Sitzenbleiben Weiterkommen, kinderleicht

Hamburg schafft die Ehrenrunde ab – Besuche in zwei Schulen, an denen jetzt ohne die pädagogische Höchststrafe unterrichtet wird.

Es sind keine einfachen Tage für Viktoria, so kurz vor den Sommerferien, da schmeckt schon alles nach Abschied. Mathestunden wie diese, montagmorgens um acht, in denen sie mit ihren Mitschülern die Aufgaben als Schiffsmannschaft löst, sie mal der Käpt’n, mal der Schiffsjunge sein darf, wird es nicht mehr viele geben. Zwei Jahre war sie nur am Gymnasium Kirchdorf/Wilhelmsburg, jetzt wurde Viktoria aussortiert. Die siebte Klasse wird sie in einer neuen Schule beginnen. »Vielleicht gehöre ich ja dort sogar zu den Besseren«, sagt die Elfjährige tapfer. »Weil wir dann Dinge machen, die ich längst kann, Bruchrechnen zum Beispiel.«

Über Schüler und Schülerinnen wie Viktoria wurde an den Hamburger Gymnasien in den vergangenen Wochen viel diskutiert. In langen Zeugniskonferenzen haben Klassen- und Fachlehrer über die Schicksale ihrer Sorgenkinder entschieden. Wer hat noch eine Chance verdient, wer nicht? Wer gehört noch dazu? Wer hat das Zeug, die weiteren sechs Jahre bis zum Abitur durchzuhalten? So hart wie in diesem Jahr fiel die Auslese in den sechsten Klassen lange nicht mehr aus. Rund 645 Gymnasiasten müssen sich nach den Sommerferien einen Platz auf einer Stadtteilschule suchen. Fast doppelt so viele wie im vergangenen Schuljahr.

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Der Grund für die Angst vor den Leistungsschwächeren, den Fünferkandidaten und weniger ehrgeizigen Lernern ist ein Überbleibsel der einst großen Hamburger Schulreform – das Ende des Sitzenbleibens. Ehrenrunden sind an Hamburgs Schulen nicht mehr erlaubt. Schon in diesem Schuljahr durften die Schüler der Klassen eins, zwei, vier und sieben nicht mehr sitzen bleiben, im Schuljahr 2011/12 gilt die Regelung dann zusätzlich für die Klassen drei und acht, ein Jahr später auch für fünf und neun. Die Hamburger Erstklässler jedenfalls können die Ehrenrunden schon jetzt aus ihrem Wortschatz streichen.

Sitzenbleiber
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Das Sitzenbleiben koste zu viel und bringe zu wenig, es sei ökonomischer und pädagogischer Unsinn. Auf diese Formel haben sich Deutschlands Bildungsforscher und mit ihnen viele Politiker schnell geeinigt, nachdem internationale Leistungsvergleiche wie Pisa gezeigt hatten, dass Schüler in kaum einem Land öfter sitzen bleiben als in Deutschland. 23,1 Prozent aller 15-Jährigen haben in Deutschland bereits die Erfahrung gemacht, ein Schuljahr wiederholen zu müssen. Nach Berechnungen des Essener Bildungsökonomen Klaus Klemm kostet die Umsetzung der pädagogischen Höchststrafe knapp eine Milliarde Euro pro Jahr – wobei die Wirkung oft ausbleibt. Die Schüler verbesserten ihre Leistungen in den meisten Fällen nicht.

Es ist modern, das Sitzenbleiben auf den Scherbenhaufen der schwarzen Pädagogik zu verbannen. Wer es abschafft – und das wollen neben Hamburg auch Berlin, Bremen, Thüringen und etliche andere Bundesländer –, muss sich vor Gegenwind kaum fürchten. Auch in Hamburg wurde über das Ende des Sitzenbleibens nie groß diskutiert. Die aufgebrachten Bildungsbürger arbeiteten sich an der vom schwarz-grünen Senat geplanten sechsjährigen Primarschule und der dadurch drohenden Verkürzung der Gymnasialzeit ab – das Szenario einer Schule ohne Sitzenbleiber schien da ein zu vernachlässigender Nebenkriegsschauplatz.

