Bildungsforschung : "Schule lebt nicht von Zwang"

Es gibt keinen guten Grund, Schüler sitzen bleiben zu lassen, sagt Manfred Prenzel und plädiert für einen Mentalitätswechsel.

DIE ZEIT: In allen Bundesländern versucht die Bildungspolitik, das Sitzenbleiben einzuschränken oder ganz abzuschaffen . Ist das sinnvoll?

Manfred Prenzel: Ja. Die Forschungsbefunde, die belegen, dass Klassenwiederholungen wenig nützen, reichen zurück bis in die frühen siebziger Jahre. Sie zeigen, dass das Sitzenbleiben pädagogisch fragwürdig und teuer ist, schließlich muss jedes zusätzliche Schuljahr bezahlt werden.

DIE ZEIT: Viele Eltern und Lehrer, ja selbst Schüler sehen das anders. Sie meinen, schwache Schüler erhielten eine neue Chance, wenn sie wiederholen.

Manfred Prenzel

59, ist Bildungsforscher an der TU München und Gründungsdekan der TUM School of Education.

Manfred Prenzel: Dieser Effekt hält oft nur kurzfristig an. Am Anfang sind die Sitzenbleiber ihren Klassen etwas voraus, am Ende des Schuljahres gleicht sich das meist jedoch wieder aus. Und ein Jahr später hinken viele dann wieder hinterher. Studien zeigen, dass Schüler mit Lernproblemen, die trotzdem versetzt werden, am Ende bessere Leistungen erzielen als Sitzenbleiber.

DIE ZEIT: Wie ist das möglich?

Manfred Prenzel: Beim Sitzenblieben bekommt man die gleiche Behandlung ein zweites Mal verabreicht. Doch nur durch schlichtes Wiederholen werden Leistungen langfristig nicht besser. Zudem bedeutet es für Schüler eine Kränkung, aus der sozialen Gruppe ausgeschlossen zu werden.

DIE ZEIT: Es gibt auch Sitzenbleiber, die später sagen, die Nichtversetzung habe ihnen nicht geschadet.

Manfred Prenzel: Das Argument hört man oft von prominenten Wiederholern. Von denen, für die das Sitzenbleiben der Beginn einer gescheiterten Schulkarriere war, hört man weniger.

DIE ZEIT: Wenn das Sitzenbleiben den betroffenen Schülern selten hilft, profitiert nicht zumindest der Rest der Klasse davon, wenn er keine Rücksicht mehr nehmen muss auf die Schwächeren?

Manfred Prenzel: Dieses Bremserargument ist besonders bei Lehrern beliebt. Sie hängen immer noch der Vorstellung an, dass Klassen in ihrer Leistung möglichst homogen sein müssen. Das hat sich aber längst als Fiktion entpuppt, auch auf Gymnasien.

DIE ZEIT: Aber gibt es nicht Schüler, die so hinterherhinken, dass nur ein Neuanfang hilft?

Manfred Prenzel: Das hängt vom Fach ab. Nicht in allen Fächern ist der Stoff kumulativ. Beginnt man ein neues Themenfeld, kann man durchaus neu ansetzen. In anderen Fächern muss man tatsächlich Grundlagen neu aufbauen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, diese Basics auch im laufenden Unterricht zu wiederholen, etwa durch Nachhilfe.

DIE ZEIT: Sie würden also das Sitzenbleiben abschaffen?

Manfred Prenzel: Man sollte es zumindest stark reduzieren. Ich will nicht ausschließen, dass es Schüler gibt, denen das Wiederholen einer Klassenstufe guttut. Kinder zum Beispiel, die längere Zeit krank waren. Oder Jugendliche, die starke Probleme mit ihren Eltern hatten.

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Kommentare

82 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Differenzierung der Schulformen gut

"Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont."
Konrad Adenauer

Als Beispiel kann man eine Fahrt auf der Autobahn nehmen. Wenn man eine homogene Klasse mit guten Schülern hat, kann man konstant 200 fahren und jeder kommt mit. Wenn einzelne schwächeln, kann man 160 fahren und die Schwächsten kommen schon nicht mehr mit. In Realschule fährt man 140 und 120, dort gelten aber die gleichen Gesetze wie im Gymnasium.

