg Riecke hat er die Tagebücher Friedrich Kellners ediert. Die beiden Bände erscheinen unter dem Titel "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne" Mitte Juli im Wallstein Verlag, Göttingen (1.200 Seiten, 59,90 €).

Wenige Tage vor dem Machtantritt Hitlers versetzte ihn das Justizministerium nach Laubach im Kreis Schotten. Friedrich Kellner und seine Frau Pauline zogen in die Kleinstadt, wo die NSDAP schon in den Reichstagswahlen im Juli 1932 mehr als 70 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Doch wusste man hier nichts von Kellners Einsatz für die SPD oder veranschlagte ihn gering, sodass er die nach 1933 rasch einsetzenden Säuberungen in Verwaltung und Justiz unbeschadet überstand.

Dass der neue Bürger der Stadt offenkundig kein glühender Anhänger der »Bewegung« war, merkten seine Vorgesetzten und die Parteigewaltigen in der Provinz freilich rasch, widersetzte sich Kellner doch beharrlich dem Drängen, in die Partei einzutreten. Lediglich dem wiederholten Druck, endlich der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) beizutreten, da, wie man ihm im Juli 1935 schrieb, »es nach unseren Erfahrungen heute keinen Beamten, insbesondere keinen Mittleren Beamten mehr geben dürfte, der nicht der N.S.V. als Mitglied angehört«, gab er schließlich nach, ohne sich jedoch jemals in irgendeiner Form zu engagieren.

Leserkommentare
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    Ich habe als Kind von meiner Großmutter erfahren, dass sie obwohl auf einem Dorf lebend sehr wohl wußten, was ihnen blühte, wenn man auffällt und wie schnell gestorben und wie intensiv gefoltert wurde, in dieser Zeit.

    Das zu wissen, hat nichts mit so etwas wie "schlechtes Gewissen" wegen der bequemen Lüge vieler zu tun, sondern damit, was es bedeutet, aufmerksam durchs Leben zu gehen und ähnliche Entwicklungen nicht mit zu stützen.

    Ich finde es wichtig, sich klar zu machen, dass Wissen keine Exklusivveranstaltung von 15 üblen Kerlen war, sondern durch das ganze Volk ging und die vielen Einzelnen das Regime mit trugen und auch die vielen Toten in Kauf nahmen. Nur so konnte es klappen und nur so wird eine Diktatur draus.

    Das können sie selbst entscheiden.
    Wenn sie Artikel zur NS-Zeit so lesen müssen...

    Ich finde die Frage danach, wie viel "der kleine Mann" wissen konnte, noch nicht geklärt und noch immer spannend.

    Warum sollte man darüber nicht mehr schreiben dürfen?

    Um ein „schlechtes Gewissen“ geht es nicht. Das hilft niemanden.
    Doch diese Geschichte, unser gemeinsames kulturelles Erbe, enthält die Verpflichtung, daraus zu lernen, damit sich derartig schändliche Gräuel niemals wiederholen können.
    Lernen erfordert Wissen. Auch, wenn es unbequem ist.
    Vielen Dank für diesen Artikel.

    darin, die Schuld der damaligen Eliten zu relativieren indem man sie gleichmäßig auf alle Deutschen verteilt. Sicherlich rehabilitiert dieser Artikel den "Elitegedanken".

    Ich denke ein NS Arzt, der in einem KZ oder einer "Heilanstalt" täig war oder ein Richter in NS Tribuanalen haben doch sicherlich einen deutlich unmittelbareren Zugang zum Geschehen gehabt wie der nichtelitäre Normalbürger.

    Ansonsten, ein interssanter Artikel. Leider wird hier nicht deutlich, was ergab sich damals aus indirekten Schlüssen, was war lediglich als Fama einzustufen etc.

    National gesinnte Konservative wohl eher nicht - der Rest sollte wohl die Möglichkeit haben aus der Geschichte zu lernen, mit "schlechtem Gewissen" hat das überhaupt nichts zu tun.

