Wer für den Februar Hurghada am Roten Meer gebucht hatte, bekam das volle Programm. Sonnenbaden, Schnorcheln, Tauchen im zwanzig Grad warmen Wasser. Im Club Aldiana Fotoshooting für die Wahl der Miss Germany. Und im Fernsehen Revolution , live aus der Hauptstadt Kairo, 600 Kilometer entfernt. Vorzeitiger Heimflug auf Wunsch ohne Aufpreis. Und für die, die bleiben wollten, besonders herzlichen Service.

Der deutsche Urlauber musste in letzter Zeit einige Überraschungen erleben, von der Vogelgrippe bis zur Aschewolke . Aber dass zwischen Beachvolleyball und Folkloreabend ein Regime gestürzt wird, das war neu. Und wenn man den Zahlen glauben darf, kam es gar nicht so schlecht an. Von den 30.000 Deutschen, die zu Beginn des Umsturzes im Land waren, blieben die meisten bis zum regulären Abreisetag . Warum auch nicht; es war ja ein freudiges Ereignis, vergleichsweise unblutig und so weit weg von den Urlaubsgebieten, dass man sich um das eigene Wohl nicht sorgen musste. Auch die befürchtete Nahrungsmittelknappheit blieb aus, wie ein Stammgast berichtet: »Wir hatten immer reichlich. Einzig importierte Zigaretten waren nirgendwo zu bekommen, da musste Schatzi halt das einheimische Kraut rauchen, aber die Cleopatras sind ja nicht schlecht.«

Fünf Monate ist das jetzt her; und für viele Deutsche stehen die nächsten Ferien an. Aber wenn man an diesen Februar zurückdenkt, macht sich Katerstimmung breit. Es hätte eine schönere Erinnerung daraus werden können, wäre auf den Arabischen Frühling ein demokratischer Sommer gefolgt. Mauerfall auf Ägyptisch, und wir waren dabei, ein bisschen jedenfalls. Doch die Revolution ist stehen geblieben und hinterlässt ein verwirrendes Bild. Dick drauf: der deutsche Urlauber. Festgefroren in der Bewegung; in der Erstarrung, besser gesagt. Herrscher mögen kommen und gehen, er behauptet seinen Platz an der Sonne; für den hat er ja schließlich bezahlt.

Je länger man das Bild betrachtet, umso verrückter nimmt es sich aus. Während Millionen Deutsche die Despotendämmerung in Nordafrika von daheim aus begeistert verfolgten, waren Zigtausende von ihnen in Ägypten und Tunesien , als zufriedene Gäste ebendieser Despoten. Die arabischen Revolutionen zwingen uns zu einem peinlichen Eingeständnis: Wir machen unbekümmert Urlaub in Ländern, die von Demokratie wenig halten. Ist es richtig, da Spaß zu haben und Geld zu lassen, wo Menschen unterdrückt werden?

Reisen in autoritäre Staaten sind eine Normalität geworden. Es gibt darüber keine exakten Zahlen. Erfasst sind aber Entwicklungsländer ; Armut und Unrecht gehen ja leider oft miteinander einher. Demnach führt jeder sechste deutsche Auslandsurlaub mittlerweile in ein solches Land. Jedes dritte Entwicklungsland bezieht seine Devisen vor allem aus dem Tourismus . Die Berliner Branchenmesse ITB konnte in diesem Jahr einen Rekord melden, 188 Nationen waren vertreten . Darunter reichlich Diktaturen und gescheiterte Staaten, selbst Libyen und Nordkorea . Und alle möchten uns empfangen. Unvergessen der Auftritt eines uniformierten sudanesischen Ministers vor wenigen Jahren, kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs. Sein Land sei befriedet, blaffte er die Reisevertriebsleute an; sie sollten umgehend wieder Gäste schicken.

Wie konnte es so weit kommen?

Eins steht fest: Berührungsängste gegenüber Diktaturen hemmten den deutschen Urlauber nie. So war es schon, als im Westen die Reisewelle begann. Spanien boomte – und das nicht etwa erst seit Francos Tod 1975. Sondern schon ein Jahrzehnt früher, als der Alleinherrscher die Einreise erleichterte, um seinen Staatshaushalt zu sanieren. Auch die Urlaubsziele Portugal und Griechenland waren damals Militärdiktaturen. Und Jugoslawien war ein sozialistischer Einparteienstaat. Natürlich wusste man das, wenn man wollte. Es war bloß nicht von Interesse. Den meisten ging es um Erholung. Suche Sonne, biete D-Mark – das erschien als ein faires Geschäft. Was die Politik oder überhaupt die Kultur des Reiselandes anging, hielt man sich höflich an das Prinzip der Nichteinmischung.