So kommt es, dass das eigentliche Ausmaß der Reform nur ganz langsam ins Bewusstsein von Lehrern, Schülern und Eltern dringt. Was werden die Konsequenzen sein, wenn die Versetzung in Klasse sieben von nun an einem Freifahrtschein bis Klasse zehn gleicht, wenn Leistung nicht mehr zählt? Wenn der, der sich anstrengt, am Ende genauso weit kommt wie einer, der nichts tut? Was bleibt den Lehrern, um ihren Schülern die Faulheit auszutreiben, wenn es nicht mal mehr einen Warnschuss zum Halbjahr geben darf? Hilflosigkeit macht sich breit in den Hamburger Lehrerzimmern, kaum einer fühlt sich vorbereitet auf das, was die Politiker beschlossen haben. Fortbildungen zum Umgang mit Sitzenbleibern, die nicht mehr sitzen bleiben, sind nicht geplant. Was den Lehrern bleibt, ist die knallharte Auslese am Ende der Beobachtungsstufe, nach Klasse sechs – der letztmögliche Rausschmiss jener Schüler, die keiner mehr mitschleppen will.

Am Gymnasium Kirchdorf/Wilhelmsburg (Kiwi) ist die Entscheidung gefallen. Viktoria ist eines von 32 Kindern, von denen sich die Schule trennen wird. Acht weiteren Schülern wird man die Empfehlung geben, das Gymnasium zu verlassen, weil es auf ihren Zeugnissen vor Vieren nur so wimmelt, was aber nicht ausreicht, um sie abzuschulen. »Erfahrungsgemäß wird dieser Empfehlung eher nicht entsprochen«, sagt Gerlind Buscher. Das weiß sie aus der Erfahrung von zwölf Jahren Schulleitung. So viele Eltern und Schüler saßen schon in ihrem Büro. Und für die meisten zählte nur eines: Hauptsache, das Kind kann bleiben, egal, mit welcher Prognose.

Für viele Mütter und Väter auf der Elbinsel ist das Kiwi, die grüne Oase zwischen den Hochhäusern nahe dem S-Bahnhof Wilhelmsburg, eine Art Sehnsuchtsort für ihre Kinder geworden, eine Traumfabrik für den sozialen Aufstieg. Wenn sie es hier schaffen, werden sie es besser haben als ihre Eltern.

»Wir sind hier das einzige Gymnasium im ganzen Stadtteil«, sagt Gerlind Buscher. »Laut Hamburger Schulgesetz gilt die freie Schulwahl nach Klasse vier, wir müssen jeden aufnehmen, der angemeldet wird.« 33 Prozent der Kinder kommen ohne die sogenannte Gymnasialempfehlung in die fünften Klassen. 38 Nationalitäten besuchen das Kiwi. Deutsche Familien geraten da schnell in die Minderheit, während sich die türkischen Eltern wünschen, dass ihr Kind in eine Klasse mit möglichst wenigen Türken geht, damit es in der Schule deutsch spricht und nicht türkisch. »Wir haben in den Klassen fünf und sechs Kinder, die eher auf die Hauptschule gehörten, neben solchen mit Gymnasialniveau.« Die Leistungsspanne sei sehr groß. Gerade in Deutsch, im Lesen und Schreiben, betrage der Rückstand vieler Schüler mehr als ein Schuljahr. Sprachförderung müsste es an einem Gymnasium wie diesem eigentlich bis zum Abitur geben. Weil aber viel zu wenig Lehrerstunden dafür bereitstehen, wird Deutsch in sämtlichen Fächern trainiert. Der Geschichtslehrer schreibt zu jedem Fachbegriff den Artikel an die Tafel. Im Matheunterricht wird anhand von Textaufgaben das Lesen geübt.