    Sinn des Artikels ist es, den Menschen die Augen zu öffnen, damit sich so eine Geschichte nicht wiederholt. Die Menschen sind heute wie vor 80 Jahren anfällig für Propaganda, Fühlerkultur, Anteilnahmslosigkeit bei offensichtlichem Unrecht, Verdrängung von sittenwidrigem Verhalten und Unbekümmertheit in Bezug auf die eigene Zukunft. Dafür gibt es etliche aktuelle Beispiele aus der Wirtschaftswelt, z. B. Apple.

    Denn wer weiss denn schon, wie er selbst in dieser Zeit gedacht und gehandelt hätte?

    Aber für uns sollte die Erinnerung eine Mahnung sein, anders zu handeln.

    Die Augen nicht zu verschliessen vor israelischer Unrechtspolitik, vor russichem Terror in Tschetschenien, vor chinesicher Unterdrückung in Tibet.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/ag

    Aber man muss sich seiner Geschichte bewusst sein. Und die Frage dieses Artikels danach, ob die Bevölkerung von dem Morden und den Verbrechen gewusst haben konnte ist meiner Meinung nach eine zentrale. Meine Großmutter hat den Krieg als Kind miterlebt und wusste vage, was mit den jüdischen Mitbürgern aus dem Ort passierte. Als Grundschulkind. Mein Großvater war an der Ostfront, ich möchte auch nach seinem Tod nicht wissen, was er dort getan und erlebt hat, weil das mein Bild von ihm nachträglich verändern würde.
    Aus heutiger Sicht zu sagen, man hätte doch dies oder jenes anders machen können ist weder sinnvoll noch zielführend. Aber ein bewusster Umgang mit Geschichte und den entsprechenden Lehren daraus ist überaus wichtig. Egal wie zivilisiert oder gebildet ein Volk ist, kann es immer Gefahr laufen, Regimen wie dem NS-Regime zu verfallen... Der Sinn des Artikels? Geschichte bewusst machen, verstehen, was die Menschen damals von den Verbrechen wussten und was hier im Falle eines Einzelnen über das Regime gedacht wurde und sicherlich keine nachträgliche Kollektivschuldfrage für die jetzige Generation ("ein schlechtes Gewissen..")..

    • Karl63
    • 27. Juni 2011 10:17 Uhr

    es geht dabei um etwas sehr viel grundsätzlicheres: eben jener Friedrich Kellner hat sich seine ganz eigenen Gedanken zum Geschehen in jener Zeit gemacht und dies niedergeschrieben. Er hat offensichtlich so einiges durchschaut, was die Nazis hinter ihrer Propaganda zu vernebeln suchten. Der Punkt ist, er musste dieses sorgfältig verbergen, denn jedes Anzeichen dafür wie er wirklich dachte, hätte ihn ins KZ bringen können.
    Insofern habe Sie etwas getan, was Friedrich Kellner nicht möglich war: Sie haben ihre Meinung dazu offen kund getan und jeder interessierte kann es lesen ohne dafür im Gefängnis (oder schlimmeres) zu landen.

    Was stört Sie daran, von einem der menschlicher Empfindenden und Handelnden in unmenschlichster Zeit zu lesen?

    Mit Verlaub: Das wirkt schon etwas merkwürdig.

    Wenn meine Mutter ihrem Enkel mal wieder erzählen will, dass "der einfache Bürger" ja von nichts wusste, fragt mein Sohn nun nach und bringt die Oma ganz schnell in Verlegenheit. Schlimm genug, wenn ich diese Geschichten anfangs geglaubt habe. Wer wäscht seine Hände nicht gerne in Unschuld, da kann ich die Generation schon verstehen, aber das Problem ist, dass sie damit einer ganzen Generation ein falsches Geschichtsbild verpasst haben. Und wer angesichts eines letztlich so harmlosen Artikels gleich so reflexartig reagiert wie der erste Kommentator, scheint nicht unbedingt an einem realistischen Geschichtsbild interessiert zu sein. Wahrscheinlich ruft er nach jedem Artikel über die NS-Zeit gleich nach dem Schlussstrich, der doch endlich gezogen werde müsse...

