DIE ZEIT: Eure Heiligkeit, Herr Shankar, Sie sind berühmt für Ihre Gelassenheit. Sie haben daraus sogar eine Lebensphilosophie gemacht, die sie unterrichten. Was tun Sie eigentlich, wenn Sie selber einmal gestresst sind?

Sri Sri Ravi Shankar: Um ehrlich zu sein, ich habe solche Gefühle schon vor langer Zeit abgelegt. In den letzten dreißig Jahren war ich nie gestresst.

DIE ZEIT: Dreißig Jahre ohne Stress? Aber Sie haben vor Kurzem doch noch mit radikalen Islamisten debattiert.

Sri Sri: Ja, und ich habe auch schon auf dem Weltwirtschaftsforum gesprochen.

DIE ZEIT: Verraten Sie uns doch bitte, welche spirituellen Übungen Sie mit den Fundamentalisten und den Wirtschaftsbossen gemacht haben.

Sri Sri: Eine Tiefenentspannungsübung namens Pranayama, die die Nerven beruhigt und den Verstand klärt. Zu jeder menschlichen Emotion gibt es einen Atemrhythmus, der sich verändert, je nachdem, wie man sich fühlt. Aber wenn Sie die Sudarshan-Kriya-Technik anwenden, werden alle Muster des Sorge, der Wut und des Schmerzes ersetzt durch sanftere Gefühle. Auch der Pegel der Stresshormone sinkt. Für Geschäftsleute empfehle ich kurze Meditationen mit Atemübungen wie Nadi Shodan oder eben Sudarshan Kriya.

DIE ZEIT: Kriya ist Sanskrit und bedeutet so viel wie vollkommene Handlung. Im Westen kennen wir das Wort aus dem Yoga, aber Sie sind kein Yogalehrer. Man könnte Sie den Papst der Hindus nennen. Wie erklären Sie den Hinduismus jemandem, der noch nie davon gehört hat?

Sri Sri: Hinduismus ist die älteste Religion auf unserem Planeten. Sie kennt nur einen Gott, den Gott der Liebe, der allerdings viele Namen hat. Er kann auf unterschiedliche Arten gefeiert werden. Darin besteht die Freiheit unseres Gottesdienstes.

DIE ZEIT: Hindus kennen kein zentrales Glaubensbekenntnis. Und wir haben immer noch nicht verstanden, wer von den Göttern Vishnu, Brahma oder Saraswati nun der wichtigste ist.

Sri Sri: Der Hinduismus hat viele Bücher und Propheten. Alles, wofür die moderne Gesellschaft steht, ist darin angelegt: Freiheit, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und sogar Demokratie.

DIE ZEIT: Warum hat der Hinduismus keine Kirche?

Sri Sri: Weil er nur eine Lebensweise und keine organisierte Religion ist.