Laubach, Oberhessen, Anfang September 1939. In seiner Dienstwohnung im Amtsgericht der kleinen Stadt bei Gießen beginnt der Justizinspektor Friedrich Kellner damit, ein Tagebuch anzulegen. »Es ist heute so«, schreibt er, »daß das Leben überhaupt nicht mehr lebenswert ist. Ein drangsaliertes, gequältes, eingeschüchtertes, überaus unfreies Volk soll sich für einen Tyrannen totschießen lassen. Terror ohnegleichen! Die Bonzen als Spitzel. Der anständige Deutsche hat kaum mehr den Mut, überhaupt zu denken, geschweige denn etwas zu sprechen.« Wovor Sozialdemokraten wie Kellner in den letzten Jahren der Weimarer Republik immer gewarnt hatten, das war nun eingetreten – mit dem Überfall auf Polen brach das NS-Regime einen Krieg vom Zaun, der Millionen Menschen das Leben kosten sollte.

Friedrich Kellners an die 900 Seiten zählendes Tagebuch aus den Jahren 1939 bis 1945 gehört zu den großen historischen Dokumenten des 20.Jahrhunderts, von Stil und Anlage her allenfalls vergleichbar mit den Aufzeichnungen des Celler Ingenieurs Karl Dürkefälden. Erst jetzt wird es, nachdem es lange in Familienbesitz geblieben war, endlich veröffentlicht. Kein unmittelbar Verfolgter spricht hier, wie etwa Victor Klemperer in seinem berühmten Journal, sondern ein deutscher Normalbürger, ein stiller, aber kritischer Beobachter tief in der Provinz. Sein Tagebuch wirft erneut die Frage auf: Was konnte der Einzelne während der NS-Zeit wissen? Was las er in der Zeitung, hörte er im Radio (ohne heimlich den »Feindsendern« zu lauschen)? Was war von den großen Verbrechen in Erfahrung zu bringen, wenn ihm jeder Zugang zu den internen Kreisen des Regimes fehlte?

Im Unterschied zu Klemperer war Kellner auch kein Intellektueller aus großbürgerlichem Haus. Geboren wurde er 1885 in Vaihingen an der Enz, in der Nähe von Stuttgart. Sein Vater arbeitete als Bäcker, seine Mutter als Dienstmädchen. 1889 zogen die Kellners nach Mainz, wo Friedrich Volks- und Oberrealschule besuchte. 1903 begann er seine Ausbildung als Gerichtsschreiber in Mainz. Nach dem obligatorischen Vorbereitungsdienst von drei Jahren und der einjährigen Militärzeit fand er Anstellung am Mainzer Gericht. Hier arbeitete er bis 1932, zwischenzeitlich befördert zum Justizinspektor. Ob bereits sein Vater Sympathien für die Arbeiterbewegung gehegt hatte, ist nicht bekannt, Friedrich jedenfalls schloss sich bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in dem er brav gedient hatte, der SPD an und engagierte sich aktiv für sie.

Wenige Tage vor dem Machtantritt Hitlers versetzte ihn das Justizministerium nach Laubach im Kreis Schotten. Friedrich Kellner und seine Frau Pauline zogen in die Kleinstadt, wo die NSDAP schon in den Reichstagswahlen im Juli 1932 mehr als 70 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Doch wusste man hier nichts von Kellners Einsatz für die SPD oder veranschlagte ihn gering, sodass er die nach 1933 rasch einsetzenden Säuberungen in Verwaltung und Justiz unbeschadet überstand.

Dass der neue Bürger der Stadt offenkundig kein glühender Anhänger der »Bewegung« war, merkten seine Vorgesetzten und die Parteigewaltigen in der Provinz freilich rasch, widersetzte sich Kellner doch beharrlich dem Drängen, in die Partei einzutreten. Lediglich dem wiederholten Druck, endlich der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) beizutreten, da, wie man ihm im Juli 1935 schrieb, »es nach unseren Erfahrungen heute keinen Beamten, insbesondere keinen Mittleren Beamten mehr geben dürfte, der nicht der N.S.V. als Mitglied angehört«, gab er schließlich nach, ohne sich jedoch jemals in irgendeiner Form zu engagieren.