Bernd Cailloux Jener SommerSeite 3/3

Was mögen Sie denn? Filme von Werner Schroeter zum Beispiel, sagt er, er hätte ihm gern – denn er saß fast jeden Tag gegenüber vom Café M – gesagt, wie gut er seine Filme finde, aber da starb Schroeter. Und er mag Juan Carlos Onetti. Auch tot. Im Allgemeinen hätten die Toten es besser. Warum? Sie sind tot. Sie lassen sich besser feiern. Haken wir noch ein paar Berühmtheiten ab: Wie ist das denn mit Uschi Obermaier gewesen? »Achgottchen«, Cailloux winkt ab. »Die war, als ich sie kennenlernte, noch gar nicht richtig in der Szene, eher auf St. Pauli, und hatte dort einen Kneipenbesitzer als Freund, mit dem sie dann im Truck durch die Gegend gefahren ist.« Mehr gebe es nicht zu sagen. Und Jörg Fauser lebte ja praktisch hier um die Ecke, Potsdamer Straße? »Für mich war das ein seltsamer Vogel mit Plastiktüte.«

Die legendärste Legende aber war das Café M, und da setzen wir uns mal hin. »Jetzt machen die hier auch schon Kunst«, sagt Cailloux, verdreht die Augen über die Bilder, die an den Wänden hängen. Das war früher ja auch anders, da saß die Kunst als David Bowie, Nick Cave, als Blixa Bargeld und Jörg Fauser direkt an der Bar, vor ihnen ein großes Helles. Sie alle superberühmt. Bernd Cailloux, übrig geblieben: »Man trank ja auch kein Beck’s, mal sehen...«, wirft einen Blick hinter die Bar, »jetzt haben die auch noch Beck’s!« Entsetzter Cailloux. Kopfschüttelnder Cailloux. Er bestellt ein großes Kristallweizen. Er trinkt ja nicht viel, höchstens zwei kleine Bier am Abend. »Und jetzt rauche ich schon wieder so viel.«

Anzeige

Etwas später gibt er mir den Rat, mich gut um die Rente zu kümmern, auch mal Verträge zu lesen, ich würde später dafür dankbar sein, sagt er. Er, sagt Cailloux, hätte ein Erbe hinterlassen müssen, aber »68 hieß es: Wer zweimal mit derselben pennt...« Aha. »Wussten Sie, dass 70 Prozent der Berliner Haushalte Singlehaushalte sind?« Was war in Ihrem Leben einer der glücklicheren Momente? »Als Unseld gestorben ist«, sagt Cailloux, »er hatte eine Art, pro Saison zwei Autoren von der Liste zu streichen, mein Name war damals auch dabei, dann aber starb er, und ich konnte Das Geschäftsjahr 68/69 schreiben.«

Seit Jahren versuchen Journalisten und Kollegen ihn zu überreden, auch über die Schöneberger Zeit zu schreiben. Er hat in der Zwischenzeit zwei Erzählungsbände veröffentlicht. Der gelernte Berliner und german writings . Während es im ersten um den zugezogenen Berliner geht, wird in german writings, das 2006 erschien, das Schriftstellerleben noch einmal beleuchtet. Es sind Szenen darin, wie ein Autor auf Wettbewerbe hinschreibt, um sich finanziell über Wasser zu halten, und am Tag des Einsendeschlusses mit Hunderten anderen Schriftstellern am Nachtschalter der Post nervös in der Reihe steht. Im LCB liest er daraus vor einem dreiköpfigen Publikum. »Ich schreibe keine Erzählungen mehr. Damit ist Schluss.«

Im Augenblick schreibt er also am zweiten Roman. Darin noch einmal die Anfänge: auf der Flucht seiner Eltern aus Lothringen geboren 1946 in Erfurt. Die Mutter verlässt sofort die Familie. Er wächst mit dem Vater in Salzgitter auf. Salzgitter, Hermann-Göring-Stadt, eine halbe Million Einwohner, 27 Dörfer um sie herum, Schulbus, riesige Straßen. Der Vater arbeitet beim Stahlwerk der Salzgitter AG. Er erinnere sich besonders an die Artistengruppen, die damals in solchen Gegenden überwinterten und im Sommer auftraten. Es waren vor allem Seiltänzer, die er fasziniert beobachtete. Ein Junge, fünf Jahre alt, genau wie Cailloux damals, wackelte da oben auf dem Seil und fiel einfach nicht runter. Es klingt wie eine Metapher für Cailloux’ Leben. Der Mann, der nahe am Ungesunden balanciert und nie herunterfällt. »Das erste Kapitel«, sagt er, »schreibe ich erst, wenn der Rest des Buches fertig ist.« Das Leben schmelze irgendwann zusammen. »Ob das dann ein Roman ist, wissen nur die Götter.«

