Der Pinguin ist, wie es heißt, im Wasser falsch abgebogen. Er schwamm zunächst ganz nach seiner Gewohnheit an der antarktischen Küste umher, entfernte sich dann aber, welcher Laune wegen auch immer, von seinen Artgenossen. Menschen erblickten ihn verblüfft an der 3.000 Kilometer weit abgelegenen Küste von Neuseeland. Die Wege des Pinguins, den die Neuseeländer jetzt etwas albern »Happy Feet« tauften, vermag niemand nachzuvollziehen, sie waren aber gewiss gefährlich und abenteuerlich: Wie oft blickte er in das weit aufgerissene Maul eines Raubfischs, dem er sich dann flink entwand?

Mit einem Mal, so viel ist gewiss, stand der Pinguin also an einer ihm fremden Küste , blickte mit Wehmut auf das bewegte Meer, suchte zunächst in hektischen kleinen Schritten nach seinen Artgenossen und pickte dann, da er sie nicht finden konnte, missmutig in den Sand. Experten sagen, er hätte, durstig wie er war, diesen für Schnee gehalten (es musste ihm in Notoperationen der Magen ausgepumpt werden). Womöglich aber steckte eher Verzweiflung als Verwirrung im fatalen Sandschlucken, wenn nicht gleich der heroische Entschluss zum Selbstmord den Pinguin antrieb. Plausibel wäre eine solche Tat angesichts der Umstände allemal. Die ihm einst engsten Vertrauten wird der Pinguin, selbst wenn man ihn in die Antarktis zurückbringen sollte, mit großer Wahrscheinlichkeit nie mehr wiedersehen.

Der Schriftsteller E. M. Cioran bezeichnete das Verschwinden der wilden Tiere einmal als einen unvergleichlichen, einen schwerwiegenden Tatbestand. Ihr Henker habe die Landschaft besetzt. Es gebe nur noch Raum für ihn. Das Entsetzen, dort einen Menschen zu erblicken, wo man zuvor ein Tier in freier Wildbahn hätte betrachten können, sei unermesslich.

In der Antarktis , seiner Heimat, dürfte der Pinguin noch nie einen Menschen erblickt haben. Dort, wo es so unwirtlich ist, hat der Mensch, der schlimmste aller Räuber, sein blutiges Handwerk noch nicht verrichtet und die Pinguine zumindest halbwegs in Ruhe gelassen.

Nun ist unser Pinguin aber versehentlich unter die Menschen geraten. Und wie behandeln sie ihn? Natürlich von oben herab, mit dieser arttypischen, repressiven Fürsorge. Da schluckt der Pinguin, tapfer zum Tode entschlossen, Sand. Der Mensch aber steckt ihn in eine Klinik, verpasst ihm Schläuche und legt ihn unter das Röntgengerät.

In welch seltsame Welt der Pinguin doch geraten ist. Eben noch empfand er sich auf dem Gipfel seiner Freiheit, schon aber ist er in Ketten gelegt und soll seinen Rettern auch noch dankbar sein. Als sei das Wildschwein dankbar gewesen, als es zum Hausschwein schrumpfte, und der Wolf, als er nur noch Hund sein durfte.