Brownian Movement , vorgelesen aus dem Märchen Das Mädchen ohne Hände . Was sie beschließen, lässt sich leicht erraten: das komplizierte Sich-Finden zweier Menschen. Goethe hat dafür das Modell der Wahlverwandtschaften ins Feld geführt, eine aus der Chemie seiner Tage entlehnte Metapher, nach der zwei einander Zugeneigte sich naturgesetzlich zu verbinden streben. Dass sein Roman allerdings nicht mit der versöhnlichen Märchenformel endet, dass die füreinander Bestimmten erst im Tod zusammenfinden, ist oft als Kritik an der Strenge gesellschaftlicher Konventionen verstanden worden.

"Und sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende." Jeder kennt solche Worte. Diesmal fallen sie im Film

Heute hingegen ist alles lichter, leichter, freier, und so hat die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold ein hübsches Pärchen über alle Grenzen hinweg in Brüssel zusammengebracht: Charlotte (Sandra Hüller) und Max (Dragan Bakema), sie blond, aus Berlin, Ärztin, er ein südeuropäischer Typ, Architekt. Einen reizenden Sohn, mit dem sich Charlotte abends über die Brüder Grimm beugt, haben sie auch, und trotzdem Sex, innig, zärtlich – "vergnügt bis an ihr seliges Ende"? 

Nicht ganz. Denn der Film beginnt damit, dass Charlotte eine Wohnung mietet, in die sie Patienten aufgrund eines speziellen körperlichen Merkmals mitnimmt. Einer hat eine pockennarbige Nase, der Nächste eine Ganzkörperbehaarung, so dicht wie der Flokatiteppich, auf dem sie es mit einem übergewichtigen Dritten treibt. Für den Zuschauer sind diese stillen Szenen nur das Rascheln von Decken, das Kommen und Gehen eines schweren Atems, schwer zu ertragen. Warum das Ganze? In den langen, mal unbewegten, mal leicht wackelnden Aufnahmen bleibt viel Zeit, im Spiel von Sandra Hüller nach Aufschluss zu suchen. Ein nach innen gerichtetes Lächeln hier, das Umschlagen von An- und Abwesenheit im Blick dort. Aber sosehr uns dieser mimische Minimalismus in Bann schlägt, so wenig verrät das Gesicht sein Geheimnis.

Dazu passt, dass der Film einer sprachkritischen Absicht zu folgen scheint. Gesprochen wird kaum, zwischen Charlotte und ihren Patienten gar nicht. Als einer von denen sie zufällig wiedertrifft und anspricht, dreht sie durch und kollabiert. Charlottes Doppelleben fliegt auf. Die zerbrechende Ehe versucht sie mit Max bei einer Therapeutin zu retten, allerdings ohne rechte Überzeugung. Auf die Frage nach dem Warum antwortet sie: "Es macht es nur schlimmer, wenn ich darüber spreche."

Einen Hinweis gibt der Film allerdings doch, und zwar über die naturgesetzliche Bewegung, die der Titel evoziert. Der Botaniker Robert Brown entdeckte 1829, wie Pollen im Wasser unregelmäßig zucken, was später auf die fortwährende Bewegung der Flüssigkeitsmoleküle zurückgeführt wurde. Als eine Goethe fortschreibende Metapher könnte die Brownsche Bewegung ausdrücken, dass auch in wahlverwandtschaftlicher Beziehung der Mensch nicht in seinem Element ist. Oder jedenfalls Kräften ausgesetzt, die ihn mal hierhin, mal dorthin stoßen. Grundlos, geheimnisvoll. Für dieses Dilemma findet Nanouk Leopold schöne, schlichte, oft subtile Bilder. Zum Ende des Films sehen wir Charlotte und Max in Indien durch die Wüste fahren. Das Auto holpert. Vielleicht leben sie so bis an ihr Ende: glücklich, aber schwankend.