Es sind keine einfachen Tage für Viktoria, so kurz vor den Sommerferien, da schmeckt schon alles nach Abschied. Mathestunden wie diese, montagmorgens um acht, in denen sie mit ihren Mitschülern die Aufgaben als Schiffsmannschaft löst, sie mal der Käpt’n, mal der Schiffsjunge sein darf, wird es nicht mehr viele geben. Zwei Jahre war sie nur am Gymnasium Kirchdorf/Wilhelmsburg , jetzt wurde Viktoria aussortiert. Die siebte Klasse wird sie in einer neuen Schule beginnen. »Vielleicht gehöre ich ja dort sogar zu den Besseren«, sagt die Elfjährige tapfer. »Weil wir dann Dinge machen, die ich längst kann, Bruchrechnen zum Beispiel.«

Über Schüler und Schülerinnen wie Viktoria wurde an den Hamburger Gymnasien in den vergangenen Wochen viel diskutiert. In langen Zeugniskonferenzen haben Klassen- und Fachlehrer über die Schicksale ihrer Sorgenkinder entschieden. Wer hat noch eine Chance verdient, wer nicht? Wer gehört noch dazu? Wer hat das Zeug, die weiteren sechs Jahre bis zum Abitur durchzuhalten? So hart wie in diesem Jahr fiel die Auslese in den sechsten Klassen lange nicht mehr aus. Rund 645 Gymnasiasten müssen sich nach den Sommerferien einen Platz auf einer Stadtteilschule suchen. Fast doppelt so viele wie im vergangenen Schuljahr.

Der Grund für die Angst vor den Leistungsschwächeren, den Fünferkandidaten und weniger ehrgeizigen Lernern ist ein Überbleibsel der einst großen Hamburger Schulreform – das Ende des Sitzenbleibens. Ehrenrunden sind an Hamburgs Schulen nicht mehr erlaubt. Schon in diesem Schuljahr durften die Schüler der Klassen eins, zwei, vier und sieben nicht mehr sitzen bleiben, im Schuljahr 2011/12 gilt die Regelung dann zusätzlich für die Klassen drei und acht, ein Jahr später auch für fünf und neun. Die Hamburger Erstklässler jedenfalls können die Ehrenrunden schon jetzt aus ihrem Wortschatz streichen.

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Das Sitzenbleiben koste zu viel und bringe zu wenig, es sei ökonomischer und pädagogischer Unsinn . Auf diese Formel haben sich Deutschlands Bildungsforscher und mit ihnen viele Politiker schnell geeinigt, nachdem internationale Leistungsvergleiche wie Pisa gezeigt hatten, dass Schüler in kaum einem Land öfter sitzen bleiben als in Deutschland. 23,1 Prozent aller 15-Jährigen haben in Deutschland bereits die Erfahrung gemacht, ein Schuljahr wiederholen zu müssen. Nach Berechnungen des Essener Bildungsökonomen Klaus Klemm kostet die Umsetzung der pädagogischen Höchststrafe knapp eine Milliarde Euro pro Jahr – wobei die Wirkung oft ausbleibt. Die Schüler verbesserten ihre Leistungen in den meisten Fällen nicht.

Es ist modern, das Sitzenbleiben auf den Scherbenhaufen der schwarzen Pädagogik zu verbannen. Wer es abschafft – und das wollen neben Hamburg auch Berlin, Bremen, Thüringen und etliche andere Bundesländer –, muss sich vor Gegenwind kaum fürchten. Auch in Hamburg wurde über das Ende des Sitzenbleibens nie groß diskutiert. Die aufgebrachten Bildungsbürger arbeiteten sich an der vom schwarz-grünen Senat geplanten sechsjährigen Primarschule und der dadurch drohenden Verkürzung der Gymnasialzeit ab – das Szenario einer Schule ohne Sitzenbleiber schien da ein zu vernachlässigender Nebenkriegsschauplatz.

