Sitzenbleiben in BayernDas sitzen sie aus

Bayerns Schüler sind Spitzenreiter – auch im Wiederholen ganzer Klassenstufen. Die Politik bemüht sich, die Statistik zu schönen. von 

Manchmal reicht ein einziges Wort, und es ist um den labilen Schulfrieden geschehen. Als vor drei Wochen der 14-jährige Vincent H., Schüler der Joseph-von-Fraunhofer-Realschule in München, seine Mathematik-Lehrerin nicht wie vorgeschrieben mit »Guten Morgen«, sondern mit »Servus« begrüßte, hatte das beträchtliche Folgen: Verweis des Schülers gemäß Artikel 86 Bayerisches Erziehungs- und Unterrichtswesensgesetz (»respektloses Verhalten«), Elternbenachrichtigung, Berichterstattung in der Abendzeitung.

Es war der letzte Beweis, dass in bayerischen Schulen die Nerven blank liegen – wie immer kurz vor den Sommerferien. Wenn die letzten Klassenarbeiten geschrieben werden. Wenn die entscheidenden Notenkonferenzen angesetzt sind. Wenn Lehrer ihre ultimative Machtstellung spüren, die sich in weinroten Taschenkalendern niederschlägt. Und wenn sich zahllose »gefährdete« Schüler abstrampeln , um noch eben die rettende Punktzahl, das erlösende »ausreichend« zu erlangen. Bloß nicht sitzen bleiben (was im Freistaat übrigens »durchfallen« heißt).

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»So etwa sechs von den 30 in meiner Klasse werden durchfallen, das sieht man jetzt schon. Ein Freund von mir, der mag keinen Sport und hat sein Sportzeug vergessen. Deshalb hat er eine Sechs bekommen. Wegen einer Sechs kann man auch schon durchfallen, klar.« Leo*, 11 Jahre, 5. Klasse Gymnasium

Finnland

In Finnland gibt es das Sitzenbleiben nur im Ausnahmefall. Schwache Schüler bekommen grundsätzlich Förderunterricht. Besteht einer ein Fach oder mehrere Fächer nicht, kann die Wiederholung der Klasse in Betracht gezogen werden. Der Schüler kann aber auch in Nachholprüfungen beweisen, dass er doch fähig ist, die nächste Klasse zu besuchen.

England

Es gibt kein Sitzenbleiben in England – alle rücken weiter. Nur in Ausnahmefällen entscheidet die Schule, dass ein Schüler einer anderen Altersgruppe zugewiesen werden kann, allerdings nur mit Zustimmung der Eltern.

Frankreich

Frankreich ist nach Spanien europäischer Spitzenreiter im Sitzenbleiben. Von den 15-Jährigen hat jeder dritte bereits wiederholt. Wer weniger als 10 von 20 Punkten holt, bleibt sitzen. Die Eltern können dagegen Einspruch erheben.

Japan

Ein Schüler, der zu seiner Scham eine Klasse wiederholen muss? In Japan, wo stets darauf geachtet wird, dass keiner sein Gesicht verliert, ist das undenkbar. Mangelndes Können wird hier mit Fleiß wettgemacht: Schon durchschnittliche Schüler besuchen mehrmals pro Woche am Abend eine Art Nachhilfeschule, in der sie zusätzlich zum Standardunterricht fit gemacht werden für weiterführende Schulen.

Island

In Island gibt es keine Regelung zum Sitzenbleiben, das Gesetz legt aber fest, dass die Pflichtschulzeit allgemein zehn Jahre beträgt.

Polen

In Polen droht das Sitzenbleiben erst ab der 4. Klasse, dann reicht allerdings bereits ein nicht bestandenes Fach. Es gibt aber Nachholprüfungen und die Möglichkeit einer bedingten Versetzung. Sitzenbleiben ist nur einmal pro Schulform erlaubt. In der Praxis bleiben circa fünf Prozent der Schüler sitzen.

NOR

Norwegen kennt kein Sitzenbleiben. Jedes Kind hat Anspruch auf Nachhilfe, dazu kommen extra Assistenten an die Schule, die parallel zum normalen Unterricht Förderstunden geben.

Bayern ist Spitzenreiter: 4,8 Prozent der Gymnasiasten und 5,2 Prozent der Realschüler wurden im Schuljahr 2009/10 nicht in die nächsthöhere Klasse versetzt. Und Bayern steht für ein Dilemma: Einerseits sind die meisten staatlichen Schulen dem strikten Leistungsanspruch verpflichtet, wonach Sitzenbleiben als normale Maßnahme gilt. Andererseits will Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) ungern die rote Laterne tragen als Verantwortlicher für ein Schulsystem, in dem Schüler reihenweise versagen und scheitern.