    Wer weiß, wie unsere Gesellschaft funktioniert der weiß auch dass dieselben Mechanismen, die damals dazu geführt haben dass dieser Wahnsinn kollektiv akzeptiert war immer noch aktiv sind. Es sind dieselben Mechanismen, die dazu führen, dass auch heute noch ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisiert werden und ausgegrenzt. Es sind dieselben Prinzipien, nach denen das überall auf der Welt das "Wir" sich gegen "Die Anderen" legitimiert. Egal ob das Griechen oder Chinesen, Christen, Moslems oder Arbeitslose sind. Es ist der Strom, in dem Otto Normalbürger mit schwimmt und ohne den unsere vermassten Gesellschaften auch gar nicht funktionieren würden. Im Kleinen sind es dieselben Prinzipien nach denen Einzelne in den Büros, Werkshallen oder Schulen gemobbt. werden. Oder an denen sie scheitern, wenn sie zu sensibel für dieses "Spiel" sind und depressiv werden wie Robert Enke. Das ist der Sinn so einer Arbeit und so eines Artikels. Und es geht denen am Meisten gegen den Strich, die ihr eigenes unmenschliches Verhalten heute wie damals mit dem Argument rechtfertigen dass sie keine Alternative hätten, weil so ein Tagebuch sie widerlegt. Weil es zeigt, dass man die Dinge zumindest so sehen kann wie sie sind, auch wenn man persönlich kaum eine Chance hat sich dem Terror zu widersetzen.

    ist der Hinweis auf ein außergwöhnliches historisches(!!) Dokument, das besonders dadurch auffällt, daß es eine seltene, unakademische Perspektive hat und damit ergänzend zu den Unmengen akademischer Abhandlungen für den Historiker oder historisch Interessierten wirkt.

    Zitat:

    Was ist der Sinn dieses Artikels?

    Zu untermauern, dass die Deutschen zu Recht noch immer ein schlechtes Gewissen haben müssen?

    Und wenn ja, wozu eigentlich sollen sie noch immer ein "schlechtes Gewissen" haben?

    Wer hat daran Interesse?

    (Zitat Ende)

    Wenn die Großenkel dieser Generation und die populistische Boulevardpresse sechzig Jahre nach Kriegsende ganze Völker als PIGS-Staaten, auf deutsch "Schweinestaaten" diffamiert, und selbst die Bundeskanzlerin Unwahrheiten in Meschede über die "faulen" Südländer verbreitet, dürfte der Sinn und leider die Aktualität dieses Artikels jedem halbwegs vernünftigem Menschen mehr als klar sein.
    Die Deutschen sind zwar nicht zu Nazis mutiert, und Kritik ist die Atemluft der Demokratie, man muss allerdings aufpassen, was, wen und wie man kritisiert. Läßt man nämlich die Geister des Nationalismus und Chauvinismus aus der Flasche, soll man sich hinterher nicht wundern was sie angerichtet haben. Denn was sie anrichten KÖNNEN, wissen wir leider zur genüge. Und das gilt nicht nur für die Deutschen, sondern für alle Europäer, die sich in dieser Debatte engagieren.
    Im nachhinein will es dann wieder niemand gewesen sein, der als erster den Stein geworfen hat.

    • gorgo
    • 27. Juni 2011 11:31 Uhr

    Sie schreiben "Was ist der Sinn dieses Artikels?

    Zu untermauern, dass die Deutschen zu Recht noch immer ein schlechtes Gewissen haben müssen?

    Und wenn ja, wozu eigentlich sollen sie noch immer ein "schlechtes Gewissen" haben?

    Wer hat daran Interesse?"

    Kleine Rückfrage:

    Was ist der Sinn Ihres Beitrag?

    Zu untermauern, dass es bei der Aufarbeitung von deutscher Geschichte darum ginge, heute Lebenden ein schlechtes Gewissen einzureden? Wer sagt das? Woher haben Sie diese These?

    Und wenn ja, wozu dient eigentlich die Behauptung, es ginge um ein "schlechtes Gewissen" - wenn doch jeder weiß, dass man ein schlechtes Gewissen nur für eigene Taten, nicht die anderer haben kann?

    Wer hat Interesse daran, Erinnerung an Judenmord denunziatorisch als Beschuldigung heute lebender unbeteiligter Deutscher hinzustellen?

