Tunesien So spricht das Volk
Tunesien ist voller Geschichten. Seit der Revolution öffnen sich die Einheimischen ohne Angst den Besuchern.
© FETHI BELAID/AFP/Getty Images

Studentinnen sitzen in Tunis in einem Café die Zeit ab. Sie hoffen auf Arbeitsplätze.
Aufruhr in Tunesien, die kleine Titi will nicht ins Wasser. »Du kommst jetzt mit!«, bellt Mama sie an. »Blöde Sau!«, sagt Titi. Klatsch, hat sie sich eine gefangen. Strandleben in Hammamet.
Sonst ist es ruhig, trotz des Pfingstwochenendes, Massentourismus ohne Massen. Morgens und abends hat der Besucher Sand und Meer für sich allein. Alles friedlich, alles sauber, und dann dieses Blau! Hineinspringen, eintauchen. Und nicht daran denken, dass im selben Mittelmeer, wenige Hundert Kilometer entfernt, noch Leichen treiben.
Anfang Juni sank dort ein Boot mit libyschen Kriegsflüchtlingen, die in Europa ein besseres Leben finden wollten. Und fast täglich versuchen andere ihr Glück, auch junge Tunesier, die im eigenen Land keine Arbeit finden. Das war schon vor der Revolution so, gilt jetzt aber erst recht. Denn Revolutionen sind nur langfristig gut für die Wirtschaft, wenn überhaupt; und mit »langfristig« kann man Verzweifelten nicht kommen.
Darf, soll, mag man hier Urlaub machen? Viele Deutsche mögen gerade nicht. Sie weichen aus an spanische oder türkische Strände und meiden Tunesien, das gerade neue Hoffnung geschöpft hat. Mir fällt der ältere Herr ein, der mir im Januar begegnet ist, als ich über die Revolution berichtet habe. Er baute sich vor mir auf, um eine kleine Ansprache zu halten: »Kommen Sie wieder, als Tourist! Bringen Sie Landsleute mit! Unsere Hotels sind billig, die Sonne scheint, wir sind freundliche Leute.« Er schloss mit den Worten: »Das sagt Ihnen das Volk!«
Seit der Revolution sagt das Volk viel. Es darf endlich frei sprechen. Tunesien ist voller Geschichten, und heute werden sie erzählt. Wer Französisch versteht, braucht hier keine Urlaubslektüre mehr. Im Restaurant kann es geschehen, dass der Kellner über den Erzählungen den Service vergisst, aber das ist nicht weiter schlimm, denn offen gesagt fährt niemand wegen der Gastronomie nach Tunesien.
Weswegen sonst? Zu sehen gäbe es genug. Die numidische, römische und arabische Geschichte haben Spuren hinterlassen, gut erhalten und bestaunenswert. Berge und Wälder laden Wanderer ein. Leider macht die Tourismusindustrie aus alledem bislang wenig.
Nur noch an wenigen Punkten der Hauptstadt stehen Panzer
Das Land wirbt mit Strand, Sonne und Gastfreundschaft, und zwar um ein Massenpublikum. Das wird beispielsweise nach Yasmine Hammamet gelockt, einen auf dem Reißbrett geplanten Vorort der Stadt Hammamet. Pseudohistorische Architektur aus Beton, übergroße Skulpturen von Beduinen und Elefanten; am Eingang einer unechten Altstadt halten zwei zyklopische, sich aufbäumende Bronzepferde dem Besucher ihre Penisse entgegen.
Erstaunlicherweise ist dieses Kitschparadies auch bei tunesischen Gästen beliebt. Sie gehören zu den wohlhabenderen Schichten, und wenn sie es zeigen, dann eher dezent. Ein besonders kostbar gewobener Schleier, elegante Schuhe. Die feinen Unterschiede eben. Etwas anders benehmen sich die europäischen Gäste, von denen viele wohl auch wegen der Preisnachlässe hier sind, die fünfzig Prozent betragen können. Wie etwa der tätowierte Marseiller, der, kaum hat er das Lokal betreten, den Kellner anraunzt: »Auf die Speisekarte gucke ich nachher, ich muss erst mal pissen.«
Gleichwohl, für ein paar Badetage geht Hammamet schon in Ordnung. Aber hier bleiben sollte man nicht, wenn man sich davon überzeugen will, ob Tunesien gerade jetzt eine Reise lohnt.
Also: nach Tunis, auf die große Bühne für das Welttheater der Revolution. Nur noch an wenigen Punkten der Hauptstadt stehen Panzer, etwa vor der französischen Botschaft. Hier überragt die Statue von Ibn Chaldun die Szene. Der große Gelehrte aus dem 14. Jahrhundert schrieb in seinem Hauptwerk al-Muqaddima (»Buch der Beispiele«): »Ohne Armee kein König; ohne Geld keine Armee; ohne Steuern kein Geld; ohne Landwirtschaft keine Steuern; ohne gerechte Verwaltung keine Landwirtschaft; ohne Anstand keine gerechte Verwaltung; ohne integre Wesire kein Anstand« – ein Zirkel des Untergangs oder des Fortschritts, je nachdem.
