Überlebensgroß wacht Erich Honecker in seinem Bilderrahmen über die Schüler, aber die zollen ihm keinen Respekt. Noch nicht. Sie tuscheln, kaspern, witzeln über die Namensschilder auf ihren Plätzen: Mandy, Maik, Enrico. Da fliegt die Tür auf, Frau Lehmann marschiert in die Klasse, sie trägt eine irre gemusterte Bluse aus Dederon-Kunstfaser und bellt: »Pioniere!« Brave Jugendliche rufen: »Immer bereit«, nicht ganz im Chor und viel zu früh, aber mit großem Eifer. Nach mehreren Versuchen klappt es mit dem korrekten Pioniergruß, da kommt ein Mädchen von der Toilette zurück, zu spät. Frau Lehmanns Blick schnellt zur Tür, messerscharfe Worte. Die Jugendlichen hören auf zu schmunzeln. Den rüden Ton sind sie nicht gewohnt.

Es ist der Ton eines untergegangenen Staates, den Frau Lehmann anstimmt, die Hauptdarstellerin in diesem Laientheater. Eigentlich heißt sie Elke Urban. »Das Schulsystem der DDR wurde bisher kaum öffentlich kritisiert«, sagt die 61-jährige Leiterin des Leipziger Schulmuseums. Ihre Kritik kommt als Experiment daher, als täglicher Versuch am Menschen: 45 Minuten lang macht sie pubertätscoole Jugendliche zu Drittklässlern im SED-Staat. Es ist ein Lehrstück über Verführbarkeit.

Und es befeuert die Diskussion um Vor- und Nachteile des Schulsystems im sozialistischen Deutschland : War wirklich alles autoritäre Indoktrinierung? Es gab doch auch gute Seiten! Schließlich ähnelt die Polytechnische Oberschule (POS) der DDR den hochgelobten skandinavischen Schulsystemen: Zehn Jahre lang drücken alle gemeinsam die Schulbank, nehmen denselben Stoff durch. Der vom System verordnete Kollektivismus habe auch sein Gutes gehabt, meint Wolfgang Hörner, emeritierter Professor für vergleichende Pädagogik an der Uni Leipzig: »Die Lehrer hatten oft ein engeres persönliches Verhältnis zu ihren Schülern. So konnten sie schwächere Schüler besser betreuen.« Doch ab der zehnten Klasse wurde gnadenlos aussortiert, und zwar keineswegs zugunsten der Arbeiterkinder. Und über allem, so Hörner, habe stets die Ideologie gestanden.

Das will Elke Urban zeigen, und deswegen unterrichtet sie in ihrer fiktiven Schulstunde das Fach Heimatkunde, Vorschrift auf DDR-Lehrplänen, um schon die Kleinsten auf Linie zu bringen. Die Einrichtung des Klassenzimmers ist einer POS um 1985 nachempfunden. Die Möbel: Originale aus Sprelacart, das im Westen Resopal hieß. Authentisch auch das schmerzhaft orangerote Kaleidoskop der Gardinen Marke Malimo und ein sehr figürliches Gemälde an der Wand. Es zeigt einen NVA-Soldaten und arbeitsfrohe Proletarier, die sich wohl der Zukunft zuwenden.

Kritiker tadeln die Lehrstunde als frei erfundenes Gruselstück

Das Mädchen im rosafarben getupften Top, das jetzt Annette heißt, ist nicht bei den Jungpionieren, der sozialistischen Massenorganisation für Kinder. Sie gibt freiwillig die Außenseiterin. Einem Jungen ist die Rolle des Ordnungsdienstes zugewiesen. Er meldet zu Beginn des Unterrichts, dass die Klasse vollzählig ist. Prompt kassiert er einen Rüffel, weil er die Zuspätkommerin vergessen hat. Urban regiert mit Lob und Tadel, die lauten Töne der Manipulation trifft sie so präzis wie die leisen. Meist säuselt sie den Kindern von der gütigen Sowjetunion vor, warnt mit großen Augen vor den Imperialisten im Westen, schwärmt vom tapferen Thälmann und schmettert mit den Schülern den Pioniermarsch – aber bitte im Takt. Für manche Kinder heuchelt sie Sorge. Deren fiktives Leben außerhalb der Schule kennt sie erstaunlich gut. Ulrikes Mutti etwa habe ihr erzählt, das Mädchen lese bis nachts unter der Bettdecke – kein Wunder, dass sie immer so müde sei. Und dann das Gift: »Dabei wollen wir doch im Gleichschritt laufen.«

Für die Schüler, um die 16 Jahre alt, waren solche Sätze bisher bestenfalls Stoff aus dem Geschichtsunterricht. Wie die alten Römer, nur nicht so gründlich behandelt. »In der Regel sind die Schüler kaum informiert«, klagt Urban. Die Jugendlichen an diesem Tag – sie kommen aus Thüringen und Hessen – sind da nicht anders. Altstoffsammlung? Fahnenappell? Nie gehört. »Andererseits hätte ich jubeln können vor Freude, dass solche Vokabeln in Deutschland aussterben – herrlich!«, sagt Urban. Mehr als 400-mal gab sie seit 2006 die Frau Lehmann. Mögliche Abweichler wittert sie sofort, Maik etwa, auf dessen Pulli »Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll« steht. »Das ist wirklich das Letzte, wie du hier rumläufst. Das ist doch aus dem Westen!« Stammelnd versucht Maik, sich herauszureden, schwört, den Pulli nie wieder zu tragen. Während er sich draußen umzieht, bringt Elke Urban die anderen gegen ihn in Stellung: »Er hat uns sein Pionierehrenwort gegeben« – der da draußen gegen uns hier drinnen.

Außerhalb des Klassenzimmers spricht Urban die klare Sprache der erfahrenen Pädagogin. »Ich habe die Rolle gewählt, die mir am wenigsten liegt: die der Lehrerin, die Vorgaben genau umsetzt.« Wegen ebensolcher Vorgaben – Wehrunterricht etwa oder gezieltes Mobbing von Kindern systemkritischer Eltern – haderte Urban in den siebziger Jahren mit ihrem Beruf. Als sie schwanger war, quittierte sie den Dienst. Den sozialistischen Unterricht verfolgte sie aber weiter: Vier ihrer fünf Kinder gingen in der DDR zur Schule. 1989 gehörte sie zu den Ersten, die Bildungsreformen forderten. Nach der Wende wollte sie zurück in ihren Beruf, landete aber in der Verwaltung.