Sitzenbleiben in Bayern : Das sitzen sie aus

Bayerns Schüler sind Spitzenreiter – auch im Wiederholen ganzer Klassenstufen. Die Politik bemüht sich, die Statistik zu schönen.

Manchmal reicht ein einziges Wort, und es ist um den labilen Schulfrieden geschehen. Als vor drei Wochen der 14-jährige Vincent H., Schüler der Joseph-von-Fraunhofer-Realschule in München, seine Mathematik-Lehrerin nicht wie vorgeschrieben mit »Guten Morgen«, sondern mit »Servus« begrüßte, hatte das beträchtliche Folgen: Verweis des Schülers gemäß Artikel 86 Bayerisches Erziehungs- und Unterrichtswesensgesetz (»respektloses Verhalten«), Elternbenachrichtigung, Berichterstattung in der Abendzeitung.

Es war der letzte Beweis, dass in bayerischen Schulen die Nerven blank liegen – wie immer kurz vor den Sommerferien. Wenn die letzten Klassenarbeiten geschrieben werden. Wenn die entscheidenden Notenkonferenzen angesetzt sind. Wenn Lehrer ihre ultimative Machtstellung spüren, die sich in weinroten Taschenkalendern niederschlägt. Und wenn sich zahllose »gefährdete« Schüler abstrampeln , um noch eben die rettende Punktzahl, das erlösende »ausreichend« zu erlangen. Bloß nicht sitzen bleiben (was im Freistaat übrigens »durchfallen« heißt).

»So etwa sechs von den 30 in meiner Klasse werden durchfallen, das sieht man jetzt schon. Ein Freund von mir, der mag keinen Sport und hat sein Sportzeug vergessen. Deshalb hat er eine Sechs bekommen. Wegen einer Sechs kann man auch schon durchfallen, klar.« Leo*, 11 Jahre, 5. Klasse Gymnasium

Bayern ist Spitzenreiter: 4,8 Prozent der Gymnasiasten und 5,2 Prozent der Realschüler wurden im Schuljahr 2009/10 nicht in die nächsthöhere Klasse versetzt. Und Bayern steht für ein Dilemma: Einerseits sind die meisten staatlichen Schulen dem strikten Leistungsanspruch verpflichtet, wonach Sitzenbleiben als normale Maßnahme gilt. Andererseits will Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) ungern die rote Laterne tragen als Verantwortlicher für ein Schulsystem, in dem Schüler reihenweise versagen und scheitern.

Nicht nur in der Landeshauptstadt, auch im tiefen Niederbayern geht es also jetzt um alles. Zum Beispiel am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium am Rande der Kleinstadt Vilsbiburg bei Landshut. Ein zweistöckiger Zweckbau aus dem Jahr 1971, mit geometrischen Deko-Elementen, die aussehen, als habe ein Musterschüler seine Matheaufgaben gleich an der Fassade gelöst. Mit gut ausgestatteter Bibliothek, mit blitzend neuer Mensa und mit verunkrauteten Beeten neben der Tischtennisplatte im Pausenhof. So weit, so normal. Weniger normal ist vielleicht, dass Montgelas-Schülerinnen und -Schüler zu Beginn jeder Schulstunde aufzustehen und den Lehrer zu begrüßen haben (»Salve, Magister!«). Fremdländisch klingende Namen in den Klassenbüchern sind eher die Ausnahme.

Gleich neben der Tür hängen in der 9d die Termine aus, auf die es ankommt: »31. Mai Latein«, »29. Juni Deutsch« sind schon abgehakt, Englisch folgt am 5. Juli. Dazwischen können aber immer noch sogenannte Exen geschrieben werden, unangekündigte Tests, sehr unbeliebt, da für die Note mitentscheidend. Schlaksige 14-Jährige hängen in den Stühlen, wissen nicht, wohin mit den langen Armen, Mädchen zwirbeln ihr Blondhaar, wenn die Blicke des Lehrers im Angstfach Mathematik durch die Reihen schweifen, um einen Kandidaten zum Vorrechnen an die Tafel zu holen. Dort winkt ein achsensymmetrisches Trapez mit einer Höhe h und einer Seitenlänge g...

»Ich finde, wer sich anstrengt, der soll auch vorrücken. Es hat keinen Zweck, wenn ich auf zwei Fächern glatt Fünf stehe und gehe damit weiter, dann bringt das in der höheren Klasse noch krassere Probleme.« Michael, 15 Jahre, 9. Klasse Gymnasium.

