Friedensrichter Dayton war ein ehrenwerter Mann. So wie die anderen Richter und Staatsanwälte in den kleinen Städten am großen Fluss. Alle ehrenwert. Tagsüber. Bei Einbruch der Dunkelheit aber wurden sie zu Piraten, überfielen Dampfer, Fähren, Lastkähne, beraubten und ermordeten Passagiere und Besatzungen. Ihren geheimen Standort hatten sie auf einer Insel mitten im Strom. Dort war Richter Dayton der Respekt einflößende Kapitän Kelly. Dessen Geschichte erzählt Friedrich Gerstäcker in seinem Abenteuerroman Die Flusspiraten des Mississippi, der seit 1847 Generationen vor allem junger Leser mitgerissen hat. Ganz unbeabsichtigt setzte der aus Hamburg stammende Autor und Weltenbummler darin auch der traditionellen Doppelrolle der Seeräuber in der Gesellschaft ein Denkmal. Denn schon im alten Griechenland bekämpften die Kleinstaaten der Ägäis Piraten mit allen Mitteln – und ließen gleichzeitig ihre eigenen Freibeuter die Häfen und Handelsplätze der Rivalen überfallen. Zwei Jahrtausende später wurden die Piraten ihrer Majestäten gar zu nationalen Helden, allen voran der Kaperfahrer Francis Drake, den Königin Elisabeth I. adeln ließ.

Inzwischen lassen Hunderte hochgerüsteter Seeräuber, die von Somalias Küste bis zu den Seychellen im Indischen Ozean vorgedrungen sind, die Freibeuterromantik alt aussehen. Mit ihr schienen auch die Flusspiraten abgetakelt zu haben. Doch die Nachrufe kamen zu früh. Im Amazonas, im brasilianischen Bundesstaat Pará, lösen die Schnellboote der Piraten immer noch Panik aus. Pará ist so groß wie Westeuropa, hat aber nur sechs Millionen Bewohner und viel zu wenige Richter, Staatsanwälte, Ordnungshüter. Ungestört enterten 11 Piraten Mitte Juni ein Schiff mit 140 Passagieren. Es war zur Hauptstadt Belém unterwegs, dem letzten Flusshafen des Amazonas vor seiner Mündung in den Atlantik. »Sie hielten den Kindern Pistolen an die Schläfen! Den Erwachsenen drohten sie, die Finger abzuhacken, wenn sie ihre Ringe nicht abliefern würden«, berichtete ein Passagier dem Lokalblatt Diário de Pará .

Der Besitzer des Schiffes fordert, dass sich der Staat endlich gegen die Piraten wehrt: »Sie haben schon Boote mit 300 Menschen an Bord geentert.« Dass es die Räuber nicht bei leeren Drohungen belassen, demonstrierten sie erst jüngst wieder: Sie töteten einen Flussschiffer, der seinen Kahn mit Früchten nach Belém steuerte. Schon vor zehn Jahren hatten die Piraten von Pará den Sonderbotschafter der UN-Umwelt-Programme, Sir Peter Blake, auf seinem Zweimaster Seamaster erschossen.

Nicht nur die Flusspiraten, auch die Freibeuter der Wälder von Pará verbreiten jetzt neuen Schrecken. Die Auftragskiller der Rinderzüchter, Großgrund- und Sägewerksbesitzer führen Hunderte Namen auf ihren Todeslisten. Es ist gerade fünf Jahre her, dass sie im Dschungel die Ordensschwester Dorothy Stang erschossen. Die US-Amerikanerin kämpfte über Jahre gegen die Abholzung der Regenwälder. Ein Viehzüchter und ein Grundbesitzer hatten ihren Mördern umgerechnet 15.000 Euro bezahlt. In den vergangenen Wochen haben Killer-Kommandos wieder fünf Aktivisten umgebracht, die den Regenwald gegen die Holzfäller und Brandrodungen verteidigten. Aus Sicht des Anwalts José Batista, der im Auftrag der brasilianischen Bischofskonferenz entrechtete Landlose vertritt, herrscht in der Region ein Klima vollständiger Rechtslosigkeit.

Dem will João Bosco Rodrigues, Chef der Polizei-Sonderabteilungen von Pará, jetzt wenigstens zu Wasser mit einer Taskforce abhelfen. 50 Polizeioffiziere mit acht Booten sollen Jagd auf die Flusspiraten machen. Angesichts der im Norden des Landes so unterentwickelten Zentralgewalt des Global Players Brasilien ist aber fraglich, ob die ihnen am Ende in die Falle gehen – wie in Gerstäckers Roman.