Kinder sind also

wie Autos auf deutschen Autobahnen. Soso. Blöd nur, dass die Autos kein soziales Gebilde sind. Ihre Metapher bezieht sich ausschließlich auf den Aspekt der Geschwindigkeit, nicht aber auf den Wert der Nachhhaltigkeit und sozialen Interaktion. Der Sprit bei konstant 200 ist schneller leer als bei zunächst scheinbar gemächlichen 160. Damit kommt man dann vielleicht weiter. Aber ich mag ihre Metapher nicht.

Sitzenbleiben ist die maximale Demütigung in der Schule. Der Schüler wird vor der Klasse, den Lehrern, der Familie und den Freunden bloßgestellt. Versagt. Und was bringt die Ehrenrunde? Den meisten Schülern nichts, außer diese Demütigung. Schule wird damit immer mehr zum Ort des Leidens, nicht des Lernens. Toll..

Waren sie schonmal eigentlich in einer Schule? Homogene Klassen? Habe ich bisher sehr selten erlebt. Selbst in Leistungskursen gibt es starke und schwache Schüler. Wer homogene Klassen fordert, diskutiert völlig an der Realität vorbei.Es tut niemandem weh, wenn alle Schüler eine gewisse Zeit nach der Grundschule gemeinsam unterrichtet werden, wenn man den Unterricht so gestaltet,dass er den unterschiedlchen Fähigkeiten gerecht wird.Fordert, aber auch fördert. Die Leistung individuell misst.Wenn Schüler A talentiert in Mathe ist, sich aber ausruht und damit auf eine 3 kommt,dann ist das eine geringere Leistung als die von Schüler B,untalentiert aber verdammt fleißig und im gleichen Test 3. B bringt die Leistung, nicht A. Die Note sagt darüber aber leider nix aus..

Versager oder Superstar

"Sitzenbleiben ist die maximale Demütigung in der Schule. Der Schüler wird vor der Klasse, den Lehrern, der Familie und den Freunden bloßgestellt. Versagt. Und was bringt die Ehrenrunde? Den meisten Schülern nichts, außer diese Demütigung. Schule wird damit immer mehr zum Ort des Leidens, nicht des Lernens. Toll.."

Wie gesagt: Man muss unterscheiden, warum jemand sitzen bleibt.
Wenn es als cool gilt, nichts für die Schule zu tun, sollte man sich als Sitzenbleiber doch nicht gedemütigt fühlen, sondern der neue Superstar der Schule sein? :-)

Meine Meinung

Auch wenn ich dem Interviewten inhaltlich teilweise zustimme finde ich seine Ausführungen doch recht unreflektiert und einseitig.

Zitat:
"Das Argument hört man oft von prominenten Wiederholern. Von denen, für die das Sitzenbleiben der Beginn einer gescheiterten Schulkarriere war, hört man weniger."

Zitat:
"Richtig. Heute wissen wir, dass Schulen etwa in Japan, dem Vereinigten Königreich oder Finnland das Sitzenbleiben nicht kennen und ihre Schüler deshalb nicht schlechter sind."

Verbindet man die Zitate inhaltlich so könnte man fast meinen, dass man bei den Ländern nur von "prominenten" hört und von den gescheiterten Ländern lediglich nix hört.

Zitat:
"Sie meinen, nachdem schon der Rohrstock abgeschafft wurde? Nein, im Ernst: Schule lebt nicht von Zwang."

Mit so einem verunglimpfenden Vergleich kann man sich natürlich der sachlichen Auseinandersetzung mit dem Argument entziehen.
Laut den Ausführungen wären ja sowieso alle Sanktionsmöglichkeiten abzuschaffen.

Das ist so, als ob jemand auf die Frage ob ein Mörder ins Gefängniss muss sagt: Ja klar und wir machen es genau so in den 30-Jahren...

Das zeigt mir, dass er gegen dieses Argument sachlich/inhaltlich nicht wirklich ankommt und daher "ausweichen" muss...

Also die letzte Antwort finde ich doch sehr schwach.
Ach ja die Schulpflicht können wir ja auch direkt ganz abschaffen oder will irgend jemand noch den Rohrstock im Einsatz sehen?

Man sollte sich den Auswirkungen seiner Argumentationskette schon bewusst sein

Mentalitätsproblem

Die Argumente von Herr Prenzel überzeugen mich nicht.
Aus meiner Erfahrung am Gymnasium lag das Sitzenbleiben ausschließlich an Faulheit. Wenn man faktisch überhaupt keine Hausaufgaben mehr macht, bekommt man zwangsläufig Probleme. Bei uns wurde, zumindest bis zur Oberstufe, möglichst wenig machen als cool angesehen. Ich denke dies ist ein Mentalitätsproblem in Deutschland.

