Starr, nur Starr, so wie Cher, ist eine Hexe. Sie lebt, für eine Hexe vielleicht etwas ungewöhnlich, im East Village in New York. Hier hausten einst Immigranten zusammengedrängt in überteuerten Bruchbuden, heute frequentieren Yuppie-Studenten von der New York University trendige Bars, ebenfalls überteuert. Starrs eigener Laden in der Ninth Street ist eher schmucklos, weiße Wände, Klappstühle um einen Tisch. Wenige Straßen weiter gab es bis vor kurzen einen echten Hexenladen, mit Tinkturen, Kräutern, Amuletten, Voodoo-Puppen, Heilkristallen, silbernen Pentagrammen, Pendeln, Tarotkarten, Hexenbesen und zwei Katzen, eine ganz weiß, die andere schwarz. Jetzt sucht der Laden eine neue Bleibe. Aber mit solchen Moden, sagt Starr, habe sie nichts zu tun.

Starr ist um die fünfzig, sie hat lange, lockige schwarze Haare, dunkle Haut, ein Dekolleté wie eine Bedienung im Oktoberfestzelt und das selbstbewusste Auftreten einer Frau, die weiß, dass sie eine echte Hexe ist. Sie gibt Kurse über die Lehren der Wiccas, wie sich die Anhängerinnen der neuheidnischen Mysterienreligion nennen, aber heute zelebriert sie den vollen Mond, das gelbe Nachtgestirn mit den Geisterflecken, das über Manhattan hängt. Zwei Dutzend Wiccas werden kommen, die meisten ältere Frauen. »Aber an unserem höchsten Fest kommen Hunderte«, sagt Starr. Das höchste Fest ist Samhain, oder, wie Nichthexen es nennen, Halloween.

Starr wurde als Katholikin geboren, in Toronto, Kanada. »Aber vor dreißig Jahren habe ich diese Religion gewählt«, sagt sie, »denn eine Religion zu wählen ist Teil des Erwachsenwerdens.« Wicca, der Kult der Hexen, der sowohl weiblichen als auch männlichen Naturgöttern huldigt, habe ihr am besten gefallen. Im Übrigen sei der Glaube der Wiccas nicht vollkommen verschieden vom Christentum. »Was Christen Gebete nennen, nennen wir Zaubersprüche.« Sogar Thanksgiving feierten die Wiccas, nur an einem anderen Datum, zur Tag-und-Nacht-Gleiche im September. Und Feste wie Weihnachten oder Ostern hätten ebenfalls ihre Entsprechung im Paganismus.

In den USA sind auch Religionen anerkannt, die hierzulande mit großem Argwohn betrachtet werden – und so ist Starr eine staatlich anerkannte Wicca-Priesterin. »Dazu muss man nur eine Gemeinde nachweisen und eine Menge Papierkram erledigen«, erklärt sie. Aber das war nicht immer so. Amerika wurde von Protestanten gegründet, und noch immer sind mehr als 50 Prozent der Amerikaner evangelisch. Weitere 24 Prozent sind katholisch, drei Prozent gehören christlichen Sekten an und knapp fünf Prozent anderen Religionen. Etwa 16 Prozent sind nicht religiös. Nur 0,4 Prozent aller Amerikaner hängen einem neupaganistischen New-Age- oder Hexenkult an, doch das sind gut eine Million Menschen. Daneben gibt es als kleinste Gruppe einige Hunderttausend Indianer, die die Religion ihrer Vorväter praktizieren.

Dass Nichtprotestanten frei von Diskriminierung oder Zwangsbekehrung in den USA leben können, ist relativ neu: Die meisten Afroamerikaner sind deshalb evangelisch, weil ihre versklavten Vorfahren zwangsgetauft wurden. Noch im 20. Jahrhundert wurden indianische Kinder in Internate verschleppt, wo ihnen der Mund mit Seife ausgewaschen wurde, wenn sie zu ihren Stammesgöttern gebetet hatten. Sogar die Anhänger der ersten originär amerikanischen Religion, die Mormonen, wurden anfangs verfolgt: Als Gründer Joseph Smith sie 1831 in Missouri um sich scharte, wurden sie per Staatsdekret vertrieben; Smith wurde später gelyncht. Sein Nachfolger Brigham Young zog ins heutige Utah, damals Indianerterritorium, doch die US-Regierung schickte Truppen hinterher, um zu unterbinden, dass die Mormonen ihren eigenen Staat gründeten. Auch Katholiken und Juden wurden noch bis in die fünfziger Jahre diskriminiert.

Das änderte sich erst mit der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre. Damit, und auch mit dem Feminismus und der New-Age-Mode, kamen die neuen Hexenreligionen nach Amerika. Die Wiccas als die bekanntesten dieser Hexen sehen sich in der Tradition der Kelten aus Irland, Wales und der Bretagne; tatsächlich wurden sie erst 1954 neu entdeckt, und zwar von dem englischen Anthropologen Gerard Gardner, der von seinem irischen Kindermädchen inspiriert wurde. Seine Bücher lesen sich denn auch wie ein Amalgam aus Tolkien und Harry Potter.