BildungspolitikDie alte Leier

Sitzenbleiben bleibt Sitzenbleiben. Neuerlich verhindert die Volkspartei eine weitreichende Reform in der Bildungspolitik. von 

Gymnasiasten müssen weiterhin befürchten, bei schlechter Leistung die Klasse zu wiederholen.

Gymnasiasten müssen weiterhin befürchten, bei schlechter Leistung die Klasse zu wiederholen.  |  © willma... / photocase.com

Das Leistungsprinzip sei gerettet, jubelten die Konservativen nach dem Ministerat am Dienstag dieser Woche. Man hatte sich mit dem sozialdemokratischen Regierungspartner darauf geeinigt, dass Gymnasiasten künftig anstatt wie ursprünglich vorgesehen mit drei negativen Noten im Zeugnis nun doch nur mit zwei »Nicht genügend« in die nächste Klasse aufsteigen dürfen (es sei denn, die Lehrerkonferenz entdeckt bei einem Minderleister außergewöhnliche Entschuldigungsgründe). Zwei oder drei Negativnoten – auf diese simple Prestigefrage war zuvor die komplexe Reform des Oberstufenunterrichts sträflich simplifiziert worden. »Weil Leistung zählen muss«, wie der Vizekanzler von der ÖVP neuerlich böllerte. »Heißt das nun«, höhnten die Grünen, kaum war der faule Kompromiss publik geworden, »ein Fünfer ist rot und der andere ist schwarz?«

Wieder einmal hatte die Betonmischmaschine Volkspartei mit einigem Erfolg versucht, den Status quo im österreichischen Bildungssystem vor jeder Veränderung zu bewahren. Abgeschafft, wie es Unterrichtsministerin Claudia Schmied vorgeschwebt haben mag, ist die pädagogische Höchststrafe in der Sekundarstufe weitehin nicht. Sitzenbleiben wird ab 2016, wenn die Reform bundesweit umgesetzt sein soll, an den Sekundarstufen nur etwas weniger häufig zum Stolperstein auf dem Bildungsweg. An allen 800 höherbildenden Schulen in Österreich soll dann der Lehrstoff aller Fächer in der Oberstufe in zumindest zwei Lernpakete pro Semester unterteilt werden. Über jedes dieser Module muss dann eine Prüfung abgelegt werden. Neu ist, dass die Schüler zu diesem Test maximal vier Mal antreten können und mehr Zeit haben, ihn zu bestehen. Dadurch können sie eine Zeit lang ein »Nicht genügend« mitschleppen, derweil sie in anderen Fächern längst weiter sind.

Anzeige

Darüber, dass Sitzenbleiben lediglich eine kostspielige Repressionmaßnahme sei, die schulischen Leistungen aber kaum je zu verbessern vermag, sind sich die meisten Bildungsexperten in und außerhalb von Österreich einig. Viele Schulsysteme in der OECD kennen diesen pädagogischen Strafparagrafen daher auch längst nicht mehr. Andere haben sich auf den Weg gemacht, ihn ebenfalls vollkommen abzuschaffen. Auch im in Bildungsbelangen tendeziell konservativen Deutschland, wo Schulpolitik föderalistisch organisiert und daher von den einzelnen Bundeländern eigenverantwortlich gestaltet wird. Hamburg macht im Schuljahr 2011/12 den Anfang, auf den Weg gebracht hat die Umstellung noch ein konservativ dominierter Stadtsenat. Berlin, Thüringen und andere Länder wollen dem Beispiel demnächst folgen. Die Hanseaten setzen künftig auf die Maxime »Fördern statt wiederholen«.

Ohne Vorbehalte oder Befürchtungen kam die zu Österreich gänzlich unterschiedliche Reform auch an der Elbe nicht in die Gänge. Vor allem an Schulen in Problembezirken sorgen sich Lehrer, demnächst ohne die normative Kraft dieser Ultima Ratio der alten Pauke auskommen zu müssen. Schließlich siegte aber die Einsicht in die pädagogische Expertise.

In Österreich wäre eine radikale Reform, wie sie nun in Hamburg eingeleitet worden ist, vollkommen unvorstellbar. Nach wie vor verhindern ideologische Scheuklappen, Kompetenzstreitereien und das Beharren des Lehrpersonals auf sein tradiertes Berufsbild, dass die Erkenntnisse der Bildungsexperten in Politik umgesetzt werden können. Seit Langem steht fest, dass sich Österreich zwar ein verschwenderisch teures Schulssystem leistet, aber dieses im internationalen Vergleich nur beschämend miserable Bildungsergebnisse, die noch dazu von Jahr zu Jahr schlechter werden, zu produzieren in der Lage ist. Die Millionen versickern in doppelten und dreifachen Strukturen, die Standesdünkel priviligierter Schichten verhindern, dass höhere Bildung auf eine sozial breitere Basis gestellt werden kann und die Lehrergewerkschaft boykottiert jede Reform schon im Ansatz. Und die Volkspartei, die sich als politischer Arm all dieser Verhinderungskräfte versteht, blockiert sei Jahrzehnten jede wirksame Reform. Im Prinzip reicht die Auseinandersetzung zwischen Reformern und Bewahrern zurück bis in die ersten Tage der Republik, der Ersten Republik wohlgemerkt – ohne dass sich die Fronten merklich verschoben hätten.

Worin das ewige Gesetz der österreichischen Bildungspolitik besteht, formulierte der neue Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, als er zu Beginn der Woche die Umsetzungschancen eines Expertenentwurfs zur Neuorientierung der Lehrerausbildung an eigenen Pädagogischen Universitäten einschätzte. Er hoffe, meinte der Altphilologe, dass »viel übrig bleiben« werde von den Empfehlungen, »obwohl man dann am Schluss, wenn alles in Gesetze gegossen ist, nicht mehr viel davon merken wird«.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Grüne | OECD | ÖVP | Reform | Volksparteien | Österreich
    Service