Finnland

In Finnland gibt es das Sitzenbleiben nur im Ausnahmefall. Schwache Schüler bekommen grundsätzlich Förderunterricht. Besteht einer ein Fach oder mehrere Fächer nicht, kann die Wiederholung der Klasse in Betracht gezogen werden. Der Schüler kann aber auch in Nachholprüfungen beweisen, dass er doch fähig ist, die nächste Klasse zu besuchen.

England

Es gibt kein Sitzenbleiben in England – alle rücken weiter. Nur in Ausnahmefällen entscheidet die Schule, dass ein Schüler einer anderen Altersgruppe zugewiesen werden kann, allerdings nur mit Zustimmung der Eltern.

Frankreich

Frankreich ist nach Spanien europäischer Spitzenreiter im Sitzenbleiben. Von den 15-Jährigen hat jeder dritte bereits wiederholt. Wer weniger als 10 von 20 Punkten holt, bleibt sitzen. Die Eltern können dagegen Einspruch erheben.

Japan

Ein Schüler, der zu seiner Scham eine Klasse wiederholen muss? In Japan, wo stets darauf geachtet wird, dass keiner sein Gesicht verliert, ist das undenkbar. Mangelndes Können wird hier mit Fleiß wettgemacht: Schon durchschnittliche Schüler besuchen mehrmals pro Woche am Abend eine Art Nachhilfeschule, in der sie zusätzlich zum Standardunterricht fit gemacht werden für weiterführende Schulen.

Island

In Island gibt es keine Regelung zum Sitzenbleiben, das Gesetz legt aber fest, dass die Pflichtschulzeit allgemein zehn Jahre beträgt.

Polen

In Polen droht das Sitzenbleiben erst ab der 4. Klasse, dann reicht allerdings bereits ein nicht bestandenes Fach. Es gibt aber Nachholprüfungen und die Möglichkeit einer bedingten Versetzung. Sitzenbleiben ist nur einmal pro Schulform erlaubt. In der Praxis bleiben circa fünf Prozent der Schüler sitzen.

NOR

Norwegen kennt kein Sitzenbleiben. Jedes Kind hat Anspruch auf Nachhilfe, dazu kommen extra Assistenten an die Schule, die parallel zum normalen Unterricht Förderstunden geben.

»Wir brauchen Lehrer, die individualisiert unterrichten und mehr Zeit für den einzelnen Schüler haben«, sagt Gerlind Buscher. »Eigentlich müsste das System Gymnasium völlig neu erfunden werden.« Gerade unter den neuen Bedingungen, da sich durch das Ende des Sitzenbleibens vor allem in der Mittelstufe ihres Gymnasiums ein Leistungsspektrum eröffnen wird, wie man es sonst nur von den Gesamtschulen kannte.

Verkommt das Gymnasium zum allgemeinbildenden Ramschladen, in dem sich keiner mehr anstrengen muss?

Für eine Schule wie das Christianeum in Hamburg-Othmarschen ist diese Perspektive undenkbar. Das altsprachliche Gymnasium, rund 25 Kilometer von Wilhelmsburg entfernt, auf der anderen Seite der Elbe im wohlhabenden Hamburger Westen gelegen, lebt von seinem Ruf als leistungsorientierte Schule – mit Abiturzeugnissen, die weit über dem Hamburger Durchschnitt liegen.

Schulleiter Hans-Norbert Hoppe lernt jeden seiner zukünftigen Schüler in einem Aufnahmegespräch persönlich kennen. Das anspruchsvolle Profil mit Latein als Hauptfach von Klasse fünf an und zwei weiteren Fremdsprachen in Klasse sechs und acht erlaubt ihm die gezielte Auswahl. Schüler ohne Gymnasialempfehlung haben an seiner Schule kaum eine Chance. »Wir starten mit einer sehr leistungsstarken Schülerschaft, die meisten haben Einsen und Zweien auf dem Zeugnis der vierten Klasse«, sagt Hoppe. In den ersten drei Jahrgängen lasse sich der Ehrgeiz gut halten. Sitzenbleiber habe es da bisher kaum gegeben. Auch nach diesem Schuljahr verlässt kein einziges Kind die Schule nach Klasse sechs.