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Kommentare

88 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Erbsenzähler

Manche sind im Erbsenzählen noch besser als in der Volumenberechnung. Trapez ist ja zweidimensional und hat kein Volumen - haha, blöder Schreiberling!
Im Artikel ist von einem achsensymmetrischen Trapez die Rede. Das soll einen Rotationskörper mit dem Querschnitt eines Trapezes andeuten. Und dieses Volumen kann man schon berechnen: Mit Erbsen füllen und an Hand der Anzahl der Erbsen mittels durchnittlichem Erbsenvolumen nebst geschätztem Zwischenraumvolumen (z.B. nach hexagonal dichtester Kugelpackung der Erbsen) das Gesamtvolumen ermitteln.

Blubb

Ein achsensymmetrisches Trapez ist immer noch eine Fläche.
Ein achsensymmetrischer Rotationskörper bedeutet, dass die Ansicht um die Symmetrieachse eben gleich bleibt. das ist für eine Trapez-Grundfläche gar nicht möglich.
(Ich kann auch noch ein paar unwichtige physikalische Begriffe reinwerfen, damit ich schlauer klinge, als ich eigentlich bin:)
Zusammengefasst heißt das, ein achsensymmetrischer Rotationskörper hat in der Projektion auf diese Symmetrie-Raumkoordinate nur einen Eigenzustand ;)

Falls Sie sich schon mal gefragt haben, warum es bei achsensymmetrischen 2-atomigen Molekülen nur 2 Rotationsfreiheitsgrade gibt, das wird nämlich selten richtig (bzw. 'schön') erklärt.
Aber damit kämen wir ja vom Thema ab, aber das sind wir mit dem Trapez ja eh schon längst...

Das Volumen eines Trapezes . . .

kann gar keiner ausrechnen *grins*. Herrlich, solche Lapsi auch in der Zeit zu lesen. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn ab und an mal eine Klasse wiederholt würde.
Dem Wissen, der geistigen Reife und letztendlich auch den Chancen im Berufsleben würde es nur gut tun.
Ein bischen kenn ich davon. Seit ca. 30 Jahren bilde ich in meinem Handwerksbetrieb aus und ich bin jedes Jahr entsetzter, wenn ich mir die geistigen Tiefflieger anschaue, die einen Beruf lernen wollen. Teilweise wird es schon als besonders positive Leitung empfunden, pünktlich zu erscheinen. . .

Richtig

Das Volumen eines Trapezes kann keiner ausrechnen.
Hätte die Autoren mal auch eine Klasse wiederholt, vielleicht wüsste sie es dann.

Meiner Meinung nach ist das ein viel zu negativer Artikel. Man sollte sich vielleicht mal damit beschäftigen, warum Bayern, Sachsen und BW so gute PISA-Ergebnisse erzielen, die Realschüler zum Teil Gymnasial-Niveau anderer Bundesländer haben und auch die besten Schüler hervorbringen, gleichzeitig aber (besser: auch?) die meisten Sitzenbleiber haben.
Wenn nämlich jeder schwache Schüler ständig mit 5 noch durchgewinkt wird, wie soll er dann auch die Zeit haben, den älteren Stoff mal richtig zu verstehen.
Außerdem fehlt dann auch zum Teil die Motivation, schließlich kommt man ja irgendwie durch.

Genau, es geht um den Einzelnen

Jedoch geht es viel zu oft um die einzelnen schwachen Schüler.
Was ist mit den sehr guten Schülern, die sich im Unterricht langweilen, weil der Schulstoff auf Realschulniveau unterrichtet wird, damit auch die Schwachen alles verstehen. Die sind aber am Gymnasium, um gefordert und gefördert zu werden.
Es gibt auch Hochbegabte, die aufgrund der gähnenden Langeweile Depressionen bekommen, weil sie nicht so gefördert werden, wie sie es eigentlich müssten. Manchmal stören sie erheblich den Unterricht und bekommen so auch schlechte Noten.
Genauso wie diese Schüler sofort in eine Eliteschule gesteckt werden, gehören für das Gymnasium zu schwache Schüler in die Realschule. Nur weil es am anderen Ende des Spektrums ist, heißt das nicht, dass es da Unterschiede gebe.
Nochmal:
Für Schüler, die am Gymnasium nicht mitkommen und sitzen bleiben, gibt es eine einfache Lösung: Realschule.
Für Schüler, die an der Realschule nicht mitkommen: Hauptschule.
Für Schüler, die es nicht an der Hauptschule packen: Lernbehindertenschule.

Das Schulsystem in Deutschland hat sich über Jahrzehnte bewährt. Meiner eigenen Wahrnehmung nach hängt das immer größere Jammern und die schlechten Leistungen in der Schule (und später im Studium) direkt mit der immer größeren Anzahl an Gymnasiasten und Abiturienten zusammen.
Die Intelligenz hat nicht zugenommen in unserer Gesellschaft, sondern die Verblendung von einigen Eltern, die ihren Forrest Gump unbedingt das Abitur machen sehen wollen.