Euro-Krise "Unsere Risiken sind beherrschbar"

Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, über Griechenland und die Rolle der Notenbank in der Schuldenkrise

DIE ZEIT: Herr Stark, die Politik verzichtet darauf, Banken und Versicherungen zu einer Beteiligung an den Kosten der griechischen Schuldenkrise zu zwingen. Wenn sich die Finanzindustrie verzockt, springt der Steuerzahler ein. Ist das die neue soziale Marktwirtschaft?

Jürgen Stark: Haftung und Risiko gehören zusammen, an diesem wichtigen Prinzip gibt es keinen Zweifel. Grundsätzlich ist auch nichts gegen eine Einbeziehung des Privatsektors zu sagen – solange diese freiwillig ist.

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ZEIT: Pardon, aber das ist Augenwischerei. Banken sind ihren Aktionären verpflichtet, weshalb sollten sie auf Gewinne verzichten? Wenn ein Unternehmen Konkurs anmeldet, sind die Gläubiger dran – ob sie wollen oder nicht. Warum gilt für Griechenland etwas anderes?

Stark: Es geht nicht um ein Insolvenzverfahren. Es geht um eine Beteiligung der privaten Gläubiger an der Finanzierung des griechischen Anpassungsprogramms. Und es geht um einen wichtigen Grundsatz in einem demokratischen Rechtsstaat: Der Staat muss seine Verpflichtungen einhalten. Das kommt mir bei der populistischen Forderung nach einem Schuldenschnitt zu kurz.

ZEIT: Was ist populistisch an der Forderung, die Banken dürften nicht ungestraft davonkommen? 

Sanfte Umschuldung

Umschuldung durch Zahlungsaufschub – im Rahmen einer sanften Umschuldung würden die Rückzahlungsfristen für griechische Staatsanleihen und die 110 Milliarden Euro schweren Hilfskredite von IWF und EU verlängert. Denkbar wäre auch, zusätzlich den Zinssatz für die Hilfen erneut zu senken. Griechenland bekommt so mehr Zeit, seinen Haushalt zu sanieren. Auch andere Transaktionen wären möglich, etwa der Umtausch von Staatsanleihen in sichere Papiere, allerdings mit einem Abschlag. Ob das auch die privaten Gläubiger betrifft, ist unklar. Solch eine Umschuldung wäre für sie eher verkraftbar als eine harte Umschuldung. Aber: Die über Jahre angehäuften Staatsschulden müssten auf einen Schlag mit Garantien unterlegt werden, wofür letztlich die Steuerzahler in anderen Ländern haften müssten.

Harte Umschuldung

Umschuldung durch Forderungsverzicht – im Rahmen einer harten Umschuldung, auch Schuldenschnitt oder "Haircut" genannt, müssten die Gläubiger im Rahmen eines Schuldenabkommens auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Griechenland wäre damit schlagartig einen Teil seiner Schulden von mehr als 330 Milliarden Euro los, die Gläubiger aber würden Verluste machen. Griechenlands Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt wäre nachhaltig angeschlagen, der Zugang zu frischem Geld verbaut. Dieser Effekt könnte allerdings auch auf andere angeschlagene EU-Staaten wie Irland oder Portugal übergreifen. Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern – ihnen drohen milliardenschwere Verluste, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Stark: Welche Strafe erwarten Sie denn? Griechenland hat die Schulden aufgenommen, niemand hat das Land dazu gezwungen. Diese Schulden müssen bedient werden. Das gilt für die Verbindlichkeiten gegenüber dem Privatsektor und für die Kredite der Geberländer. In erster Linie müssen die Griechen liefern – dann erhalten auch die Steuerzahler ihr Geld zurück.

ZEIT: Die Frage ist doch, ob sie liefern können. Ist Griechenland nach herkömmlichen Maßstäben überhaupt noch zahlungsfähig?

Stark: Griechenland hat ein Anpassungsprogramm ausgehandelt. Wenn dieses Programm umgesetzt wird, ist das Land in der Lage, seine Schulden zurückzuführen. Dazu ist kein Schuldenschnitt nötig. Voraussetzung aber sind Fortschritte beim Haushalt. Der schwierigste Teil kommt erst noch.

ZEIT: Der Sparkurs überfordert das Land aber doch jetzt schon. Die Bevölkerung rebelliert, die Konjunktur bricht ein.