    Gehören Sie einer bestimmten Organisation an?

    ein schlechtes Gewissen zu machen - es geht darum, aufzuzeigen, was auch ein einfacher Mensch damals erfahren konnte, wenn er die Augen aufmachte und sich nicht durch Propaganda vernebeln ließ. Es geht schlicht und einfach darum, die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist - und nicht, wie sie schöngemalt wird.
    Analog zur damaligen Zeit kann man z.B. heute in Erfahrung bringen, wie fatal sich die Liberalisierung der Arbeitsgesetze auswirkt - in Bezug auf Leiharbeit und befristete prekäre Arbeitsverträge, in Bezug auf die Tatsache, daß Menschen finanziell durch den Staat gefördert werden müssen, weil die Arbeitgeber Minimallöhne bezahlen, weil die Menschen von ihrer Hände Arbeit nicht leben können. Da werden nämlich irgendwann auch viele sagen, davon habe man ja nichts gewußt oder die Situation nicht richtig eingeschätzt - spätestens dann, wenn die Volkswirtschaft diese Entwicklungen nicht mehr verkraftet.
    Genau kann man die Energiepolitik offenen Auges betrachten - den Wunsch der großen Konzerne, ihre AKWs beizubehalten und längstmöglich laufen zu lassen, obwohl spätestens nach Tschernobyl klar hätte sein müssen, daß im Falle eines Supergaus unser aller Lebensumstände sich verändern.
    Ich glaube, diese Lehre sollten wir daraus ziehen. Selbst in einer Zeit der Diktatur und gnadenlosen Verfolgung konnte man, wenn man wollte, die Wahrheit sehen - umso mehr sollte das für die heutige Zeit gelten.

    Es geht nicht um Schuld und schlechtes Gewissen!

    Es geht um die Verantwortung für den Umgang mit dem Geschehenen und der Zukunft!

    Nur wer sich dieser Verantwortung entzieht darf mit Recht ein schlechtes Gewissen haben!

    • lpzig
    • 27. Juni 2011 13:44 Uhr

    Man braucht nur an die Kristallnacht zu denken, nicht nur an die paar Burschen, die zerschlagen haben was ihnen nicht gefiel.

    Aber die Verbrecher, denen man die Millionen Toten des WW2 anrechen MUSS, waren die Beistaender, die sich ueber die Sache gefreut haben, jubelden oder wenigsten keinen Finger ruehrten.

    Anderswo hier wurde mal geschrieben: Viel ist wieder wie "frueher", in den meisten der hundert + Jahren seit Bismarck (ausser den paar Jahren der Ohnmacht).

    Man glaubt wieder (die grosse Mehrheit): Die Verantwortlichen fuer alles boese leben ueber dem Wasser ausserhalb Europa's, sind Kapitalisten, einschliesslich Juden die so oft erfolgreiche Kaufleute waren/sind (mehr als andere) und sprechen meistens Englisch.

    und Sie offensichtlich auch, wenn Sie dieses Thema kommentieren und so nach dem Sinn des Artikels fragen.

    Meiner Meinung nach müssen sich auch heutige Generationen weiter mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen und dazu gehört auch die Schuldfrage.

    Ich bin in einem Dorf in Mecklenburg Vorpommern aufgewachsen, in dem für mich die Wahl bestand zwischen:
    Zugehörigkeit zur Dorfjugend mit eindeutiger Bekenntnis zur rechten Szene oder:
    Außenseiter werden und sich mit dem Thema Nationalsozialismus etwas besser auseinandersetzen als meine Altersgenossen.

    Die Abneigung gegen diese Jugendlichen hatte bei mir damals zu einer allgemeinen Abneigung gegen alles Deutsche geführt und sicher auch zu einer undifferenzierten bzw. schizophrenen Betrachtung in Richtung: Alle Deutschen sind Nazis.
    Heute sehe ich das anders und denke:
    Mein Deutschsein bedeutet für mich zu einem großen Teil: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte meines Landes.