Aber auch am Christianeum kommen so langsam die Zweifel, ob man Kindern einen Gefallen damit tut, sie trotz Vieren und Fünfen auf dem Zeugnis hinüber in die siebte Klasse zu retten. Was passiert danach mit dem einzelnen Schüler und was mit dem Rest der Klasse? Muss der dann immer warten, bis es der Letzte kapiert hat?

Der Wegfall des Sitzenbleibens verunsichert nicht nur die Lehrer, denen man ihr letztes starkes Druckmittel aus der Hand reißt, es verunsichert vor allem auch Schüler und Eltern – kein Aufatmen geht da durch die Klassen.

In der 7d von Lateinlehrerin Anna von Hindte, 33, sitzen genau die Schüler, denen in den nächsten Jahren nichts mehr passieren kann. Egal, auf welcher Pobacke sie ihre Zeit am Christianeum absitzen, ob sie im Unterricht YouTube-Videos auf ihren iPhones anschauen, Liebesbriefe schreiben oder einfach nur ein Nickerchen machen. Sie haben jetzt erst mal ihre Ruhe. Aber wo bleibt der Jubel? »Wie sollen wir lernen ohne Druck?«, fragt ein Schüler. »Wie unsere Defizite aufholen, wenn wir keine Zeit mehr dazu bekommen, wenn sich die Wissenslücken durch den ganzen neuen Stoff, den wir dann auch nicht verstehen, immer weiter vergrößern?«, fragt eine Schülerin. Und wie wird das alles die Lernatmosphäre in der Klasse verändern? »Wenn wir immer nur auf die Schwächeren warten müssen, werden die Besseren frustriert und gelangweilt sein und in ihren eigenen Leistungen ebenfalls nachlassen«, befürchtet Katharina, die 13-jährige Klassensprecherin. Ihr selbst sei das in der Grundschule so gegangen. Vor Langeweile ist sie damals aufsässig und frech geworden, das will sie sich und anderen nicht noch einmal zumuten.

Eine Klasse, die sich nach Druck sehnt, die Angst davor hat, dass es sich nicht mehr lohnt, sich anzustrengen, Angst vor einem Null-Bock-Lernklima, vor Schule, die langweilig wird, keine Herausforderung mehr ist. Ist es das, was Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe mit dem Abschaffen des Sitzenbleibens erreichen wollte? Schülern unter den Bedingungen des achtjährigen Gymnasiums nun auch noch die Ehrenrunden zu streichen und damit noch mehr Schulzeit zu rauben?

Der SPD-Politiker hat sich das anders vorgestellt. Ihm geht es »um leistungsfähigere, aber auch glücklichere, selbstbewusstere Schüler«, die er vom Stigma des Sitzenbleibens befreien will. »Das Wiederholen frustriert doch nur, macht traurig und verschwendet viel zu viel Lebenszeit«, sagt Rabe. Die meisten Schüler seien von dieser Erniedrigung so belastet, dass sie auch in der neuen Klasse schlecht in Gang kämen. Moderne Pädagogen hätten sowieso keinen Gebrauch mehr davon gemacht, mit dem Wiederholen zu drohen, sagt der Senator. Trotzdem gab es in Hamburgs weiterführenden Schulen noch 2292 Sitzenbleiber im vergangenen Schuljahr. 1021 davon wiederholten an den Gymnasien, die meisten in den Jahrgangsstufen acht, zehn und elf.