Stark: Das Programm, das mit Griechenland vereinbart wurde, ist nicht schärfer oder fordernder als das, was der Internationale Währungsfonds mit anderen Ländern vereinbart hat. Wer heute sagt, dieses Programm sei nicht durchzuhalten, der muss sich einmal in die Lage einiger Schwellenländer versetzen, von denen der Fonds Ähnliches verlangt hat – etwa in Asien in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, in Lateinamerika oder auch in Lettland. Was hier gefordert wird, ist internationaler Standard. Die Europäer haben keinen Sonderstatus.

ZEIT: Warum den Griechen nicht durch das Vorziehen von Zahlungen aus den EU-Strukturfonds helfen, wie es Brüssel vorgeschlagen hat?

Stark: Dieser Vorschlag ist absolut kontraproduktiv. Er suggeriert der griechischen Regierung, dass die Krise mit Finanztransfers zu lösen ist. Dies ist ökonomischer Unsinn und politisch unklug, denn es untergräbt die Anreize, Reformen und Konsolidierung voranzubringen. Es gibt keinen einfachen Ausweg. Griechenlands Problem ist nicht etwa ein Mangel an Infrastruktur, sondern Überschuldung und Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Der Vorschlag läuft darauf hinaus, einem Land durch finanzielle Transfers die Mitgliedschaft in der Währungsunion auch unter prekären wirtschafts- und haushaltspolitischen Bedingungen zu erleichtern.

ZEIT: Sparen und Reformieren, das ist Ihr Plan – und wenn all das nicht funktioniert?

Stark: Es ist unsere Arbeitshypothese, dass es funktioniert. Griechenland darf jedenfalls kein Fass ohne Boden werden. Das Land kann nicht erwarten, immer wieder von anderen unterstützt zu werden. Solidarität darf nicht überstrapaziert werden.

ZEIT: Sie weichen aus.

Stark: Weder EU noch der IWF sind erpressbar. Ich gehe davon aus, dass sie ihre Finanzhilfen nur unter der Bedingung fortsetzen, dass Griechenland die mittelfristige Strategie der Haushaltskonsolidierung wie auch umfassende Privatisierungsmaßnahmen umsetzt.

Leser-Kommentare
  1. Na, dann liefert mal wieder griechischen Spargel und zu einem fairen Preis und nicht zu "Dumping-Angeboten", um den Preis für den heimischen Spargel zu unterlaufen.

    Übrigens:

    Der griechische Spargel ist dem deutschen nicht nur gleichwertig, auch oft besser - solange er wenigstens noch 5 Cent billiger angeboten wird!

    • an-i
    • 29.06.2011 um 11:22 Uhr

    "Griechenland hat die Schulden aufgenommen, niemand hat das Land dazu gezwungen"

    ...aber, aber, Herr Stark das ist eine ziemlich "billige" feststellung. wo ist da die selbstkontrolle der banken?
    wenn ICH neues geld brauche, muss ich erst
    "hose runterziehen" bevor ein weiterer kredit bewilligt wird.
    griechenland wurde einfach unverantwortlich bedient. ein bischen selbstkritik wäre in dieser situation angemessen.

    25 Leser-Empfehlungen
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    Man kann die Ausführungen auch anders ausdrücken: das griechische Volk ist an allem schuld, weil es Parteien wählte, die von korrupten Familienclans kontrolliert wurden, die sich und ihre Freunde bedienten.

    Man kann die Ausführungen auch anders ausdrücken: das griechische Volk ist an allem schuld, weil es Parteien wählte, die von korrupten Familienclans kontrolliert wurden, die sich und ihre Freunde bedienten.

  2. Aber bei großen Kreditgeschäften werden natürlich gute Boni gezahlt. Da drückt man schion mal alle Augen zu.

    Das Ergebnis:

    1.)Die Banken erhalten ihre leichtfertig vergebenen Gelder mit Zinsen zurück.

    2.)Das Geld wird von uns Steuerzahlern bezahlt.

    3.)Der allgemeine Wohlstand sinkt deshalb.

    4.)Die Banken schütten Dividenden aus. Der Wohlstand der Aktionäre ist gesichert und steigt sogar noch.

    Sowas ist Umverteilung von unten nach oben.

    Zum Glück für die "oben" ist das Volk dumm und stumm.

    31 Leser-Empfehlungen
  3. > Griechenlands Problem ist nicht etwa ein Mangel an Infrastruktur, sondern Überschuldung und Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. <

    Das sagt: Jürgen Stark, seit 2006 Chefvolkswirt und Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank.

    > Eine traditionelle Klientelpolitik und Korruption beeinflussen in Griechenland die Ausgaben des Staates. Kostas Tsouparopoulos, leitender Wirtschaftsredakteur der Tageszeitung „Elefterotypia“, schätzt, dass Steuerhinterziehung und Schattenwirtschaft bis zu 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen. <

    Und das hat ein Grieche gesagt.

