November 1942: Sowjetische Truppen kämpfen in Stalingrad gegen deutsche Soldaten. © Hulton Archive/Getty Images

Manchmal werden die Springbrunnen vor dem Museum am Abend rot angestrahlt. Dann sieht es aus, als sprudle Blut. Dahinter ragt ein Obelisk in der symbolischen Höhe von 141,80 Metern auf – zehn Zentimeter für jeden Kriegstag. An seinem Sockel schneidet der eherne Drachentöter Sankt Georg einen hakenkreuztragenden Lindwurm in Scheiben. Das Zentralmuseum des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau, errichtet zwischen 1984 und 1995, entspricht ganz dem Geist der sowjetischen Gedenkkultur: Klotzig und weiträumig ist es, mit viel Beton und viel Pathos.

Die Ausstellung im Innern zieht eine direkte Linie vom heldenhaften Kampf der Roten Armee gegen den deutschen Aggressor über die Amtszeit des sowjetischen Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew bis zum heutigen Russland. Der Krieg beginnt mit der heldenhaften Verteidigung Moskaus. Die schlechte Vorbereitung der Roten Armee und die Anfangsniederlagen im Sommer 1941 sind kein Thema. Sieben Dioramen zeigen glorreiche Schlachten: triumphierende Rotarmisten vor Stalingrad, vorwärtsbrechende Panzer im Kursker Bogen. Der sowjetisch geprägte Blick auf den Krieg sucht weniger Erkenntnisse als erhabene Gefühle. Er feiert Heldentum und Kampf, er rühmt die Führung des Landes und das Volk, das Kollektiv. Der Sieg dient der Legitimation des Staates. Für das Leid des Einzelnen bleibt da kaum Platz.

Staatliche Förderung fand dieses pompöse Gedenken erstmals unter Leonid Breschnew in den siebziger Jahren. Er nutzte die Erinnerung an den Triumph von 1945, um nach dem Ende der stalinistischen Ära die Größe der Partei neu zu beschwören. Eine Parade zum Tag der deutschen Kapitulation fand allerdings nur an runden Jahrestagen statt.

Als sich das Sowjetreich 1991 auflöste, entstand so etwas wie ein erinnerungspolitisches Vakuum. Doch der junge russische Staat brauchte einen historischen Mythos zur nationalen Festigung. Die bolschewistische Revolution von 1917 war zu umstritten, die demokratische Gründerzeit nach 1989 zu chaotisch. Da blieb nur 1945. Und so reanimierte Präsident Boris Jelzin zum 50. Jahrestag des Kriegsendes die Siegesfeiern, baute das Zentralmuseum zu Ende und begründete eine neue Tradition: die jährliche Parade zum 9. Mai. Bis 2008 war sie nur ein soldatisches Defilee, inzwischen rollen auch Panzer und Raketen. Der 9. Mai hat den einst staatsbildenden 7. November ersetzt, den Tag der glorreichen Oktoberrevolution.

Er ist auch Russlands einziger Feiertag, der die Mehrheit der Menschen eint. Viele erinnern sich noch daran, wie ihre Eltern oder Großeltern früher feierlich die alten Uniformen anzogen und wie ihre Orden bei jedem Schritt leise klirrten. Die Erzählungen der Veteranen schufen eine häusliche Parallelversion der Geschichte, die sich oft vom staatlichen Heldenepos unterschied, obwohl in der sowjetischen Zeit vieles unausgesprochen blieb: die mangelhafte Ausrüstung und das sinnlose Opfer vieler Rotarmisten, ihr Leiden unter der brutalen Behandlung durch die eigenen Leute, die Racheverbrechen der Roten Armee in Deutschland und das Schicksal der heimgekehrten Kriegsgefangenen, die als vermeintliche Staatsfeinde Filtrationslager durchlaufen mussten, geächtet wurden oder gar im Gulag endeten. Dennoch entstanden damals individuelle Familiengeschichten, die heute umso freier gepflegt werden können. »In der sowjetischen Geschichtsstunde«, erinnert sich der liberale Oppositionspolitiker und Historiker Wladimir Ryschkow, »saßen wir vor Karten mit den Frontverläufen. Es war, als ob wir uns den Krieg aus dem Weltall anschauten. Zum vergangenen 9. Mai habe ich nun auf Facebook viele Fotos der Großväterveteranen gesehen. Die Enkel haben sie hochgeladen.«