Sitzenbleiben in Bayern Das sitzen sie aus
Seite 3/3:

 Nachprüfungen als Alternativ-Modell

»Eine Milchmädchenrechnung«, behauptet hingegen Schulleiter Kraus. »Die Zahl der Durchfaller bedeutet ja nicht automatisch, dass deshalb im Jahr darauf mehr Klassen gebildet werden müssen, denn die wiederholenden Schüler schlüpfen einzeln oder paarweise in die unteren Klassen hinein.« Stimmt. Aber in der Regel halten sich Wiederholer ein Jahr länger im System Schule auf – es sei denn, sie steigen entmutigt ganz aus.

Was in der Schule passiert, schlägt aufs Klima daheim. Eltern sind von Panik getrieben, ihr Nachwuchs könnte damit ein für alle Mal als Loser abgestempelt sein, von allen vielversprechenden Lebensplänen abgeschnitten. Ob an der Kasse im Supermarkt, ob in der U-Bahn, in der Kantine am Arbeitsplatz: Wo Väter und Mütter auf andere bayerische Eltern treffen, ist Schule das Thema. Tipps für den Stoff der nächsten Klassenarbeit sowie Vorlieben und Macken einzelner Pädagogen werden diskutiert, interpretiert und in ihren Konsequenzen erörtert. Wer es sich leisten kann, sein Kind coachen zu lassen, der greift zu nichtstaatlichem Förderunterricht.

Anzeige
Sitzenbleiber
Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern.

Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern.

Tatsächlich haben sich elterlicher Ehrgeiz, schulischer Anspruch und konventionelle Bildungspolitik zu einem Klima verdichtet, das deutschlandweit gefürchtet ist. Was man im Kultusministerium so nicht stehen lassen möchte: »Es ist unser Ziel, dass möglichst alle Schülerinnen und Schüler auf der Basis des Unterrichts, der persönlichen Eignung und des nötigen Engagements für die Schule das jeweilige Klassenziel erreichen«, sagt Kultusminister Ludwig Spaenle und verweist auf »Intensivierungsstunden«. Hier und da wurden Versetzungsbestimmungen sanft gelockert. So endgültig wie einst ist das Durchfallen nicht mehr. Nichtversetzte können sich am Ende der Sommerferien zu einer ein- bis zweitägigen Nachprüfung in jenen Fächern anmelden, in denen sie keine ausreichenden Leistungen gezeigt haben. Sie schreiben eine Klausur, die in etwa dem Niveau der letzten Klassenarbeit entspricht, und diese Arbeit wird vom Fachlehrer korrigiert. Gibt es eine Vier, dann – bingo! – rückt diese Note an die Stelle der schlechten Zeugnisnote, und es ist geschafft. Immerhin: Wer sich traut, gehört vielleicht zu den 31 Prozent nichtversetzter Gymnasiasten, denen das im vergangenen Jahr gelungen ist .

Weniger verbreitet ist das »Vorrücken auf Probe«, das von der Lehrerkonferenz genehmigt werden muss, es besteht kein Rechtsanspruch darauf. Im Grunde ist es ein Vertrauensbeweis für den Schüler: Wir nehmen an, dein Leistungstief ist vorübergehender Natur; du hast das Potenzial, und deshalb lassen wir dich probeweise in die nächste Klasse. Im Dezember wird entschieden, ob die Lücken im Stoff aufgeholt sind. Falls nein: zurück in die untere Klasse, was zu diesem späten Zeitpunkt eine besonders rüde Strafe sein dürfte.

Laut Ministeriumsstatistik haben diese Möglichkeiten bereits die Quote der »Durchfaller« deutlich gesenkt: 1999 fielen noch 6,6, Prozent der Gymnasialschüler durch (2009/10: 4,8 Prozent).

Josef Kraus kann den Maßnahmen nicht viel abgewinnen: »Ich sehe es kritisch, weil die Schüler, die auf diese Weise nach oben kommen, ein hohes Risiko haben, erneut hängen zu bleiben. Über jeden Schüler muss ja einzeln beraten werden, erst in der Klassenkonferenz, dann in der Lehrerkonferenz. Da weiß man dann aus dem Vorjahr: Diejenigen, die mit Nachprüfung versetzt worden sind, fallen häufig wieder auf.« Was nur bedeuten kann: lieber gleich durchfallen.