So kommt es, dass das eigentliche Ausmaß der Reform nur ganz langsam ins Bewusstsein von Lehrern, Schülern und Eltern dringt. Was werden die Konsequenzen sein, wenn die Versetzung in Klasse sieben von nun an einem Freifahrtschein bis Klasse zehn gleicht, wenn Leistung nicht mehr zählt? Wenn der, der sich anstrengt, am Ende genauso weit kommt wie einer, der nichts tut? Was bleibt den Lehrern, um ihren Schülern die Faulheit auszutreiben, wenn es nicht mal mehr einen Warnschuss zum Halbjahr geben darf? Hilflosigkeit macht sich breit in den Hamburger Lehrerzimmern, kaum einer fühlt sich vorbereitet auf das, was die Politiker beschlossen haben. Fortbildungen zum Umgang mit Sitzenbleibern, die nicht mehr sitzen bleiben, sind nicht geplant. Was den Lehrern bleibt, ist die knallharte Auslese am Ende der Beobachtungsstufe, nach Klasse sechs – der letztmögliche Rausschmiss jener Schüler, die keiner mehr mitschleppen will.

Am Gymnasium Kirchdorf/Wilhelmsburg (Kiwi) ist die Entscheidung gefallen. Viktoria ist eines von 32 Kindern, von denen sich die Schule trennen wird. Acht weiteren Schülern wird man die Empfehlung geben, das Gymnasium zu verlassen, weil es auf ihren Zeugnissen vor Vieren nur so wimmelt, was aber nicht ausreicht, um sie abzuschulen. »Erfahrungsgemäß wird dieser Empfehlung eher nicht entsprochen«, sagt Gerlind Buscher. Das weiß sie aus der Erfahrung von zwölf Jahren Schulleitung. So viele Eltern und Schüler saßen schon in ihrem Büro. Und für die meisten zählte nur eines: Hauptsache, das Kind kann bleiben, egal, mit welcher Prognose.

Muss sich im Gymnasium künftig niemand mehr anstrengen?

Für viele Mütter und Väter auf der Elbinsel ist das Kiwi, die grüne Oase zwischen den Hochhäusern nahe dem S-Bahnhof Wilhelmsburg, eine Art Sehnsuchtsort für ihre Kinder geworden, eine Traumfabrik für den sozialen Aufstieg. Wenn sie es hier schaffen, werden sie es besser haben als ihre Eltern.

»Wir sind hier das einzige Gymnasium im ganzen Stadtteil«, sagt Gerlind Buscher. »Laut Hamburger Schulgesetz gilt die freie Schulwahl nach Klasse vier, wir müssen jeden aufnehmen, der angemeldet wird.« 33 Prozent der Kinder kommen ohne die sogenannte Gymnasialempfehlung in die fünften Klassen. 38 Nationalitäten besuchen das Kiwi. Deutsche Familien geraten da schnell in die Minderheit, während sich die türkischen Eltern wünschen, dass ihr Kind in eine Klasse mit möglichst wenigen Türken geht, damit es in der Schule deutsch spricht und nicht türkisch. »Wir haben in den Klassen fünf und sechs Kinder, die eher auf die Hauptschule gehörten, neben solchen mit Gymnasialniveau.« Die Leistungsspanne sei sehr groß. Gerade in Deutsch, im Lesen und Schreiben, betrage der Rückstand vieler Schüler mehr als ein Schuljahr. Sprachförderung müsste es an einem Gymnasium wie diesem eigentlich bis zum Abitur geben. Weil aber viel zu wenig Lehrerstunden dafür bereitstehen, wird Deutsch in sämtlichen Fächern trainiert. Der Geschichtslehrer schreibt zu jedem Fachbegriff den Artikel an die Tafel. Im Matheunterricht wird anhand von Textaufgaben das Lesen geübt.

»Wir brauchen Lehrer, die individualisiert unterrichten und mehr Zeit für den einzelnen Schüler haben«, sagt Gerlind Buscher. »Eigentlich müsste das System Gymnasium völlig neu erfunden werden.« Gerade unter den neuen Bedingungen, da sich durch das Ende des Sitzenbleibens vor allem in der Mittelstufe ihres Gymnasiums ein Leistungsspektrum eröffnen wird, wie man es sonst nur von den Gesamtschulen kannte.

