Kürzlich veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit eine aufschlussreiche Statistik: Die Zahl der sogenannten Selbstständigen, die Hartz IV beziehen, ist in den vergangenen vier Jahren von 50.000 auf 125.000 gestiegen . Was sagt die Zahl? Sie sagt, dass wir unseren Reflexen misstrauen sollten, wenn sich beim Begriff "Hartz-IV-Empfänger" das Bild eines bildungsfernen, bewegungsfaulen Unterschichtsangehörigen einstellt.

Hinter dem Begriff des "Selbstständigen" verbirgt sich nämlich ein soziokulturell ganz anderer Typus, und zwar ein Mensch, der morgens in Berlin-Mitte im Café sitzt, die ZEIT liest und kaschiert, warum er sich hier aufhält: weil die Zeitung nichts kostet und er den Kellner gut genug kennt, um vor einem Glas Leitungswasser zu sitzen. Von diesem Typus des Hartz-IV-Empfängers stammen zwei aktuelle, dringend zu empfehlende Bücher.

Das eine wurde von Thomas Mahler verfasst. Der junge Mann studierte Philosophie und Literatur, ging kellnern, begann zu schreiben, errang damit kleine Erfolge, die zur Sicherung des Existenzminimums kaum beitrugen. So stand Thomas Mahler eines Tages In der Schlange des Arbeitsamtes in Berlin-Kreuzberg, die sich wie auf Flughäfen um ein Labyrinth roter Absperrbänder windet.

Das andere Buch, Echtleben . Warum es heute so schwierig ist, eine Haltung zu haben, stammt von Katja Kullmann . Ihr Name ist bekannt. Vor neun Jahren stand er auf der Bestsellerliste. Katja Kullmann hatte Generation Ally geschrieben, dafür 2003 den Deutschen Bücherpreis für das beste Sachbuch erhalten. Sie ging nach Berlin, lebte erst mal gut, im Lauf der Zeit als journalistische Freelancerin jedoch immer schlechter. Bis auch sie dort stand, wo die Anträge auf Arbeitslosengeld II ausgehändigt werden.

Thomas Mahlers Buch ist eine schwarze Satire mit Tendenz zur Wallraffiade. Höhepunkt seines Marsches durch die Hartz-IV-Bürokratie ist ein sagenhaft absurder Ein-Euro-Job: Der arbeitslose Philosoph sitzt allein in einem leeren Zimmer und klickt sich durch die Website des Arbeitsamtes Berlin-Kreuzberg, die andere Ein-Euro-Jobler vor ihm erstellt haben.

Katja Kullmanns Echtleben indes gehört in die Reihe der generationsorientierten Mentalitätsstudien. Sie rechnet mit den schönen Lebenslügen der freien Kreativen ab. Ihre Hartz-IV-Phase ist nur ein Element im Gesamtszenario schwankender Existenz. Einer Existenz, die sich materiell von der des arbeitslosen Unterschichtlers zeitweise tatsächlich nicht unterscheidet. Ideell aber schon.

Denn die Verfasser beider Bücher mögen bei Aldi oder Lidl eingekauft haben. Sie kennen aber nicht nur den Weg dorthin, sondern, zum Glück des Lesers, auch den zu Literaturagenten und Verlagslektoren. Anders gesagt: Sie können die Welt, die sich verändert, frei nach Marx, auch interpretieren.