Klaus Wenzel hält die Nachprüfung sowieso für Augenwischerei: »Was schaffen die Nachgeprüften denn? Haben sie wirklich die Lücken geschlossen oder nur bewiesen, dass ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert?« Kurzum: »Das ist eine Hilfsmaßnahme, die das Problem nicht löst.« Und das Problem, da ist sich Wenzel sicher, ist eben, dass das Wiederholen kontraproduktiv ist.

»Mich hat es in der 7. erwischt. In den Sommerferien kam die totale Erschöpfung, nach der Anstrengung, es doch noch schaffen zu wollen. Im ersten halben Jahr in der neuen Klasse habe ich dann eigentlich nur so eine Art betäubtes Hinnehmen empfunden.« Christian, 19 Jahre, Abiturient

Ein Trost bleibt den bayerischen Durchfallern: Man kann trotzdem noch Ministerpräsident werden. Auch Edmund Stoiber hat es mal erwischt.

*Alle Schülernamen geändert

Im Text wurde ein Fehler korrigiert: Anders als nahe gelegt, lässt sich bei einem Trapez kein Volumen berechnen. Die Redaktion

 
Leser-Kommentare
  1. können nur wenige Auserwählte ausrechnen.

    13 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Im Gegenteil: Das Volumen wäre das Ergebnis einer Multiplikation, bei der (bei einer Fläche - wie dem Trapez) einer der Faktoren Null ist. Und Multiplikation mit Null ergibt immer Null.

    • PW
    • 05.07.2011 um 10:37 Uhr

    Es ist aber symptomatisch, welche Art von Menschen bevorzugt über den Leistungsdruck an deutschen Schulen berichte.

    Manche sind im Erbsenzählen noch besser als in der Volumenberechnung. Trapez ist ja zweidimensional und hat kein Volumen - haha, blöder Schreiberling!
    Im Artikel ist von einem achsensymmetrischen Trapez die Rede. Das soll einen Rotationskörper mit dem Querschnitt eines Trapezes andeuten. Und dieses Volumen kann man schon berechnen: Mit Erbsen füllen und an Hand der Anzahl der Erbsen mittels durchnittlichem Erbsenvolumen nebst geschätztem Zwischenraumvolumen (z.B. nach hexagonal dichtester Kugelpackung der Erbsen) das Gesamtvolumen ermitteln.

    Im Gegenteil: Das Volumen wäre das Ergebnis einer Multiplikation, bei der (bei einer Fläche - wie dem Trapez) einer der Faktoren Null ist. Und Multiplikation mit Null ergibt immer Null.

    • PW
    • 05.07.2011 um 10:37 Uhr

    Es ist aber symptomatisch, welche Art von Menschen bevorzugt über den Leistungsdruck an deutschen Schulen berichte.

    Manche sind im Erbsenzählen noch besser als in der Volumenberechnung. Trapez ist ja zweidimensional und hat kein Volumen - haha, blöder Schreiberling!
    Im Artikel ist von einem achsensymmetrischen Trapez die Rede. Das soll einen Rotationskörper mit dem Querschnitt eines Trapezes andeuten. Und dieses Volumen kann man schon berechnen: Mit Erbsen füllen und an Hand der Anzahl der Erbsen mittels durchnittlichem Erbsenvolumen nebst geschätztem Zwischenraumvolumen (z.B. nach hexagonal dichtester Kugelpackung der Erbsen) das Gesamtvolumen ermitteln.

  2. kann gar keiner ausrechnen *grins*. Herrlich, solche Lapsi auch in der Zeit zu lesen. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn ab und an mal eine Klasse wiederholt würde.
    Dem Wissen, der geistigen Reife und letztendlich auch den Chancen im Berufsleben würde es nur gut tun.
    Ein bischen kenn ich davon. Seit ca. 30 Jahren bilde ich in meinem Handwerksbetrieb aus und ich bin jedes Jahr entsetzter, wenn ich mir die geistigen Tiefflieger anschaue, die einen Beruf lernen wollen. Teilweise wird es schon als besonders positive Leitung empfunden, pünktlich zu erscheinen. . .

