DIE ZEIT: In allen Bundesländern versucht die Bildungspolitik, das Sitzenbleiben einzuschränken oder ganz abzuschaffen . Ist das sinnvoll?

Manfred Prenzel: Ja. Die Forschungsbefunde, die belegen, dass Klassenwiederholungen wenig nützen, reichen zurück bis in die frühen siebziger Jahre. Sie zeigen, dass das Sitzenbleiben pädagogisch fragwürdig und teuer ist, schließlich muss jedes zusätzliche Schuljahr bezahlt werden.

DIE ZEIT: Viele Eltern und Lehrer, ja selbst Schüler sehen das anders. Sie meinen, schwache Schüler erhielten eine neue Chance, wenn sie wiederholen.

Manfred Prenzel: Dieser Effekt hält oft nur kurzfristig an. Am Anfang sind die Sitzenbleiber ihren Klassen etwas voraus, am Ende des Schuljahres gleicht sich das meist jedoch wieder aus. Und ein Jahr später hinken viele dann wieder hinterher. Studien zeigen, dass Schüler mit Lernproblemen, die trotzdem versetzt werden, am Ende bessere Leistungen erzielen als Sitzenbleiber.

DIE ZEIT: Wie ist das möglich?

Manfred Prenzel: Beim Sitzenblieben bekommt man die gleiche Behandlung ein zweites Mal verabreicht. Doch nur durch schlichtes Wiederholen werden Leistungen langfristig nicht besser. Zudem bedeutet es für Schüler eine Kränkung, aus der sozialen Gruppe ausgeschlossen zu werden.

DIE ZEIT: Es gibt auch Sitzenbleiber, die später sagen, die Nichtversetzung habe ihnen nicht geschadet.

Manfred Prenzel: Das Argument hört man oft von prominenten Wiederholern. Von denen, für die das Sitzenbleiben der Beginn einer gescheiterten Schulkarriere war, hört man weniger.

DIE ZEIT: Wenn das Sitzenbleiben den betroffenen Schülern selten hilft, profitiert nicht zumindest der Rest der Klasse davon, wenn er keine Rücksicht mehr nehmen muss auf die Schwächeren?

Manfred Prenzel: Dieses Bremserargument ist besonders bei Lehrern beliebt. Sie hängen immer noch der Vorstellung an, dass Klassen in ihrer Leistung möglichst homogen sein müssen. Das hat sich aber längst als Fiktion entpuppt, auch auf Gymnasien.

DIE ZEIT: Aber gibt es nicht Schüler, die so hinterherhinken, dass nur ein Neuanfang hilft?

Manfred Prenzel: Das hängt vom Fach ab. Nicht in allen Fächern ist der Stoff kumulativ. Beginnt man ein neues Themenfeld, kann man durchaus neu ansetzen. In anderen Fächern muss man tatsächlich Grundlagen neu aufbauen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, diese Basics auch im laufenden Unterricht zu wiederholen, etwa durch Nachhilfe.

DIE ZEIT: Sie würden also das Sitzenbleiben abschaffen?

Manfred Prenzel: Man sollte es zumindest stark reduzieren. Ich will nicht ausschließen, dass es Schüler gibt, denen das Wiederholen einer Klassenstufe guttut. Kinder zum Beispiel, die längere Zeit krank waren. Oder Jugendliche, die starke Probleme mit ihren Eltern hatten.