Verkommt das Gymnasium zum allgemeinbildenden Ramschladen, in dem sich keiner mehr anstrengen muss?

Für eine Schule wie das Christianeum in Hamburg-Othmarschen ist diese Perspektive undenkbar. Das altsprachliche Gymnasium, rund 25 Kilometer von Wilhelmsburg entfernt, auf der anderen Seite der Elbe im wohlhabenden Hamburger Westen gelegen, lebt von seinem Ruf als leistungsorientierte Schule – mit Abiturzeugnissen, die weit über dem Hamburger Durchschnitt liegen.

Schulleiter Hans-Norbert Hoppe lernt jeden seiner zukünftigen Schüler in einem Aufnahmegespräch persönlich kennen. Das anspruchsvolle Profil mit Latein als Hauptfach von Klasse fünf an und zwei weiteren Fremdsprachen in Klasse sechs und acht erlaubt ihm die gezielte Auswahl. Schüler ohne Gymnasialempfehlung haben an seiner Schule kaum eine Chance. »Wir starten mit einer sehr leistungsstarken Schülerschaft, die meisten haben Einsen und Zweien auf dem Zeugnis der vierten Klasse«, sagt Hoppe. In den ersten drei Jahrgängen lasse sich der Ehrgeiz gut halten. Sitzenbleiber habe es da bisher kaum gegeben. Auch nach diesem Schuljahr verlässt kein einziges Kind die Schule nach Klasse sechs.

Aber auch am Christianeum kommen so langsam die Zweifel, ob man Kindern einen Gefallen damit tut, sie trotz Vieren und Fünfen auf dem Zeugnis hinüber in die siebte Klasse zu retten. Was passiert danach mit dem einzelnen Schüler und was mit dem Rest der Klasse? Muss der dann immer warten, bis es der Letzte kapiert hat?

Glückliche und selbstbewusste Schüler sind das Ziel

Der Wegfall des Sitzenbleibens verunsichert nicht nur die Lehrer, denen man ihr letztes starkes Druckmittel aus der Hand reißt, es verunsichert vor allem auch Schüler und Eltern – kein Aufatmen geht da durch die Klassen.

In der 7d von Lateinlehrerin Anna von Hindte, 33, sitzen genau die Schüler, denen in den nächsten Jahren nichts mehr passieren kann. Egal, auf welcher Pobacke sie ihre Zeit am Christianeum absitzen, ob sie im Unterricht YouTube-Videos auf ihren iPhones anschauen, Liebesbriefe schreiben oder einfach nur ein Nickerchen machen. Sie haben jetzt erst mal ihre Ruhe. Aber wo bleibt der Jubel? »Wie sollen wir lernen ohne Druck?«, fragt ein Schüler. »Wie unsere Defizite aufholen, wenn wir keine Zeit mehr dazu bekommen, wenn sich die Wissenslücken durch den ganzen neuen Stoff, den wir dann auch nicht verstehen, immer weiter vergrößern?«, fragt eine Schülerin. Und wie wird das alles die Lernatmosphäre in der Klasse verändern? »Wenn wir immer nur auf die Schwächeren warten müssen, werden die Besseren frustriert und gelangweilt sein und in ihren eigenen Leistungen ebenfalls nachlassen«, befürchtet Katharina, die 13-jährige Klassensprecherin. Ihr selbst sei das in der Grundschule so gegangen. Vor Langeweile ist sie damals aufsässig und frech geworden, das will sie sich und anderen nicht noch einmal zumuten.

Eine Klasse, die sich nach Druck sehnt, die Angst davor hat, dass es sich nicht mehr lohnt, sich anzustrengen, Angst vor einem Null-Bock-Lernklima, vor Schule, die langweilig wird, keine Herausforderung mehr ist. Ist es das, was Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe mit dem Abschaffen des Sitzenbleibens erreichen wollte? Schülern unter den Bedingungen des achtjährigen Gymnasiums nun auch noch die Ehrenrunden zu streichen und damit noch mehr Schulzeit zu rauben?