    10 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Als ich vor fünundvierzig Jahren mein Abitur mit 2,0 machte, war ich der Zweitbeste meines Jahrgangs. 33% aller Schüler schafften es nicht und es war kein Makel. Sie hatten alle Chancen und konnten fehlerfrei rechnen und schreiben.
    Wir, die es geschafft hatten, waren damals deshalb stolz, weil es so schwer war und nicht jeder schaffen konnte.

    Sehr interessant,wieviel Kommentatoren sich sich als Streber und Besserwisser outen. Da reihe ich mich doch gerne ein: Der Plural von "lapsus" ist nicht "lapsi", sondern "lapsus" mit langem u.

    Ihren Ausführungen kann ich nur zustimmen. Mit einer Ausnahme (nix für ungut !) : Der Plural von "Lapsus" ist -
    lapsus !

    kann man durchaus von Volumina sprechen. So ein großer Fehler ist das gar nicht. Mathematisch verhalten sich Volumina und Flächeninhalte entsprechend der Maßdefinition und den entsprechenden Sätzen.

    Also war es kein großer Lapsus.

    • Digne
    • 05.07.2011 um 21:54 Uhr

    ... wie miserabel dies Schulsystem funktioniert.
    Lernen ist normalerweise ein Bedürfnis.

    Warum wohl hat sich das weitgehend geändert?

    Als ich vor fünundvierzig Jahren mein Abitur mit 2,0 machte, war ich der Zweitbeste meines Jahrgangs. 33% aller Schüler schafften es nicht und es war kein Makel. Sie hatten alle Chancen und konnten fehlerfrei rechnen und schreiben.
    Wir, die es geschafft hatten, waren damals deshalb stolz, weil es so schwer war und nicht jeder schaffen konnte.

    Sehr interessant,wieviel Kommentatoren sich sich als Streber und Besserwisser outen. Da reihe ich mich doch gerne ein: Der Plural von "lapsus" ist nicht "lapsi", sondern "lapsus" mit langem u.

    Ihren Ausführungen kann ich nur zustimmen. Mit einer Ausnahme (nix für ungut !) : Der Plural von "Lapsus" ist -
    lapsus !

    kann man durchaus von Volumina sprechen. So ein großer Fehler ist das gar nicht. Mathematisch verhalten sich Volumina und Flächeninhalte entsprechend der Maßdefinition und den entsprechenden Sätzen.

    Also war es kein großer Lapsus.

    • Digne
    • 05.07.2011 um 21:54 Uhr

    ... wie miserabel dies Schulsystem funktioniert.
    Lernen ist normalerweise ein Bedürfnis.

    Warum wohl hat sich das weitgehend geändert?

  3. Vielleicht wüßte sie dann, was ein Volumen ist und was eine Fläche.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Dirac
    • 05.07.2011 um 8:00 Uhr

    Das Volumen eines Trapezes kann keiner ausrechnen.
    Hätte die Autoren mal auch eine Klasse wiederholt, vielleicht wüsste sie es dann.

    Meiner Meinung nach ist das ein viel zu negativer Artikel. Man sollte sich vielleicht mal damit beschäftigen, warum Bayern, Sachsen und BW so gute PISA-Ergebnisse erzielen, die Realschüler zum Teil Gymnasial-Niveau anderer Bundesländer haben und auch die besten Schüler hervorbringen, gleichzeitig aber (besser: auch?) die meisten Sitzenbleiber haben.
    Wenn nämlich jeder schwache Schüler ständig mit 5 noch durchgewinkt wird, wie soll er dann auch die Zeit haben, den älteren Stoff mal richtig zu verstehen.
    Außerdem fehlt dann auch zum Teil die Motivation, schließlich kommt man ja irgendwie durch.

    • Dirac
    • 05.07.2011 um 8:00 Uhr

    Das Volumen eines Trapezes kann keiner ausrechnen.
    Hätte die Autoren mal auch eine Klasse wiederholt, vielleicht wüsste sie es dann.