»In der Pubertät verlieren wir vor allem die Jungen«, sagt Gerlind Buscher vom Kiwi. Aber die Angst vor pubertierenden Jugendlichen, die lustlos auf ihren Stühlen hängen, kennt auch Hans-Norbert Hoppe am Christianeum. Es gebe »gewisse Irritationen während der Pubertät«, sagt er. »Aber aus Leistungsgründen verlieren wir kaum jemanden.« Entscheidend sei es, auf die »intrinsische Motivation« zu setzen, also darauf, dass die Schüler von sich aus lernen wollen. »Die einzelnen Fächer müssen leuchten und glänzen, damit man die Schüler bekommt.« Schule müsse aber auch mehr sein als Unterricht. Eine Gemeinschaft, ein großes Ganzes. Wer dazugehören wolle, der tue auch etwas dafür.

Wie alle Schulleiter der Hansestadt haben auch Hoppe und Buscher in den vergangenen Wochen Post vom Bildungssenator bekommen. Die Antwort auf das Ende des Sitzenbleibens, so heißt es in seinem Brief, sei das Programm »Fördern statt Wiederholen«. Mit all dem Geld, das die Stadt einspart, wenn keiner mehr sitzen bleibt – ein Schüler kostet pro Schuljahr 6000 Euro –, wird nun kostenloser Förderunterricht bezahlt. Jede einzelne Klasse, von der Grundschule bis zum Gymnasium, erhält vom kommenden Schuljahr an zwei Förderstunden pro Woche. Die Nachhilfelehrer dürfen nicht mehr als 15,97 Euro pro Stunde kosten und sollten deshalb am besten Honorarkräfte sein, Lehrer im Ruhestand, Schüler, Studenten, Mütter oder Väter.

Volker Clasing, 37 Jahre, Englisch- und Geschichtslehrer am Kiwi, versteht an dieser Förderpolitik vor allem eines nicht: Wieso bekommt ein Gymnasium wie das Christianeum die gleichen Zuweisungen wie seine Schule? Vor ihm sitzen die 28 Schüler seiner 7c. Mädchen mit Kopftüchern, Jungen mit dunkler Hautfarbe. Seine Schülerinnen und Schüler stammen aus der Türkei, Indien, Serbien, Kroatien und Deutschland. Clasing mag diese bunte Mischung, die Verschiedenheit der einzelnen Biografien. Wenn ihn seine Kollegen in diesen Tagen fragen, was nun auf das Ende des Sitzenbleibens folgen wird, wie sie die Lustlosen und Launischen in den nächsten Jahren durch die Schule bekommen sollen, wie viel Kraft und Nerven das kosten wird, dann antwortet Clasing: »Ich setze auf eine zugewandte Pädagogik, nicht auf Druck. Eine gute Beziehung zu meinen Schülern schafft ganz andere Verbindlichkeiten.« Persönliche Relevanz nennt er das. »Es muss meinen Schülern peinlich sein, die Hausaufgaben nicht zu machen, den Test vermasselt zu haben.«

Clasing war nie ein Freund des Sitzenbleibens, aber er hat in den vergangenen Jahren auch gesehen, dass es für manche seiner Schüler die Rettung war. Ein Jahr mehr Schule heißt für viele in Wilhelmsburg vor allem: ein Jahr mehr Deutschförderung. Und die Sprache sei nun mal der Schlüssel zu jedem schulischen Erfolg, sagt Clasing. »Es sind wunderbare Momente, wenn man spürt, dass die Sprache kein Hindernis mehr ist und die Schüler plötzlich ein super Abi hinlegen.«