Der SPD-Politiker hat sich das anders vorgestellt. Ihm geht es »um leistungsfähigere, aber auch glücklichere, selbstbewusstere Schüler«, die er vom Stigma des Sitzenbleibens befreien will. »Das Wiederholen frustriert doch nur, macht traurig und verschwendet viel zu viel Lebenszeit«, sagt Rabe. Die meisten Schüler seien von dieser Erniedrigung so belastet, dass sie auch in der neuen Klasse schlecht in Gang kämen. Moderne Pädagogen hätten sowieso keinen Gebrauch mehr davon gemacht, mit dem Wiederholen zu drohen, sagt der Senator. Trotzdem gab es in Hamburgs weiterführenden Schulen noch 2292 Sitzenbleiber im vergangenen Schuljahr. 1021 davon wiederholten an den Gymnasien, die meisten in den Jahrgangsstufen acht, zehn und elf.

»In der Pubertät verlieren wir vor allem die Jungen«, sagt Gerlind Buscher vom Kiwi. Aber die Angst vor pubertierenden Jugendlichen, die lustlos auf ihren Stühlen hängen, kennt auch Hans-Norbert Hoppe am Christianeum. Es gebe »gewisse Irritationen während der Pubertät«, sagt er. »Aber aus Leistungsgründen verlieren wir kaum jemanden.« Entscheidend sei es, auf die »intrinsische Motivation« zu setzen, also darauf, dass die Schüler von sich aus lernen wollen. »Die einzelnen Fächer müssen leuchten und glänzen, damit man die Schüler bekommt.« Schule müsse aber auch mehr sein als Unterricht. Eine Gemeinschaft, ein großes Ganzes. Wer dazugehören wolle, der tue auch etwas dafür.

Wie alle Schulleiter der Hansestadt haben auch Hoppe und Buscher in den vergangenen Wochen Post vom Bildungssenator bekommen. Die Antwort auf das Ende des Sitzenbleibens, so heißt es in seinem Brief, sei das Programm »Fördern statt Wiederholen«. Mit all dem Geld, das die Stadt einspart, wenn keiner mehr sitzen bleibt – ein Schüler kostet pro Schuljahr 6000 Euro –, wird nun kostenloser Förderunterricht bezahlt. Jede einzelne Klasse, von der Grundschule bis zum Gymnasium, erhält vom kommenden Schuljahr an zwei Förderstunden pro Woche. Die Nachhilfelehrer dürfen nicht mehr als 15,97 Euro pro Stunde kosten und sollten deshalb am besten Honorarkräfte sein, Lehrer im Ruhestand, Schüler, Studenten, Mütter oder Väter.

Volker Clasing, 37 Jahre, Englisch- und Geschichtslehrer am Kiwi, versteht an dieser Förderpolitik vor allem eines nicht: Wieso bekommt ein Gymnasium wie das Christianeum die gleichen Zuweisungen wie seine Schule? Vor ihm sitzen die 28 Schüler seiner 7c. Mädchen mit Kopftüchern, Jungen mit dunkler Hautfarbe. Seine Schülerinnen und Schüler stammen aus der Türkei, Indien, Serbien, Kroatien und Deutschland. Clasing mag diese bunte Mischung, die Verschiedenheit der einzelnen Biografien. Wenn ihn seine Kollegen in diesen Tagen fragen, was nun auf das Ende des Sitzenbleibens folgen wird, wie sie die Lustlosen und Launischen in den nächsten Jahren durch die Schule bekommen sollen, wie viel Kraft und Nerven das kosten wird, dann antwortet Clasing: »Ich setze auf eine zugewandte Pädagogik, nicht auf Druck. Eine gute Beziehung zu meinen Schülern schafft ganz andere Verbindlichkeiten.« Persönliche Relevanz nennt er das. »Es muss meinen Schülern peinlich sein, die Hausaufgaben nicht zu machen, den Test vermasselt zu haben.«

Für manche Schüler bedeutet die Extrarunde eine Rettung

Clasing war nie ein Freund des Sitzenbleibens, aber er hat in den vergangenen Jahren auch gesehen, dass es für manche seiner Schüler die Rettung war. Ein Jahr mehr Schule heißt für viele in Wilhelmsburg vor allem: ein Jahr mehr Deutschförderung. Und die Sprache sei nun mal der Schlüssel zu jedem schulischen Erfolg, sagt Clasing. »Es sind wunderbare Momente, wenn man spürt, dass die Sprache kein Hindernis mehr ist und die Schüler plötzlich ein super Abi hinlegen.«

