Der Bankdirektor, auf den in diesen Tagen alle schauen, der die Blicke auf sich zieht, wenn er durch die Gassen seiner Heimatstadt läuft, Blicke voller Abscheu, Blicke voller Furcht, ein bescheidener, stiller Mann, er geht jetzt auf die Knie. Er sinkt auf die Erde, auf der er vor 50 Jahren aufgewachsen ist, auf das Land seines Vaters, seine Zuflucht und sein Trost. »Es ist alles verloren«, sagt er und streckt die Hand aus, wiegt eine Weinrebe darin. Die Trauben sind aufgeplatzt und zu kleinen braunen Knoten verkümmert. Es ist der letzte Sonntag im Juni, Nordgriechenland, karge Berge und fliehende Wolken. »Alles verdorben«, sagt der Bankdirektor in seinem Weinberg. Eine harte Woche in der Bank liegt hinter ihm, eine noch härtere steht ihm bevor. »Hagel«, sagt er. »Gestern früh ist es passiert.« Dürr wie Vogelskelette, bedecken abgefallene Reben den Boden. Der Bankdirektor zündet sich eine Zigarette an. Er hat wieder mit dem Rauchen begonnen. Nach 19 Jahren.

Der Direktor steigt in seinen Wagen und fährt vom Land zurück in die Stadt, vorbei an den blinden Schaufenstern der Läden, deren Kredite seine Bank nicht verlängert hat. Aus den Augenwinkeln sieht er die leeren Restaurants, die ihm die Raten nicht mehr zahlen können. Der Besitzer des Autohauses an der Kreuzung weiß noch nicht, dass er nächsten Monat pleitegehen wird.

Der Bankdirektor, der seinen Namen nicht nennen will, schaltet beruhigende Geigenmusik ein, sie trägt ihn durch die Stadt, die Drama heißt. Die Filiale, die er leitet, ist die größte in Ostmazedonien, im Nordosten Griechenlands, der am schwersten unter der Krise leidet. »In den letzten Monaten ist die Wirtschaft zusammengebrochen«, sagt der Bankdirektor. »Sie schrumpft nicht, sie kollabiert.« Die Arbeitslosenrate in Drama liegt mittlerweile bei 30 Prozent. Fast täglich spricht der Direktor ein Todesurteil für ein Unternehmen aus. Er ist hier aufgewachsen, in Drama, der 45.000-Einwohner-Stadt zwischen Thessaloniki und der Grenze zu Bulgarien. Er hat den Ort in 32 Dienstjahren mit aufgebaut, jetzt muss er ihn wieder einreißen.

Nie zuvor in der Geschichte der Europäischen Union ist der Lebensstandard einer Bevölkerung so rasant gefallen wie der der Griechen in den vergangenen zwei Jahren. Nie zuvor musste ein EU-Land in so kurzer Zeit so viel sparen. Unter dem Druck der Finanzmärkte strich die überschuldete Regierung in Athen im vergangenen Jahr fast ein Drittel der Staatsausgaben. Die Rating-Agenturen stuften die Kreditwürdigkeit Griechenlands in schwindelerregendem Tempo herunter, von A minus ging es auf CCC, die letzte Stufe vor der wahrscheinlichen Pleite. Das Militär, heißt es, bereite sich auf Einsätze vor, um eine Erstürmung der Banken zu verhindern. Einer von fünf Griechen hat sich laut Umfragen bereits von der Demokratie losgesagt. Bürger haben die zentralen Plätze der größeren Städte besetzt. Auch in Drama brandet die Unruhe der Hauptstadt an. Hier hängen auf dem Platz der Freiheit große Transparente, jeden Sonntag versammeln sich 300 Unentwegte, die für ein paar Stunden lärmen, doch sonst passiert in Drama eher das Gegenteil: Die Stadt verstummt.

Die Hauptgeschäftsstraße, die den Boutiquenbesitzer Vasilios Deliorzidis bis vor Kurzem ernährte, leert sich immer mehr. Deliorzidis sitzt an seinem Kassentisch und beobachtet durchs Schaufenster, wie das Leben aus Drama weicht. »Das war eine Toplage vor einem Jahr«, sagt Deliorzidis, der in Deutschland Sportwissenschaft studierte und dann in seine Heimat zurückkehrte. Im Sommer 2010 brach das Geschäft ein, der Tagesumsatz sank von 500 Euro auf 300, manchmal auf 200 Euro. Jetzt geht Deliorzidis abends immer öfter mit nur 30 Euro aus dem Laden. Er ist fahrig geworden und trinkt viel Kaffee, eine Hand liegt meist auf der Folie seines Marlboro-Päckchens. Sieben Kollegen in der Straße haben aufgegeben. Eine Kneipe, eine Wäscherei, ein Kiosk und auch der Makler gegenüber, nachdem die Immobilienpreise um bis zu 80 Prozent eingebrochen waren. »Die Menschen haben schlagartig aufgehört zu kaufen«, erzählt Deliorzidis. »Ich kann die Preise noch so niedrig setzen – es bringt nichts.« 650 Läden schlossen 2010 in diesem kleinen Ort, jeder zehnte Einzelhändler. Für dieses Jahr rechnet die Stadtverwaltung damit, dass die Krise jeden Zweiten der Übriggebliebenen zu Fall bringt.

Deliorzidis stemmt sich noch mit aller Kraft gegen den Abwärtsstrudel, so schnell wie möglich will er umziehen, raus aus dieser sterbenden Straße. Aber wird es anderswo besser sein? Der 48-Jährige hat ein Ladenlokal näher am Zentrum gemietet, er renoviert es gerade. In diesen letzten Versuch steckt er jetzt alle Ersparnisse. Auch die Rente seines Vaters, der in Stuttgart Arbeiter bei Porsche war. So viele hatten sich einst von hier nach Norden aufgemacht, in vielen Häusern wird Deutsch gesprochen. Jetzt sind die deutschen Renten oft das Einzige, was den Familien das Überleben sichert.

Es gibt keine nennenswerte Industrie mehr in Drama, die einst bedeutende Tabakproduktion erlosch in den neunziger Jahren. Die Textilfabriken wanderten ins nahe Bulgarien ab, die große Papierfabrik mit einst 1200 Arbeitern schloss vor fünf Jahren. Jede Krise hinterließ ihre Ruinen, wie Jahresringe umschließen sie die Stadt. 70 Prozent der werktätigen Einwohner Dramas sind heute beim Staat beschäftigt, und jetzt beginnt sich auch der zurückzuziehen. Die Stadtverwaltung entließ jeden Zweiten ihrer 150 Angestellten, sie schloss Schulen, und viele Angestellte der kommunalen Unternehmen warten seit Monaten auf ihre Gehälter. So überstürzt privatisieren die Gemeinden, dass die ausgegliederten Firmen zum Teil ihren Betrieb einstellen, weil noch keine Rechtsform gefunden wurde. Es ist, als würde das ganze Land eine völlig neue Geschäftsgrundlage bekommen.