GiacomettiAlberto!

Sein Gesicht prangt auf der Hundert-Franken-Note, aber in seiner Heimat, dem Bergell, finden sich kaum Spuren des Künstlers Giacometti. Das soll sich ändern. von Stefan von Bergen

Alberto Giacometti arbeitet vor dem Modell an einer Büste von Annette (Franco Cianetti, Paris 1962)

Alberto Giacometti arbeitet vor dem Modell an einer Büste von Annette (Franco Cianetti, Paris 1962)  |  © Franco Cianetti/Bündner Kunstmuseum Chur

Es sieht aus, als wäre Alberto Giacometti eben noch da gewesen. Die Glut seiner Gauloise hat Brandmale hinterlassen auf dem Parkett des Ateliers in seinem Südbündner Heimatdorf Stampa. Farbspuren markieren, wo der Stuhl stand, auf dem seine Mutter ihm Modell saß. Bewunderer des Mannes, der mit seinen spindeldürren Eisenskulpturen die Kunst revolutionierte, gäben viel dafür, dieses Heiligtum zu betreten. Aber das Atelier, in dem Giacometti im Sommer arbeitete, wenn er jeweils aus Paris heimkam, ist seit Jahren verschlossen.

Im abgelegenen Bergell, vom mondänen Engadin durch den Malojapass getrennt, erinnert wenig an den Künstler. Das Talmuseum, bloß an viereinhalb Monaten im Jahr geöffnet, besitzt von ihm eine einzige Skulptur. Weitere Hinweise auf den Mann, dessen Figur auf der Hundert-Franken-Note selbst Kunstbanausen ein Begriff ist, fehlen. Doch ein Mann will dies ändern. Er wohnt gegenüber dem Giacometti-Atelier und stammt aus der Familie, ist auch ein Giacometti, mit Vornamen Marco; seine Großmutter war die Cousine des Künstlers. Der 51-jährige Tierarzt und Jäger lebte lange Zeit fern seiner Bergeller Heimat. Nun will er in Stampa ein Centro Giacometti eröffnen. »Im Ausland habe ich gespürt, welchen Klang der Name Giacometti hat«, sagt er, »es ist die einzige Marke, die das Tal über seine Grenzen hinaus bekannt macht.«

Anzeige

Herzstück des Centro soll das ehemalige Atelier sein. Auf einer Flipchart skizziert Marco enthusiastisch das 10-Millionen-Projekt, welches sein von Experten beratener Förderverein ausarbeitet. In heute leer stehenden Ställen sollen Ausstellungen stattfinden, zum Künstlerclan der Giacomettis wie zur Natur und Geschichte des Tals. Themenwege folgen den Spuren des Großmeisters. Geld in die Kassen spülen werden ein Dokumentationszentrum, ein Shop und ein Bistro. Kühn hat der Giacometti-Nachfahre schon das Eröffnungsdatum festgelegt: den 15. Januar 2016, den 50. Jahrestag von Albertos Bestattung im Tal.

Die Gemeindeversammlung sprach letzten November einen Kredit für die Planung des Centro. Aber es brauchte viel Überzeugungsarbeit. Nicht dass die Bergeller ihren Alberto geringschätzen würden, aber für sie ist er so, wie sie sich selbst sehen: wortkarg, bescheiden. »Alberto mochte kein Aufsehen um seine Person«, sagen sie über den Weltstar. Also weshalb um ihn einen Kult betreiben? Das Projekt drohte mehrmals zu scheitern. 2005 hätte mit der geplanten Fusion aller Talgemeinden das Schulhaus von Stampa für das Centro frei werden sollen. Marco Giacometti, damals Stampas Gemeindepräsident, lud schon Kunstspezialisten zur Besichtigung ein. Doch Zweidrittel der Bergeller waren dagegen: Wenn schon die Gemeindegrenzen verschoben würden, fanden sie, solle wenigstens das Schulhaus im Dorf bleiben. Marco Giacometti stellte das Projekt zurück – und wurde als Gemeindepräsident abgewählt. »Er ist manchmal zu schnell«, sagt seine Schwester Anna Giacometti im Gemeindehaus von Promontogno. Sie ist die erste Gemeindepräsidentin des fusionierten Bergells. Im Mai 2008 stimmte man einem Zusammenschluss aller fünf Talgemeinden zu, nun kommt auch das Centro Giacometti wieder auf die Agenda. »Es erhält den Goodwill der Leute dann, wenn sie genug Zeit haben, mitzudenken und mitzuentscheiden«, sagt Anna. Sie übersetzt den hochfliegenden Traum ihres Bruders in die Realität der Peripherie, die mit Abwanderung und Arbeitsplatzmangel kämpft. Die Schließung einer Poststelle beschäftigt hier mehr Menschen als die hohe Kunst.

Anna berichtet vom nahen Engadin und von dessen entfesseltem Immobilienmarkt. Fast acht Prozent der Zweitwohnungen stünden dort leer und würden nach einigen Jahren dann verteuert weiterverkauft. Der Talboden ist zersiedelt. Das idyllische Bergell ist bis jetzt verschont geblieben von dieser Entwicklung. Aber eben ist einer der Ställe von Stampa, die für das Museum vorgemerkt sind, von Auswärtigen gekauft worden. »Dabei wäre«, sagt Anna, »die Umnutzung der Ställe für das Centro eine nachhaltige Alternative zum Bau meist totenstiller Zweitwohnungen.« Und die Marke Giacometti könnte helfen, das Tal im sanften Tourismus besser zu positionieren. Diese Sprache verstehen die Bergeller.

Das Bündner Kunstmuseum Chur zeigt bis zum 4. September die Ausstellung »Alberto Giacometti: Neu gesehen« mit bisher unbekannten Fotografien vom Künstler.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Alberto Giacometti | Bestattung | Kunstmuseum | Paris
    Service