- Datum 05.07.2011 - 06:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.6.2011 Nr. 26
- Kommentare 13
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Mittagspause in meinem Büro.
Ein seit über 5 Tagen wolkenverhangener grauer Himmel über Hamburg beginnt mich allmählich melancholisch zu machen. Temperaturen von kaum mehr als 16 Grad, seit Tagen keinen einzigen Sonnenstrahl, alles grau in grau.
Ich blicke aus meinem Bürofenster über den Containerterminal auf die Köhlbrandbrücke. Ein paar Ozeanriesen am Kai werden von Containerbrücken bedient, Van-Carrier düsen mit lautem Getöse über den Terminal. Eine hochindustrialisierte, nach strengsten ökonomisch-logistischen Vorgaben gestaltete industrielle Landschaft. Von Hafen- und Seefahrerromantik, die in den Schlagern von Hans Albers, Freddy Quinn und den vielen Shanty-Liedern beschworen wird, keine Spur. Diese weiße Taube ist schon vor über 40 Jahren aus dem Hamburger Hafen davongeflogen und wird nie wieder kommen.
Bald habe ich Urlaub. Angesichts diesen Wetters in Norddeutschland Urlaub in Tunesien?
Verehrter Herr von Randow, keine 20 Pferde würden mich und unsere Familie dorthin oder in ein anderes mohammedanisches Land bringen!
!!!Auf gar keinen Fall!!!
Es nützt uns nichts, wenn dort 99% der Bevölkerung so lieb und brav und artig und höflich sind, wie Sie es beschreiben. Es genügt dieses eine Prozent, das uns böse gesonnen ist, und somit die Gefahr besteht, einem von haßerfüllten und ressentimentgeladenen muslimischen Terroristen ausgeführten Anschlag zum Opfer zu fallen. Urlaub dort? NEIN DANKE! Urlaub dort ist unverantwortlich.
Dann nenn mal ein einziges Land, in dem es nicht eine verschwindend geringe Minderheit gibt, die sich gewalttätig gegenüber Ausländer verhält.
Genau.
Stehen Sie auf. Lassen Sie alles liegen. Rennen Sie aus dem Büro Verlassen Sie sofort ihren Arbeitsplatz. Fahren Sie mit ihrer Familie weit auf's Land nach Klein-Kleckersdorf. Alles andere ist nach Ihren Maßstäben unverantwortlich. Denn die Wahrscheinlichkeit in einer westlichen Großstadt und dort an einem Verkehrs- und Logistikhotspot wie dem Hafen einem islamistisch motivierten Anschlag zum Opfer zu fallen, ist sicherlich mindestens genauso hoch wie in der tunesischen Pampa.
Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben. (Alexander von Humboldt)
Reisen veredelt den Geist und räumt mit allen unseren Vorurteilen auf. (Oscar Wilde)
In dem Sinne tun Sie mir sehr leid. Wenn Sie doch mal ein islamisches Land probieren wollen, empfehle ich zum Einstieg den Oman. Das ist möglicherweise aber nicht gut für Ihr Seelenheil. Sie würden sich danach für Ihren ersten Kommentar schämen.
Dann nenn mal ein einziges Land, in dem es nicht eine verschwindend geringe Minderheit gibt, die sich gewalttätig gegenüber Ausländer verhält.
Genau.
Stehen Sie auf. Lassen Sie alles liegen. Rennen Sie aus dem Büro Verlassen Sie sofort ihren Arbeitsplatz. Fahren Sie mit ihrer Familie weit auf's Land nach Klein-Kleckersdorf. Alles andere ist nach Ihren Maßstäben unverantwortlich. Denn die Wahrscheinlichkeit in einer westlichen Großstadt und dort an einem Verkehrs- und Logistikhotspot wie dem Hafen einem islamistisch motivierten Anschlag zum Opfer zu fallen, ist sicherlich mindestens genauso hoch wie in der tunesischen Pampa.
Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben. (Alexander von Humboldt)
Reisen veredelt den Geist und räumt mit allen unseren Vorurteilen auf. (Oscar Wilde)
In dem Sinne tun Sie mir sehr leid. Wenn Sie doch mal ein islamisches Land probieren wollen, empfehle ich zum Einstieg den Oman. Das ist möglicherweise aber nicht gut für Ihr Seelenheil. Sie würden sich danach für Ihren ersten Kommentar schämen.
Ein kurzes Brainstorming:
Die Tunesier warten also auf unsere sauer verdienten Euros.
Dieser Aufsatz erspart der tunesischen Tourismusindustrie viele hunterttausende Dollars oder Euros an Werbeaufwand.
[...]