In einer heißen Schöneberger Sommernacht rennt eine Ratte über die Straße, gejagt von einem Fuchs. In der Mitte der Straße bleiben sie beide erschrocken stehen, weil ein Auto kommt. Die Tieraugen reflektieren das Licht der Scheinwerfer. Groß und grün schillern sie in die Nacht. Wie Fremde. Dann rennt die Ratte dem Fuchs hinterher zurück hinter einen Bauzaun. Potsdamer Straße. Am Bülowbogen wird gerade eine Vorabendserie fertig gedreht. Unten in einer stinkenden Kneipe findet ein Gedenkabend für den Schriftsteller Jörg Fauser statt. Auf Bierbänken sitzt das Publikum, veteranenartig. Es ist das letzte Mal, dass ich Bernd Cailloux treffe, ein Zufall. »Rohstoff«, sagt Cailloux, »ist ein wirklich guter Roman«, er beugt sich konspirativ und lächelnd vor, »also die ersten 50 Seiten.«

»Ach, Jörg«, sagt eine Frau im Publikum, »das war ’ne Zeit. Wunderbar. Ach.« Auf dem Podium die Begrüßung: »Jörg, du kannst uns vielleicht sehen.« Eine seltsame Stimmung. Eine Mischung aus Gottesdienst und Klassentreffen. Jemand flüstert: »Er hat ja immer so viel geschwitzt.«

Alexander Wewerka schlägt ein Buch auf. In dem vorgelesenen Text läuft Jörg Fauser die Potsdamer Straße rauf und dann wieder runter und guckt, welche Läden so da sind. Man klatscht aus Angst, vielleicht etwas Wichtiges überhört zu haben. Der Verleger Wewerka rollt, als er das Buch unter zusammengepressten Lippen wieder zuschlägt, die Augen nach oben, schaut an die Decke, von wo aus ihn eine kleine Plastikspinne anlächelt: »Na, Jörg, das war aber noch nicht so.« Rollt die Augen wieder runter und liest. Dann die Frage ins Publikum: »Kannte jemand den Jörg noch persönlich, der möge sich bitte melden.« Zwei müde Ärmchen melden sich, man will aber nichts weiter dazu sagen.

»Irgendwann, wenn ich nicht mehr bin«, sagt Bernd Cailloux und rollt sich eine Zigarette, »werden die so einen Abend auch über mich machen.«

 
Leser-Kommentare
  1. Leider hat Andrea Hanna Hünniger bei ihren wohl zahlreichen Treffen mit Cailloux nicht herausbekommen, dass er seit dreißig Jahren zweimal in der Woche Fußball spielt.Ob's stürmt oder schneit..
    Sonst hätte sie statt 'Er ist dünn', schreiben können:
    'Er ist durchtrainiert. Kein Gramm überflüssiges Fett'.
    Und dass er 'gelangweilt wirkt, oder müde'.
    Anscheinend sind seine Reflexe noch ganz ok..

    Und, dass er 'nichts wirklich 'gut' findet: 'Schwule, Frauen, junge Frauen, junge schreibende Frauen, junge Schriftsteller im Allgemeinen, lärmende Kinder und Ausländer'..

    Na, das ist ja wunderbar, erinnert an W.C. Fields: 'Ein Mann der kleine Kinder und Hunde hasst, kann kein ganz schlechter Mensch sein'.

    Vielleicht macht Andrea Hanna Hünniger mal ein Interview mit den Otto Versand-Erben? Fänd' ich gut.

  2. War's Journalismus, war's Comedy? Der Plumpsack der ZEIT ging um und ließ ein sogenanntes Portrait fallen - ein Holper-Text, der eine Richtigstellung verlangt.

    Achtung, Achtung: weder als Mensch noch als Autor bin ich
    lebensfeindlich, wiedervereinigungsfeindlich, siegfriedunseldfeindlich, ausländerfeindlich, schwulenfeindlich, jörgfauserfeindlich,
    becksbierfeindlich, frauen- und kinderfeindlich. Richtig ist das Gegenteil: als Mensch und als Autor bin ich wiedervereinigungsfreundlich, ausländerfreundlich, frauenfreundlich, becksbierfreundlich und - mit Ausnahme eines Artikels - auch der ZEIT freundlich gesonnen. Dafür gebe ich der stets aufrichtigen Redaktion mein Ehrenwort, ich wiederhole, mein Ehrenwort.

    Aus Berlin: Bernd Cailloux

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service