ZEITmagazin: Herr Nagano, Ihre Familie stammt aus Japan, Ihre Großeltern sind in die USA ausgewandert...

Kent Nagano: Deswegen habe ich lange mit Widersprüchen gelebt. Meine Identität ist kalifornisch, ich bin Amerikaner in der dritten Generation. Aber traditionelle japanische Feiertage begingen wir ebenso wie den Independence Day. Im Zweiten Weltkrieg waren meine Eltern sogar im Internierungslager, weil Japan der Feind war – dabei konnten sie kaum Japanisch. Wie bringt man als junger Mensch solche Bilder in eins?

ZEITmagazin: Bestimmten diese Widersprüche Ihre Kindheit?

Nagano: Anfangs nicht. Neben uns lebten deutsche, französische und italienische Bauernfamilien. Es machte Spaß, all die verschiedenen Feste, Trachten und Speisen zu erleben. Doch als ich in die Schule kam, hörte ich regelmäßig rassistische Bemerkungen. Kinder können bekanntlich grausam sein. Außerdem ist in Amerika die Werbung sehr machtvoll: Schau her, so musst du sein!, sagt sie. Als junger Mensch, wenn man unbedingt zu einer Gruppe gehören will, ist das alles sehr verwirrend. Seit meiner Jugend fühlte ich diese innere Unruhe: Etwas stimmt einfach nicht mit diesem Bild. Die USA gelten ja als melting pot – dabei könnte es ein Mosaik sein, wo Werte und Wahrheiten nicht verschmelzen, sondern nebeneinanderstehen. Das ergibt ein unglaublich schönes Bild, wie die Scheiben eines Kirchenfensters.

ZEITmagazin: Wie sind Sie denn dieser Zerrissenheit entkommen?

Nagano: Meine Frau war meine Rettung. Mari kommt aus einer jahrhundertealten japanischen Familie, sehr konservativ, aber zugleich international, mit Botschaftern und Bankern. Mari hat in Düsseldorf gelebt, in Paris, London, Genf. Bei ihr standen das Europäische und die alte japanische Tradition in völliger Ruhe nebeneinander. Mit unserer Heirat 1991 waren meine inneren Konflikte mit einem Mal gelöst.

ZEITmagazin: Wie hat dieses Erlebnis Ihr Denken verändert?

Nagano: Zum ersten Mal war meine Seele in Balance. Ich konnte ich selbst sein. Kein Druck mehr, sein zu müssen wie alle anderen, wer auch immer das sein soll. Ohne diese Zweifel gewinnt man Sicherheit und Freiheit. Darum ist es auch so wichtig, Traditionen zu studieren und zu pflegen, wie hier in Bayern. Die Erinnerung reicht nur dreißig, vierzig Jahre zurück, Tradition dagegen ist mehr: Es ist eine Art zu fühlen. Wer weiß, woher seine Identität kommt, findet seinen Weg.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielte die Musik dabei?

Nagano: Mari und ich kamen durch die Musik zusammen, sie ist Pianistin. Zu Hause sprechen wir Deutsch, Französisch, Englisch, ein bisschen Japanisch – und immer haben wir die Musik als internationale Sprache, etwa unser Klavier. Aber wenn man Musik nicht in ihrem nationalen Umfeld studiert, ist es schwierig, sie völlig in sich aufzunehmen.

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

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Nagano: Meine Lehrmeister haben mir europäische Ästhetik vermittelt. Professor Korisheli etwa, ein Georgier, war auch Maler: Ich spielte Mozart zwischen einem Bild der Münchner Sankt-Michaels-Kirche und Fotos europäischer Museen und Konzertsäle. Aber wenn ich vor die Tür trat, sah ich den Pazifik, Palmenstrand und Surfer! Mein Klavierprofessor an der Universität, der beurteilen sollte, ob ich Beethoven richtig spielte, hatte sein Diplom in Los Angeles gemacht und konnte kein Wort Deutsch. Ich habe deutlich gespürt, dass da etwas fehlte.

ZEITmagazin: Wie haben Sie den Zwiespalt diesmal überwunden?

Nagano: Ich hatte einen Zyklus von Olivier Messiaen zu dirigieren, und ich wollte es so gut wie möglich machen. So bat ich diverse Künstler, mir zu helfen, den richtigen Stil zu erfühlen. Aber keiner konnte mich anleiten. In meiner Bedrängnis schrieb ich einen Brief nach Paris, an Messiaen selbst, mit einer Aufnahme des Stückes. Wir begannen eine intensive Korrespondenz. Später, als Messiaen für die Pariser Oper einen weiteren Dirigenten brauchte, bat er mich zu kommen. Ich durfte ein Jahr mit ihm seine Wohnung teilen, wir reisten nach Deutschland, Holland, England...

ZEITmagazin: Endlich konnten Sie in Europa arbeiten!

Nagano: Ravel, Debussy, Saint-Saëns – ich war dort, wo sie ihre Musik geschaffen haben. Ich lief durch die Straßen von Paris, ich sah die Architektur, die Berlioz gesehen hat, und die Landschaften, deren Farben ihn zu seiner Musik inspiriert haben. Plötzlich hat alles einen Sinn ergeben. Ich machte auch Italienisch- und Deutschkurse, denn Sprache, das ist Musik: die Pausen, die Spannung, die Energie, der Atem. Ich hätte das nicht fühlen können, wenn ich in Amerika geblieben wäre. Darum war Messiaen ein Retter für mich.