Die Kamera ist, wie bei so vielen anderen solcher Berichte, stets männlich. Die Bilder zeigen uns hübsche junge Frauen, ohne männliche Begleitung. Sie suggerieren einem unbefangenen männlichen Leser, dieses Land stecke voller junger Single-Frauen. Außerdem unterstellt Ihr Aufsatz, es gäbe Alkohol – Bier und Wein – im Überfluß, und es gäbe jede Menge Amüsiermöglichkeiten und ein ausschweifendes Nachtleben; Djerba und das tunesische Festland seien eine echte und preiswertere Alternative zu Mallorca, Ibiza und zu St. Tropez sowieso.
Weit gefehlt. Der Artikel unterschlägt, daß Tunesien immer noch ein muslimisch geprägtes Land ist.
Wein, Weib und Gesang mag es in einigen Lokalen und Kneipen und auch Discos geben, aber Vorsicht. Bei etlichen weiblichen Besucher solcher Etablissements könnte es sich um käufliche Damen handeln.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/ag
Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke. Die Redaktion/ag
Ibn Khaldun's Hauptwerk war das Kitab al-ʿibar. Die Muqaddima ist, wie ihr Titel besagt, die 'Einleitung' dazu, wenn sie auch bekannter ist als das eigentliche Werk.
Wir leben hier in einem recht freien Land. Auch wenn wir ebenfalls über dieses eine Prozent Verbrecher verfügen.
Dass man jetzt in Tunesien besser Urlaub machen kann denn je, ist glaubhaft. Der Bürgerkrieg ist vorbei und auch dort sehnen sich die Menschen nach Frieden.
Wem die Freiheit etwas Wert ist, der sollte einen Urlaub dort jetzt in die engere Wahl ziehen. Durch die schiere Anwesenheit kann man den Frieden festigen, die Menschen Vertrauen schöpfen lassen. Denn sie müssen erst noch verinnerlichen, dass das mit der Freiheit wirklich funktioniert.
Wem das zu politisch ist: dort gibt es jetzt so viel Urlaub für's Geld wie noch nie.
Ich bin entsetzt über einige meiner Vorredner. Insbesondere über die anti-islamischen Kommentare.
Die Tunesier hießen uns schon vor drei Jahren bei unserem Urlaub herzlich willkommen und ich erinnere mich gerne an unseren Reise durch Tunesien (Tunis, Karthago, Kairuan) und die anschließende mehrtägige Kameltour durch die Wüste.
Ich habe die Tunesier schon damals als sehr offen erlebt und hatte als (blonde!) Frau keinerlei Sicherheitsbedenken und wurde kein einziges Mal belästigt.
Und selbst wenn es eben nicht überall Alkohol gibt - ist das wirklich ein Massstab um einen Urlaub zu bewerten? Mir ist es wichtiger, eine Kultur kennenzulernen - und das habe ich in Tunesien!
Die drei Texte von Bakwahn sind sicherlich sehr von Prosa geprägt. Trotzdem beinhalten sie nur nichtssagenden Anti-Islamische Propaganda. Das ist keine Diskussionsgrundlage für mich, hat mit den Strukturen in Tunesien nichts zu tun. Ich habe keine Ahnung, was solche Kommentare sollen.
Wenn man dem Artikel glauben kann, ist die Situation in Tunesien so friedlich und gefahrlos, dass man - wenn man denn Zeit hat und Interesse - dort auch Familienurlaub machen kann. Mit der Option zu aktivem Austausch (im positiven Sinne) mit der Bevölkerung (für Alternativreisende?).
... in dem Fall sollte man wohl sagen "Vorsicht bei Urlaub" allgemein.... ich bin in einem italienischen Hotel mitten in Rom bestohlen worden, und da sind wir doch auf europäischem Boden?... ich bin jetzt schon seit 23 Jahren in Tunesien und meiner Überzeugung nach haben Urlauber, egal wo auf der Welt sie Urlaub machen, oftmals ihren Sinn für gesundes Misstrauen und Sicherheitsvorkehrungen am besten gleich mal zu Hause gelassen,... wir sind ja im Urlaub, kann ja nix passieren....Ich finde der Artikel beschreibt genau die aktuelle Situation hier. Jedes Jahr bis zu 4 Mio Urlauber? ... die können doch nicht alle einen Fehler gemacht haben? Zum Teil kommen hier Urlauber schon im 30.Jahr her. Auch in Spanien gibt es Taschendiebe und Betrügereien, sogar mitten in Paris. Fahren wir deswegen alle nicht mehr nach Paris? Eine Dame sagt Urlaub machen kann auch Politik sein. Ja, Recht hat sie. Gerade jetzt wo wir so alle voller Hoffnung sind, etwas grossartiges erreichen zu können, wo jeder hier anpackt, wie er kann, wo jeder seinen verzweifelten Nachbarn tröstet, der arbeitslos ist. Jeder der jemandem anderen helfen kann, der tut es...ich finde es ist ruhig, aber unter den Tunesiern ist "Aufbruchstimmung"... ein Aufbruch in etwas besseres, ehrlicheres.Und witzig ist ja der Kommentar des armen Mannes (...Fortsetzung....(2)
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