Am Kiwi hat man lange überlegt, wie ein auf diese Schule zugeschnittenes Förderkonzept aussehen muss. Noch mehr Stunden am Nachmittag, wie es der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe vorschlägt, kam für das Wilhelmsburger Gymnasium nicht infrage. Bei 35 bis 37 Wochenstunden könne man keinem Kind zumuten, noch länger in der Schule zu bleiben. Die Extraförderung wird nun vormittags, während des Unterrichts, stattfinden. »Fördern statt Wahlpflicht«, heißt das am Kiwi. Wenn andere Kinder Theater spielen oder naturwissenschaftliche Experimente machen, müssen die Leistungsschwächeren Mathe oder Englisch pauken. Die schulische Nachhilfe ist nicht zu verhandeln, sie wird in Lernzielvereinbarungen schriftlich festgehalten, von Schülern, Eltern und Lehrern unterschrieben. Es werden die Fachlehrer selbst sein, die den Förderunterricht geben. »Wenn es uns wirklich um bessere Leistungen geht, können wir das keiner Honorarkraft überlassen«, sagt Clasing. Die kenne weder den Unterricht noch die Schüler, und schlechte Leistungen hätten oft auch mit einem problematischen Sozialverhalten zu tun. 25 Prozent aller Siebtklässler und 38 Prozent aller Achtklässler werden am Kiwi zu zusätzlicher Förderung verpflichtet.

Dass es am Christianeum nur acht Prozent der Achtklässler sind, die die Extra-Förderung nötig haben, könnte auch daran liegen, dass die Elternhäuser hier spätestens in der sechsten Klasse damit beginnen, die private Nachhilfe zu aktivieren. Nicht unbedingt, um Vieren und Fünfen zu vermeiden, da geht es um Einsen und Zweien.

Die Lateinlehrerin Anna von Hindte spürt spätestens in der siebten Klasse, wie die Leistungsschere auseinander geht. Die Stofffülle nimmt zu. Die ersten Wissenslücken manifestieren sich, wenn nicht frühzeitig gegengesteuert wird. Wer die Vokabelrückstände in Latein nicht aufholt, bekommt von Jahr zu Jahr mehr Probleme, die komplizierter werdenden Texte zu übersetzen. Das Gleiche gilt für sämtliche Fächer, in denen Inhalte aufeinander aufbauen, für Englisch, Mathe, Physik. »Viele Schüler überfordert das Tempo«, sagt von Hindte. »Die Spanne zwischen dem, was die einen leisten könnten, und dem, was die anderen gerade noch leisten können, wird immer größer.« Das Ende des Sitzenbleibens ist für sie kein Problem, das man allein durch zusätzliche Förderstunden lösen kann. Jeder Lehrer muss sich nun fragen, wie sich sein Unterricht verändern kann, um der zunehmenden Heterogenität gerecht zu werden. »Es ist unmöglich, eine Klasse mit 30 Schülern individuell zu unterrichten«, sagt von Hindte.

Sie selbst war nie jemand, der schnell mal eine Fünf aufs Zeugnis geknallt hat. »Das überlegt man sich sehr genau.« Trotzdem fragt sie sich heute, was das Ende des Sitzenbleibens aus ihren Schülern machen wird. »Welche Haltung werden wir da heranziehen, wenn die Jugendlichen über Jahre hinweg die Erfahrung machen: Egal, was wir tun, wir kommen weiter.« Ein Schreckensszenario allerdings wird derzeit unter den Schülern heiß diskutiert, in Othmarschen wie in Wilhelmsburg: Was passiert, wenn sie nach Jahren des Schlendrians in der zehnten Klasse nicht mal mehr die mittlere Reife schaffen und mit einem Hauptschulabschluss vom Gymnasium fliegen? In diesen Momenten begreifen sie: Es schützt sie niemand davor, am Ende doch noch zu scheitern.

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Leser-Kommentare
  1. "So viele Eltern und Schüler saßen schon in ihrem Büro. Und für die meisten zählte nur eines: Hauptsache, das Kind kann bleiben, egal, mit welcher Prognose."

    Und genau diese Einstellung ist katastrophal für die Kinder als auch für die Eltern. Die Eltern setzen dabei ihre Verantwortung und ihr Vertrauen zum Kind aufs Spiel und die Kinder sind möglicherweise einfach nicht länger geeignet für diese Schulform!
    Am Ende kommt dann doch wieder heraus, dass das Kind dann evtl. das Abitur so halbwegs schafft, aber dafür im Rest auf der Strecke bleibt! Von psychischen Schäden am Selbstwertgefühl einmal ganz zu schweigen.