    Die Schuldfrage gehört zu dieser Auseinandersetzung dazu. Es ist eine Frage die sich in diesem Land in jeder Generationen Menschen wieder neu stellen werden, weil wir von innen wie außen immer wieder damit konfrontiert werden. Weil wir Deutsche sind. Es gehört wie ich finde auch zur deutschen Sozialisation dazu. Aber jeder kann und darf daraus andere Schlüsse ziehen.

    Deshalb lese ich gern Artikel wie diesen und ich finde es wichtig, dass deutsche Zeitungen noch immer darüber schreiben.

    Die Antwort nach dem Sinn kann man fast wörtlich aus obigem Artikel zitieren, da sie der Niederschrift des kleinen Beamten und SPD-Mitglieds Kellner entspricht:

    »Der Sinn meiner Niederschrift ist der, augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein ›großes Geschehen‹ heraus zu konstruieren (eine ›heroische Zeit‹ od. dergl.).«

    • xy1
    • 27. Juni 2011 20:02 Uhr

    Der Artikel berichtet über ein Tagebuch.
    Es wäre Ihnen zu raten, dieses zu lesen und danach ein wenig nachzudenken.
    Möglicherweise finden Sie dann die Antwort auf Ihre Frage.

    der Sinn dieses Artikels ist es nicht Sie beschämen oder zu beschuldigen. Ich gehe einmal davon aus, dass Sie zu dieser Zeit noch nicht auf der Welt waren. Der Sinn ist es zu zeigen, wie das damals ablief. Wie normale Bürger entmachtet und das Böse an die Macht kam und sich etliche Menschen willfährig in seine Dienste stellten.

    Leiden Sie persönlich wirklich so stark unter diesem (behaupteten) "schlechten Gewissen"?

    Oder wollen Sie sagen, dass es dem Deutschen wieder erlaubt sein müsste, geschichtsbefreit endlich wieder "mit der Faust auf den Tisch zu hauen"? Brrrrr... kalt wird es da bei dieser Sehnsucht.

    .. die Beschäftigung mit der Frage, wie unauffällige Zivilpersonen sich in brutale Mörder (und nach 1945 wieder zurück-) verwandeln konnten.

    Dies ist in besonders eklatanter Weise in Nazi-Deutschland der Fall gewesen, wie u.a. dieser exzellente Artikel zeigt, doch es kam und kommt leider auch andernorts vor. Das Thema bleibt daher aktuell.

    Sinn des Artikels??? Ich muss täglich feststellen, dass wir Deutschen unserer Verantwortung aus unserer beschämenden Geschichte heraus IN KEINSTER WEISE gerecht werden. Es werden wieder Menschen ganz selbstverständlich in wertvoll und weniger wertvoll, in schwarz und weiß, in Kopftuch und ohne Kopftuch einsortiert. Und nebenbei schauen wir zu, wie bis zum heutigen Tage schon ca. 200 Menschen auf deutschem Boden durch die Fäuste und Fußtritte einer neuen Nazigeneration getötet wurden. Was für eine Schande!! Was für ein kollektives Versagen!!!

  2. Klasse Artikel, danke!

  3. Leider wurde ja nur wegen des kalten Kriegs anschließend nichts davon umgesetzt. Speziell die Kontinuität der Nazis in der Justiz hatte ja noch einen sehr langen Atem.

  4. Theoretisch hätten sie es wissen müßen, aber selbst heute interessieren sich vielleicht 25% für Politik und 10% bekommen vielleicht wirklich mit, was da im einzelnen passiert.

    In den 30 Jahren war der Bildungsstand noch schlechter als heute und die, im Gegensatz zu heute, lächerlich wenigen Medien (Tageszeitung und einige wenige Radioprogramme) waren sowieso alle gleichgeschaltet.

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    Damals musste man allerdings auch noch ab und zu aus dem Haus. Wenn überall Familien verschwinden, es Asche regnet und Viertel "gesäubert" werden, bekommt man es mit. Man redet ja auch untereinander, gerade in ländlichen Ecken weiß auch heute jeder welche Leichen der Nachbar im Keller hat, man zerreist sich das Maul. Denken sie zwischen 1933 und 1945 haben die Leute mit diesem Brauch aufgehört?