Nicht nur in der Landeshauptstadt, auch im tiefen Niederbayern geht es also jetzt um alles. Zum Beispiel am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium am Rande der Kleinstadt Vilsbiburg bei Landshut. Ein zweistöckiger Zweckbau aus dem Jahr 1971, mit geometrischen Deko-Elementen, die aussehen, als habe ein Musterschüler seine Matheaufgaben gleich an der Fassade gelöst. Mit gut ausgestatteter Bibliothek, mit blitzend neuer Mensa und mit verunkrauteten Beeten neben der Tischtennisplatte im Pausenhof. So weit, so normal. Weniger normal ist vielleicht, dass Montgelas-Schülerinnen und -Schüler zu Beginn jeder Schulstunde aufzustehen und den Lehrer zu begrüßen haben (»Salve, Magister!«). Fremdländisch klingende Namen in den Klassenbüchern sind eher die Ausnahme.

Gleich neben der Tür hängen in der 9d die Termine aus, auf die es ankommt: »31. Mai Latein«, »29. Juni Deutsch« sind schon abgehakt, Englisch folgt am 5. Juli. Dazwischen können aber immer noch sogenannte Exen geschrieben werden, unangekündigte Tests, sehr unbeliebt, da für die Note mitentscheidend. Schlaksige 14-Jährige hängen in den Stühlen, wissen nicht, wohin mit den langen Armen, Mädchen zwirbeln ihr Blondhaar, wenn die Blicke des Lehrers im Angstfach Mathematik durch die Reihen schweifen, um einen Kandidaten zum Vorrechnen an die Tafel zu holen. Dort winkt ein achsensymmetrisches Trapez mit einer Höhe h und einer Seitenlänge g...

»Ich finde, wer sich anstrengt, der soll auch vorrücken. Es hat keinen Zweck, wenn ich auf zwei Fächern glatt Fünf stehe und gehe damit weiter, dann bringt das in der höheren Klasse noch krassere Probleme.« Michael, 15 Jahre, 9. Klasse Gymnasium.

Leserkommentare
  1. können nur wenige Auserwählte ausrechnen.

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    Im Gegenteil: Das Volumen wäre das Ergebnis einer Multiplikation, bei der (bei einer Fläche - wie dem Trapez) einer der Faktoren Null ist. Und Multiplikation mit Null ergibt immer Null.

    • PW
    • 05. Juli 2011 10:37 Uhr

    Es ist aber symptomatisch, welche Art von Menschen bevorzugt über den Leistungsdruck an deutschen Schulen berichte.

    Manche sind im Erbsenzählen noch besser als in der Volumenberechnung. Trapez ist ja zweidimensional und hat kein Volumen - haha, blöder Schreiberling!
    Im Artikel ist von einem achsensymmetrischen Trapez die Rede. Das soll einen Rotationskörper mit dem Querschnitt eines Trapezes andeuten. Und dieses Volumen kann man schon berechnen: Mit Erbsen füllen und an Hand der Anzahl der Erbsen mittels durchnittlichem Erbsenvolumen nebst geschätztem Zwischenraumvolumen (z.B. nach hexagonal dichtester Kugelpackung der Erbsen) das Gesamtvolumen ermitteln.

  2. kann gar keiner ausrechnen *grins*. Herrlich, solche Lapsi auch in der Zeit zu lesen. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn ab und an mal eine Klasse wiederholt würde.
    Dem Wissen, der geistigen Reife und letztendlich auch den Chancen im Berufsleben würde es nur gut tun.
    Ein bischen kenn ich davon. Seit ca. 30 Jahren bilde ich in meinem Handwerksbetrieb aus und ich bin jedes Jahr entsetzter, wenn ich mir die geistigen Tiefflieger anschaue, die einen Beruf lernen wollen. Teilweise wird es schon als besonders positive Leitung empfunden, pünktlich zu erscheinen. . .

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    Als ich vor fünundvierzig Jahren mein Abitur mit 2,0 machte, war ich der Zweitbeste meines Jahrgangs. 33% aller Schüler schafften es nicht und es war kein Makel. Sie hatten alle Chancen und konnten fehlerfrei rechnen und schreiben.
    Wir, die es geschafft hatten, waren damals deshalb stolz, weil es so schwer war und nicht jeder schaffen konnte.

    Sehr interessant,wieviel Kommentatoren sich sich als Streber und Besserwisser outen. Da reihe ich mich doch gerne ein: Der Plural von "lapsus" ist nicht "lapsi", sondern "lapsus" mit langem u.

    Ihren Ausführungen kann ich nur zustimmen. Mit einer Ausnahme (nix für ungut !) : Der Plural von "Lapsus" ist -
    lapsus !

    kann man durchaus von Volumina sprechen. So ein großer Fehler ist das gar nicht. Mathematisch verhalten sich Volumina und Flächeninhalte entsprechend der Maßdefinition und den entsprechenden Sätzen.

    Also war es kein großer Lapsus.

    • Digne
    • 05. Juli 2011 21:54 Uhr

    ... wie miserabel dies Schulsystem funktioniert.
    Lernen ist normalerweise ein Bedürfnis.

    Warum wohl hat sich das weitgehend geändert?

  3. Vielleicht wüßte sie dann, was ein Volumen ist und was eine Fläche.

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    • Dirac
    • 05. Juli 2011 8:00 Uhr

    Das Volumen eines Trapezes kann keiner ausrechnen.
    Hätte die Autoren mal auch eine Klasse wiederholt, vielleicht wüsste sie es dann.