In meinem Bekanntenkreis hat das Sitzenbleiben auch nicht zu einem Wandel der inneren Einstellung geführt.

Subjektive Erfahrung und die reale Situation

Ihr Kommentar ist ein schönes Beispiel für die Schwierigkeiten mit denen Bildungsforschung in der Öffentlichkeit zu kämpfen hat.
Jeder war schliesslich mal Schüler und hat daher selber Erfahrungen gesammelt (natürlich nur in einer Art von Schule und in einer Art von Umfeld aber immerhin).
Sehr leicht werden dann die eigenen Erfahrungen auf alle veralgemeinert.

Oft machen das sogar noch Leute, deren Schulzeit 20 Jahre oder so her ist.
In anderen Bereichen wäre so ein Verhalten absurd, man stelle sich vor jemand käme in eine Firma und behauptete zu wissen, wie der Hase läuft, er wäre da schliesslich vor 20 Jahren mal Lehrling gewesen.

Klarstellung meines Kommentars "Mentalitätsproblem"

Ich habe nicht gesagt, dass Herr Prenzel unrecht hat, sondern dass die Argumente mich nicht überzeugen, weil die Argumente mit meinen Erfahrungen konträr sind.
Zum Beispiel die gezielte Förderung von Schülern durch Nachhilfe hört sich gut an. Sie kann aber nichts bringen wenn diese Schüler nicht zumindest in den Hauptfächern die Hausaufgaben machen. Eine Hausaufgabenbetreung steht im Gegensatz zu dem Anspruch eines Gymnasiums, welches zum selbständigen Arbeiten befähigen soll.

Selbstverständlich hat Herr Prenzel trotzdem ein objektiveres Bild von unserem Schulsystem, schließlich beschäftigt er sich hauptberuflich damit.

Meine Schulzeit liegt übrigens nicht 20 Jahre zurück; ich habe letztes Jahr Abitur gemacht.

Betrifft: Mentalitätsproblem

Quote: "Eine Hausaufgabenbetreung steht im Gegensatz zu dem Anspruch eines Gymnasiums, welches zum selbständigen Arbeiten befähigen soll."

Was das Gymnasium, die Schule, das Bildungswesen, nicht alles soll. Diese Frage geht an Sie - welche Funktionen stehen hier im Raum, von Aufträgen und Zielsetzungen mal ganz abgesehen?

Und wiederspricht sich das denn wirklich? H-Betreuung kann auch diese Fähigkeit fördern, durch gezielte Unterstützung.

Quote: "Selbstverständlich hat Herr Prenzel trotzdem ein objektiveres Bild von unserem Schulsystem, schließlich beschäftigt er sich hauptberuflich damit."

Nun, er selbst würde das nicht so sehen denke ich, denn von Objektivität ist hier überhaupt nicht die Rede. Man könnte auch fragen "was ist das eigentlich"?

Herr P. hat vertritt eine erfahrungswissenschaftlich fundierte "Meinung", einen Standpunkt der sich seiner selbst bewusst ist - und nicht zuletzt auch noch theoretisch sensibilisiert.

So what?

Antwort zu "Betrifft: Mentalitätsproblem"

Quote:"Was das Gymnasium, die Schule, das Bildungswesen, nicht alles soll. Diese Frage geht an Sie - welche Funktionen stehen hier im Raum, von Aufträgen und Zielsetzungen mal ganz abgesehen?"
Die Schule soll neben der häuslichen Erziehung auf das Leben vorbereiten. Das Gymnasium soll außerdem auf ein Studium vorbereiten; in jedem Studium ist selbständiges arbeiten und denken gefordert.

Quote:"Und wiederspricht sich das denn wirklich? H-Betreuung kann auch diese Fähigkeit fördern, durch gezielte Unterstützung."
In der Grundschule und Unterstufe macht eine Hausaufgabenbetreung sicher Sinn, aber Jugendliche müssen auch selbständig und verantwortungsvoll werden. Ohne Freiraum kann sich das nicht entwickeln.

"Nun, er selbst würde das nicht so sehen denke ich, denn von Objektivität ist hier überhaupt nicht die Rede. Man könnte auch fragen "was ist das eigentlich"?"
Das Wort objektiv war wohl nicht präzise. Ich wollte nur deutlich machen, dass mein Kommentar natürlich aus einer eingeschränkten Sicht entstanden ist.

Können Sie mir kurz erklären, was Sie mit "theoretisch sensibilisiert" meinen.