    Peinlich ist, die Dummheit der Masse! Dabei spielt der Grund keine Rolle. Egal ob die Mehrheit der Deutschen in den 30er- und 40er-Jahren blind, taub oder gefühlos war oder sich so gestellt hat. Peinlich ist auch, dass das Thema noch Thema ist und offensichtlich sein muss. Peinlich ist auch die suggestive Überschrift des Artikels: Es ist lange geklärt, dass die Verhältnisse in Deutschland zwischen 1933 und 1945 allen die in Deutschland lebten auch bekannt waren. Noch nach über 60 Jahren etwas anderes zu behaupten oder dies anzuzweifeln ist noch peinlicher.

    "In den 30 Jahren war der Bildungsstand noch schlechter als heute und die, im Gegensatz zu heute, lächerlich wenigen Medien (Tageszeitung und einige wenige Radioprogramme) waren sowieso alle gleichgeschaltet."

    Allein aus Berlin wurden rund 170.000 Juden vertrieben oder deportiert bzw. 55.000 ermordert.

    Wie hoch muss der Bildungsstand eines Menschen sein, damit er begreift, dass, wenn die Regierung reihenweise jüdische Nachbarn abtransportiert, irgendetwas faul ist im Staate Deutschland?

  5. Das können sie selbst entscheiden.
    Wenn sie Artikel zur NS-Zeit so lesen müssen...

    Ich finde die Frage danach, wie viel "der kleine Mann" wissen konnte, noch nicht geklärt und noch immer spannend.

    Warum sollte man darüber nicht mehr schreiben dürfen?

    Antwort auf "Sinn des Artikels!?"
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    was jener "kleine Mann" in Erfahrung bringen konnte, sofern er wollte und bereit war Risiken in Kauf zu nehmen, was dieser "ausklammerte" (wollte) obgleich ihm bekannt und er verabsäumt hat festzustellen, was aufgrund einer Zugehörigkeit zu Partei etc. einvernehmlich zur Kenntnis genommen wurde usw.

    Das gibt es auch heute, natürlich in anderem Kontext aber zur Stellung des kleinen Mannes zur politischen Aktualität und Sachzusammenhängen ist die Situation heute unverändert, ja im Grunde noch viel schlechter.
    Die heutige Informationsvielfalt gestattet es dem kleinen Mann durchaus nationale Information und Informationspolitik durch Zugriff auf nicht nationale Medien zu analysieren und für seine Beurteilung zu verwenden - da waren früher bedeutsame Einschnitte in vielfacher Hinsicht wirkend und wirksam.
    Dennoch hat in der Bevölkerung der Anteil "der Wissenden" nicht zugenommen - das Gegenteil ist vielmehr zu konstatieren.

  6. trennt inzwischen die heute Lebenden dermaßen von den damaligen Ereignissen, dass die kleinste Quelle schon als Sensationsfund gedeutet wird, als hätte man es mit einem bisher unbekannten altägyptischen Papyrus zu tun.
    Nur soviel: Das Herrschaftsinstrument der Nazis war die Angst vor ihrem Terror bei dem gleichzeitigen Gebot, über diesen Terror zu schweigen. Sprich: Weil keiner ins KZ wollte, sprach keiner über die Kzs ("keiner" bitte nicht wörtlich nehmen).
    So einfach war das. Und damit ergab sich selbstredend die Möglichkeit, die wahre Dimension des NS-Unrechtsstaates auszublenden. Man konnte ja so schön über Heinz Rühmann und Theo Lingen lachen und Zarah Leander hören.

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    Man muss klar unterscheiden, was kommuniziert wurde und was nicht.

    Für den gesamten Zeitraum des NS-Regimes herrschte im Gegenteil das ausdrückliche Gebot, über den Terror auch zu sprechen - womit hier die Zustände in den Konzentrationslagern im Reich und die Akte des "Maßnahmenstaates" gemeint sind: Entechtung, Willkür, Freiheitsenzug, Verschickung, Folter, Tod - all das wurde nicht totgeschwiegen, sondern ganz im Gegenteil ja als positive Eigenart des NS-Regimes propagandistisch verwertet. Berichte über Dachau und das gesamte KZ-System, das "Schützen des Rechts" durch "den Führer" 1934, die Gesetzgebung kategorialer Ungleichheit, all das war für das NS-Regime ja positiv besetzt und wurde daher auch explizit in den Medien artikuliert. (Deswegen ist das Argument der gleichgeschalteten Medien auch kein Argument gegen, sondern FÜR das allgemeine Wissen.) Diese Artikulation diente ja gerade zur Erzeugung von Gehorsam.