    Aber das ist ja nicht einmal großartig das Problem der Eltern sondern vor allem ein gesellschaftliches Problem, da etwas geringeres als das Abitur kaum noch anerkannt wird.
    Wollen wir hier japanische Bildungsverhältnisse?

  2. Es ist ökonomischer die Kinder in der Unterklasse zu lassen und die anderen durch die Schule zu hetzen! Die Wirtscahft braucht billige Arbeitskraft.

    Treffe ich 25 oder 30 Jährige mit "nur" Grundschulausbildung so muss ich sagen, die sind ja genauso intelligente Menschen wie andere mit "höherer" Ausbildung - nur ihre Chancen im Berufsleben wurden unverhältnismässig verbaut, dadurch, dass sie einmal als Kinder langsamer waren!

    Die Kinder und Jugendlichen sollen sich ruhig Zeit lassen in ihrer Entwicklung
    und die Jugend geniessen - was soll der Wahn nach Wettbewerb überall!

    [...]

    Bitte verzichten Sie auf respektlose und pietätlose Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • grrzt
    • 09.07.2011 um 11:03 Uhr

    natürlich ist Grundschulbildung kein Hinweis auf unzureichende Intelligenz. Grundschulbildung in NRW bedeutet Klasse 1 bis 4 und da werden die Dummen und Intelligenten, die Motivierten und die Unmotivierten, die Neugierigen und die Dumpfen etc. Schüler unterrichtet. Und nur mal so nebenbei; Intelligenz wächst nicht nach. Man kann sich darüber unterhalten, dass jeder Schüler einen Abschluss "haben" muss. Man soll sich aber nicht täuschen lassen, Einen Abschluss "haben" bedeutet nicht, dass alle dann auch eine Ausbildung "bekommen", im Leben besser zurecht kommen Auch wenn ich daran zweifle, dass es so etwas gibt wie eine optimale Förderung; Fragen Sie sich, ob sich an den Chancen der optimal geförderten etwas ändern würde. Denkbar wäre z.B. dass noch undurchsichtigere Auswahlkriterien oder "minimale Unterschiede" angewendet würden.

    • grrzt
    • 09.07.2011 um 11:03 Uhr

    natürlich ist Grundschulbildung kein Hinweis auf unzureichende Intelligenz. Grundschulbildung in NRW bedeutet Klasse 1 bis 4 und da werden die Dummen und Intelligenten, die Motivierten und die Unmotivierten, die Neugierigen und die Dumpfen etc. Schüler unterrichtet. Und nur mal so nebenbei; Intelligenz wächst nicht nach. Man kann sich darüber unterhalten, dass jeder Schüler einen Abschluss "haben" muss. Man soll sich aber nicht täuschen lassen, Einen Abschluss "haben" bedeutet nicht, dass alle dann auch eine Ausbildung "bekommen", im Leben besser zurecht kommen Auch wenn ich daran zweifle, dass es so etwas gibt wie eine optimale Förderung; Fragen Sie sich, ob sich an den Chancen der optimal geförderten etwas ändern würde. Denkbar wäre z.B. dass noch undurchsichtigere Auswahlkriterien oder "minimale Unterschiede" angewendet würden.

  3. Es wird weder die Ehrenrunde abgeschafft, noch das Weiterkommen kinderleicht.

    Die Ehrenrunden bei Abiturienten, die zu wenig bzw das Falsche können, müssen von Unternehmen in Form von Praktika und Traineejahren nachgeholt werden.

    Abgesehen davon: Warum sollte eine Gesellschaft, die kaum noch eigene Kinder hervorbringt, motiviert sein, ein leistungfähiges Schulsystem zu erhalten? Stellen wir die Ausbildung in den Schulen doch ein und ersetzen Lehrer durch billigere Wärter, die z.B. kollektives Fernsehen beaufsichtigen. Arbeitskräfte importieren wir dann fertig ausgebildet aus Schwellenländern.