Am Kiwi hat man lange überlegt, wie ein auf diese Schule zugeschnittenes Förderkonzept aussehen muss. Noch mehr Stunden am Nachmittag, wie es der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe vorschlägt, kam für das Wilhelmsburger Gymnasium nicht infrage. Bei 35 bis 37 Wochenstunden könne man keinem Kind zumuten, noch länger in der Schule zu bleiben. Die Extraförderung wird nun vormittags, während des Unterrichts, stattfinden. »Fördern statt Wahlpflicht«, heißt das am Kiwi. Wenn andere Kinder Theater spielen oder naturwissenschaftliche Experimente machen, müssen die Leistungsschwächeren Mathe oder Englisch pauken. Die schulische Nachhilfe ist nicht zu verhandeln, sie wird in Lernzielvereinbarungen schriftlich festgehalten, von Schülern, Eltern und Lehrern unterschrieben. Es werden die Fachlehrer selbst sein, die den Förderunterricht geben. »Wenn es uns wirklich um bessere Leistungen geht, können wir das keiner Honorarkraft überlassen«, sagt Clasing. Die kenne weder den Unterricht noch die Schüler, und schlechte Leistungen hätten oft auch mit einem problematischen Sozialverhalten zu tun. 25 Prozent aller Siebtklässler und 38 Prozent aller Achtklässler werden am Kiwi zu zusätzlicher Förderung verpflichtet.

Dass es am Christianeum nur acht Prozent der Achtklässler sind, die die Extra-Förderung nötig haben, könnte auch daran liegen, dass die Elternhäuser hier spätestens in der sechsten Klasse damit beginnen, die private Nachhilfe zu aktivieren. Nicht unbedingt, um Vieren und Fünfen zu vermeiden, da geht es um Einsen und Zweien.

Die Lateinlehrerin Anna von Hindte spürt spätestens in der siebten Klasse, wie die Leistungsschere auseinander geht. Die Stofffülle nimmt zu. Die ersten Wissenslücken manifestieren sich, wenn nicht frühzeitig gegengesteuert wird. Wer die Vokabelrückstände in Latein nicht aufholt, bekommt von Jahr zu Jahr mehr Probleme, die komplizierter werdenden Texte zu übersetzen. Das Gleiche gilt für sämtliche Fächer, in denen Inhalte aufeinander aufbauen, für Englisch, Mathe, Physik. »Viele Schüler überfordert das Tempo«, sagt von Hindte. »Die Spanne zwischen dem, was die einen leisten könnten, und dem, was die anderen gerade noch leisten können, wird immer größer.« Das Ende des Sitzenbleibens ist für sie kein Problem, das man allein durch zusätzliche Förderstunden lösen kann. Jeder Lehrer muss sich nun fragen, wie sich sein Unterricht verändern kann, um der zunehmenden Heterogenität gerecht zu werden. »Es ist unmöglich, eine Klasse mit 30 Schülern individuell zu unterrichten«, sagt von Hindte.

Sie selbst war nie jemand, der schnell mal eine Fünf aufs Zeugnis geknallt hat. »Das überlegt man sich sehr genau.« Trotzdem fragt sie sich heute, was das Ende des Sitzenbleibens aus ihren Schülern machen wird. »Welche Haltung werden wir da heranziehen, wenn die Jugendlichen über Jahre hinweg die Erfahrung machen: Egal, was wir tun, wir kommen weiter.« Ein Schreckensszenario allerdings wird derzeit unter den Schülern heiß diskutiert, in Othmarschen wie in Wilhelmsburg: Was passiert, wenn sie nach Jahren des Schlendrians in der zehnten Klasse nicht mal mehr die mittlere Reife schaffen und mit einem Hauptschulabschluss vom Gymnasium fliegen? In diesen Momenten begreifen sie: Es schützt sie niemand davor, am Ende doch noch zu scheitern.

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