    Ausdrücklich davon ausgenommen ist aber die industrielle Vernichtung in den eroberten Gebieten. Diese wurde möglichst geheim gehalten, aus rein pragmatischen Gründen: Dieser Vorgang schien a) nicht vermittelbar und hätte b) keine disziplinierende Wirkung in der deutschen Bevölkerung gehabt, weil er sie kaum betroffen hat. Netto hätte das NS-Regime also von der Öffentlichmachung nicht profitiert.

    Auch wenn also die fürrchterlichste Facette des Terrors bemäntelt wurde: 12 Jahre hat das gewalttätige Unrechtsregime seinen Terror lauthals kommuniziert.

    • paliki
    • 28. Juni 2011 9:01 Uhr

    Das Schlimme ist, daß diese ängstliche, hilflose und letztendlich feige Geisteshaltung offenbar lebenslang bestehen bleibt. Meine unter den Nazis auf dem Land aufgewachsenen Großeltern leben noch heute nach der Devise: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, und verstehen Schicksalsbewältigung als Verschweigen oder lustiges Überspaßen alles dessen, was irritieren könnte.

    Diese verdrängende Ohnmacht ist nicht nur in Diktaturen gesellschaftlich höchst gefährlich und darf meiner Meinung nach nicht in Vergessenheit geraten. Von daher bin ich froh über jeden Artikel wie diesen, der zeigt, daß Menschen trotz Gleichschaltung der Medien und entgegen der vorherrschenden Meinung kritisch und unabhängig bleiben können, wenn sie wollen.

  7. Um ein „schlechtes Gewissen“ geht es nicht. Das hilft niemanden.
    Doch diese Geschichte, unser gemeinsames kulturelles Erbe, enthält die Verpflichtung, daraus zu lernen, damit sich derartig schändliche Gräuel niemals wiederholen können.
    Lernen erfordert Wissen. Auch, wenn es unbequem ist.
    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Antwort auf "Sinn des Artikels!?"
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    Da gebe ich Ihnen recht. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Was waren die Ursachen?

    - Bankenkrise und Massenarbeitslosigkeit
    - Massenarmut durch den Versailler Vertrag
    - gezielte Propaganda

    Schon beim ersten Weltkrieg zeigte sich erstmals die Wirkung, die man durch Medien auf Massen einwirken kann. Wie man ein Volk die Zustimmung zu Angriffskriegen erhält, kann man heute sehr gut in den USA beobachten. Letztere waren auch in den 30er Jahren u. folgenden Jahrzehnten an ihrem wichtigsten Ziel interessiert: den Feind "Bolschewismus" zu besiegen mit allen Mitteln.

    Daher hat schon damals die Wall Street Hitler mit finanziert:

    "Wall Street und der Aufstieg Hitlers"

    http://www.amazon.de/Sutt...

    Zu fragen ist bis heute: WER profitierte und profitiert von Kriegen? Wer hetzt Völker oder Bevölkerungsgruppen gegeneinander auf?

    Z. Zt. lässt sich wieder beobachten, dass "Stimmung'" gemacht wird gegen "faule Griechen" usw., unsere Erwerbslosen (von denen nur die Hälfte überhaupt zugegeben wird) sind seit Jahren Diskriminierung und Verfolgungsbetreuung ausgesetzt?

    Hier gilt es anzusetzen, wenn man es ernst meint. Die Wirkung der Massenmedien darf nicht außen vor bleiben, wenn man den Anfängen wehren will. Menschen werden radikal, wenn sie in die Enge getrieben werden.

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  • Schlagworte NSDAP | SPD | Victor Klemperer | Polen | Tagebuch | Niederlande
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