  4. Ich arbeite seit Jahren als Lehrer, und "Sitzenbleiben" hat oft auch positive Effekte. Die Noten der Schüler gehen oft im Wiederholungsjahr nach oben, weil diese Schüler alles zum zweiten Mal hören. Dadurch steigt auch oft deren Selbstbewußtsein. Gerade in den modernen Fremsprachen können so viele Fortschritte erzielt werden. Oft haben Schüler auch nur ein schlechtes Jahr. Gerade in der Pubertät kann es vorkommen, dass vorübergehend das Liebesleben die schulischen Aufgaben in den Hintergrund drängt. Ein Schuljahr wiederholen zu müssen ist für Jugendliche eine Niederlage, und oft lernen Menschen auch aus solchen Dingen.
    In dem Artikel steht, dass 23% der unter 15jährigen schon mal sitzengeblieben sind. Nach diesem Modell müssten die dann alle die Schulform wechseln, und davon würde unsere Gesellschaft als Ganzes nicht profitieren. Was haben wir denn davon, viel weniger junge Leute mit Abitur zu haben ? Wo doch die Bildung unserer Bevölkerung unser größtes Kapital auf dem Weltmarkt ist ?
    Denken sie mal an die Menschen in ihrem Umfeld: Es gibt mit Sicherheit einige darunter, die den Schulabschluß noch geschafft haben, nachdem sie an der selben Schule einmal sitzengeblieben sind.

    Es ist einfach herzlos, einen jungen Menschen sofort von der Schule zu werfen, nur weil er es in einem einzigen Jahr dort nicht geschafft hat. Diese Schüler haben eine zweite Chance verdient.

    21 Leser-Empfehlungen
  5. Das Niveau in Hamburg ist sowieso schon niedrig genug und die Abiturientenquote liegt schon jenseits von Gut und Böse.
    Ich war in SH auf der Schule, aber der halbe Freundeskreis ging in Hamburg. 3km Luftlinie aber ein Unterschied wie Tag und Nacht. Mein Abitur kann sich im Gegensatz zum Süden wenigstens sehen lassen, da die Aufgaben in meinen LK´s quasi die Gleichen waren.
    Ein Gutes hat es jedoch: Es wird nicht mehr lange dauern bis selbst die Bewohner Hagenbecks ihr Abitur erhalten werden.
    Wir sind echt abgeschafft.

  6. das Schulsystem weiter zu privatisieren. Denn alle Eltern,
    denen die Bildung ihrer Kinder am Herzen liegt, werden ihren Nachwuchs auf eine private Einrichtung schicken (müssen). Und mit Bildung meine ich echte Kompetenzen und nicht die Pseudo-Schülerversteher-Noten, die nach Anwesenheit bzw. Unterhaltungswert vergeben werden.
    Da wird es in Zukunft wohl einen harten Kampf zwischen Berlin, Bremen und Hamburg geben, wer den Pisa Letzten stellt.

    Gruß,
    bonifaz

  7. Ich bin mit knapp sechs eingeschult worden und habe immer etwas Probleme in der Schule mit dem Stoff gehabt. Nachdem ich die 8 Klasse wiederholt habe, konnten wir auf Nachhilfe verzichten und ich habe später ohne zu viel Aufwand mein Abitur mit 2,9 bestanden.

    Mir hat die Ehrenrunde gut getan.

  8. Nicht immer bleiben Schüler wegen Dummheit oder Faulheit sitzen.

    Ich kann mich noch gut an einen Jungen erinnern, dessen Mutter nach mehreren Monaten Leidens starb.

    Der Junge hatte vom Schuljahr nicht viel mitbekommen und wiederholte.

    Und das war gut so.

    Das Wiederholen von Schuljahren ist ein Instrument, das von Lehrern eingesetzt wird, um Schülerkarrieren zu retten. Wir würden unserem Arzt doch auch nicht den Defibrillator verbieten wollen, obwohl der bei falscher Anwendung auch Schaden anrichten kann?!

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