    Meiner Meinung nach ist das ein viel zu negativer Artikel. Man sollte sich vielleicht mal damit beschäftigen, warum Bayern, Sachsen und BW so gute PISA-Ergebnisse erzielen, die Realschüler zum Teil Gymnasial-Niveau anderer Bundesländer haben und auch die besten Schüler hervorbringen, gleichzeitig aber (besser: auch?) die meisten Sitzenbleiber haben.
    Wenn nämlich jeder schwache Schüler ständig mit 5 noch durchgewinkt wird, wie soll er dann auch die Zeit haben, den älteren Stoff mal richtig zu verstehen.
    Außerdem fehlt dann auch zum Teil die Motivation, schließlich kommt man ja irgendwie durch.

  4. Im Gegenteil: Das Volumen wäre das Ergebnis einer Multiplikation, bei der (bei einer Fläche - wie dem Trapez) einer der Faktoren Null ist. Und Multiplikation mit Null ergibt immer Null.

    • Dirac
    • 05.07.2011 um 8:00 Uhr

    Das Volumen eines Trapezes kann keiner ausrechnen.
    Hätte die Autoren mal auch eine Klasse wiederholt, vielleicht wüsste sie es dann.

    Meiner Meinung nach ist das ein viel zu negativer Artikel. Man sollte sich vielleicht mal damit beschäftigen, warum Bayern, Sachsen und BW so gute PISA-Ergebnisse erzielen, die Realschüler zum Teil Gymnasial-Niveau anderer Bundesländer haben und auch die besten Schüler hervorbringen, gleichzeitig aber (besser: auch?) die meisten Sitzenbleiber haben.
    Wenn nämlich jeder schwache Schüler ständig mit 5 noch durchgewinkt wird, wie soll er dann auch die Zeit haben, den älteren Stoff mal richtig zu verstehen.
    Außerdem fehlt dann auch zum Teil die Motivation, schließlich kommt man ja irgendwie durch.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und deshalb gilt auch bei Bayern und ihr Schulsystem: Wo Sonne scheint, ist irgendwo auch Schatten. Da ist auch PISA ersteinmal egal.

    und deshalb gilt auch bei Bayern und ihr Schulsystem: Wo Sonne scheint, ist irgendwo auch Schatten. Da ist auch PISA ersteinmal egal.

  5. "Dort winkt ein achsensymmetrisches Trapez mit einer Höhe h und einer Seitenlänge g: Volumenberechnung ist dran..."

    ;-)))

  6. .... schon andren aufgefallen ;-PPP

  7. Wie man mit so wenig Informationen zu einem selbst gewählten Thema wagen kann, einen Artikel für eine renommierte Wochenzeitung zu schreiben, ist schon verblüffend. Die Autorin informiert sich nicht über die öffentlich zugängliche gymnasiale Schulordnung (GSO), sondern befragt lieber 5.-Klässler über Versetzungsbestimmungen oder 9.-Klässler über die gefühlte Zahl der Wiederholer. Auch der Vorsitzende des BLLV, einem Verband, der ideologisch gebunden ist und hauptsächlich Grund- und Hauptschullehrer vertritt, ist nicht wirklich geeignet, Aussagen über das Gymnasium zu tätigen.
    Die Nachprüfungen gibt es in Bayern seit Jahrzehnten, das Vorrücken auf Probe, das tatsächlich für die überwiegende Zahl der Schüler keine Hilfe bedeutet, schon seit mehreren Jahren. Bewährt hat es sich nur in Einzelfällen, weil ein Schüler, der Wissenslücken in mehreren Fächern hat, dann kurz vor Halbjahresende mit noch größeren Lücken in eine Klasse zurücktreten muss, die sich schon ein halbes Jahr organisiert hat und in der schon die Klassenarbeiten eines Halbjahres geschrieben worden sind. Das bedeutet: weniger Zeit, den verpassten Stoff nachzuholen, und weniger Chancen, eine gute Note im nächsten Zeugnis zu bekommen, weil in Bayern die Zeugnisnoten auch die des ersten Halbjahres berücksichtigen.
    Übrigens: Schüler, die es trotz schlechter Leistungen in 2 Fächern gerade noch so schaffen, versetzt zu werden, fallen dann häufig ein oder zwei Jahre später mit mehreren Fünfen durch.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service