    Meiner Meinung nach ist das ein viel zu negativer Artikel. Man sollte sich vielleicht mal damit beschäftigen, warum Bayern, Sachsen und BW so gute PISA-Ergebnisse erzielen, die Realschüler zum Teil Gymnasial-Niveau anderer Bundesländer haben und auch die besten Schüler hervorbringen, gleichzeitig aber (besser: auch?) die meisten Sitzenbleiber haben.
    Wenn nämlich jeder schwache Schüler ständig mit 5 noch durchgewinkt wird, wie soll er dann auch die Zeit haben, den älteren Stoff mal richtig zu verstehen.
    Außerdem fehlt dann auch zum Teil die Motivation, schließlich kommt man ja irgendwie durch.

  4. Im Gegenteil: Das Volumen wäre das Ergebnis einer Multiplikation, bei der (bei einer Fläche - wie dem Trapez) einer der Faktoren Null ist. Und Multiplikation mit Null ergibt immer Null.

    • Dirac
    • 05. Juli 2011 8:00 Uhr

    Das Volumen eines Trapezes kann keiner ausrechnen.
    Hätte die Autoren mal auch eine Klasse wiederholt, vielleicht wüsste sie es dann.

    Meiner Meinung nach ist das ein viel zu negativer Artikel. Man sollte sich vielleicht mal damit beschäftigen, warum Bayern, Sachsen und BW so gute PISA-Ergebnisse erzielen, die Realschüler zum Teil Gymnasial-Niveau anderer Bundesländer haben und auch die besten Schüler hervorbringen, gleichzeitig aber (besser: auch?) die meisten Sitzenbleiber haben.
    Wenn nämlich jeder schwache Schüler ständig mit 5 noch durchgewinkt wird, wie soll er dann auch die Zeit haben, den älteren Stoff mal richtig zu verstehen.
    Außerdem fehlt dann auch zum Teil die Motivation, schließlich kommt man ja irgendwie durch.

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    und deshalb gilt auch bei Bayern und ihr Schulsystem: Wo Sonne scheint, ist irgendwo auch Schatten. Da ist auch PISA ersteinmal egal.

  5. "Dort winkt ein achsensymmetrisches Trapez mit einer Höhe h und einer Seitenlänge g: Volumenberechnung ist dran..."

    ;-)))

  6. .... schon andren aufgefallen ;-PPP

  7. Wie man mit so wenig Informationen zu einem selbst gewählten Thema wagen kann, einen Artikel für eine renommierte Wochenzeitung zu schreiben, ist schon verblüffend. Die Autorin informiert sich nicht über die öffentlich zugängliche gymnasiale Schulordnung (GSO), sondern befragt lieber 5.-Klässler über Versetzungsbestimmungen oder 9.-Klässler über die gefühlte Zahl der Wiederholer. Auch der Vorsitzende des BLLV, einem Verband, der ideologisch gebunden ist und hauptsächlich Grund- und Hauptschullehrer vertritt, ist nicht wirklich geeignet, Aussagen über das Gymnasium zu tätigen.
    Die Nachprüfungen gibt es in Bayern seit Jahrzehnten, das Vorrücken auf Probe, das tatsächlich für die überwiegende Zahl der Schüler keine Hilfe bedeutet, schon seit mehreren Jahren. Bewährt hat es sich nur in Einzelfällen, weil ein Schüler, der Wissenslücken in mehreren Fächern hat, dann kurz vor Halbjahresende mit noch größeren Lücken in eine Klasse zurücktreten muss, die sich schon ein halbes Jahr organisiert hat und in der schon die Klassenarbeiten eines Halbjahres geschrieben worden sind. Das bedeutet: weniger Zeit, den verpassten Stoff nachzuholen, und weniger Chancen, eine gute Note im nächsten Zeugnis zu bekommen, weil in Bayern die Zeugnisnoten auch die des ersten Halbjahres berücksichtigen.
    Übrigens: Schüler, die es trotz schlechter Leistungen in 2 Fächern gerade noch so schaffen, versetzt zu werden, fallen dann häufig ein oder zwei Jahre später mit mehreren Fünfen durch.

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    • lupus63
    • 18. Februar 2013 18:48 Uhr

    Mein Kompliment zum Kommentar des Lesers "von Kleist". Zu den zahlreichen Schlampigkeiten des Artikels gesellt sich noch die Fehlinformation, mit einer Fünf im Fach Sport könne man in Bayern sitzenbleiben, und diese Fünf beruhe auf der Tatsache, der betreffende Schüler habe seine Sportsachen vergessen.
    1. Das Vergessen von Arbeitsmaterialien stellt ein Versäumnis des Schülers dar, das ggf. mit disziplinarischen Maßnahmen (Hinweis nach Hause oder Nachsitzen) geahndet werden kann. Keinesfalls ist so etwas notenrelevant.
    2. Das Fach "Sport" ist kein "Vorrückungsfach". Im Klartext: Selbst mit einer "Sechs" in Sport - gilt übrigens auch für die Fächer "Kunst" und "Musik" - kann ein Schüler nicht durchfallen.

    Fazit: Erst recherchieren, dann schreiben!

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