    Seltsam, dass die "Experten" der EZB darüber nichts wissen.

    Quelle: http://www.tagesschau.de/... (nicht mehr online verfügbar)

  4. Vielleicht werden endlich die Hoffnungen, dass die Art und Weise der "Hilfe" für Griechenland funktioniert, mit mehr als "alternativlos" und undefinierten Worthülsen wie Systemrelevanz begründet. Das Desaster ist nicht über uns gekommen, sondern wurde durch Menschen verursacht, die schlicht gegen jede Vernunft argumentiert und gehandelt haben. Es war und ist nie eine gute Idee "gutes Geld schlechtem hinterher zu werfen". Es wird immer bestraft, wenn man versucht fundamentale Wirtschaftsprinzipien auszuhebeln. Niemand ist schlauer als der Markt, schon gar kein Volkswirt und man sollte das Gerede vom "Markt" und "Marktmechanismen" nicht mit Marktwirtschaft verwechseln.

    • joG
    • 29.06.2011 um 11:36 Uhr

    .... Land dazu gezwungen. Diese Schulden müssen bedient werden."

    Das ist beides zweifellos. Im Prinzip.

    Leider ist es auch eine traurig unfertige Beschreibung der Lage, die vom Eigeninteresse der EZB gefärbt scheint.

    Im Vorlauf zur Überschuldung war (oder hätte sein müssen) der EZB, Bafin, den EU Gremien und den Regierungen der Euroländer bekannt, dass die griechische Situation nicht nachhaltig sein konnte, dass beim Eintritt geschwindelt worden war und die staatlichen Systeme der Griechen den Anforderungen der Währungsunion nicht genügen konnten. Gleichzeitig brachen Länder wie Deutschland jährlich den Maastrichter Vertrag und schuf eine Präzedenz des Vertragsbruchs.

    Ob die Institutionen es wollen oder nicht, mit der Macht geht Verantwortlichkeit Hand in Hand. Die Bürger müssen sich auf den Staat verlassen können. Dieser hatte die Unbedenklichkeit der griechischen Aktivitäten durch konkludentes Handeln bestätigt. Zumindest musste der Bürger dies glauben. Wenn die Bürger nun bluten sollen, so muss man verlangen, dass alle Verantwortlichen bis zurück zu Waigel, Stark und Eisener Hans zur finanziellen Mithaftung herangezogen werden.

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    • joG
    • 29.06.2011 um 11:41 Uhr

    Auch dieser zweite Teil der Behauptung ist zweifelhaft, verschleiert die Realität und vertritt einem kurzfristigen Interesse seiner Interessengemeinschaft.

    Die Griechen können nämlich auf absehbare Zeit nicht zahlen. Wie die Deutschen nach WWII sind sie faktisch Bankrott. Damals ermöglichten die USA den Deutschen das Wirtschaftswunder durch Maßnahmen wie den Erlass der Schulden, eine Stundung deutscher Schulden und Entschädigungen durch Länder wie Griechenland und mit asymmetrischen Handelsregeln.

    Wenn nun gerade aus Deutschland Stimmen laut werden, die Härte fordern, denken die Menschen da draußen leicht an Morgentau. Die Deutschen hatten damals wie heute die Griechen "die Schulden aufgenommen, niemand hat das Land dazu gezwungen. Diese Schulden müssen bedient werden."

    • joG
    • 29.06.2011 um 11:41 Uhr

    Auch dieser zweite Teil der Behauptung ist zweifelhaft, verschleiert die Realität und vertritt einem kurzfristigen Interesse seiner Interessengemeinschaft.

    Die Griechen können nämlich auf absehbare Zeit nicht zahlen. Wie die Deutschen nach WWII sind sie faktisch Bankrott. Damals ermöglichten die USA den Deutschen das Wirtschaftswunder durch Maßnahmen wie den Erlass der Schulden, eine Stundung deutscher Schulden und Entschädigungen durch Länder wie Griechenland und mit asymmetrischen Handelsregeln.

    Wenn nun gerade aus Deutschland Stimmen laut werden, die Härte fordern, denken die Menschen da draußen leicht an Morgentau. Die Deutschen hatten damals wie heute die Griechen "die Schulden aufgenommen, niemand hat das Land dazu gezwungen. Diese Schulden müssen bedient werden."

  5. Präzise Fragen und teilweise wolkige Antworten ("Arbeitshypothese"). Die Antworten sind so offensichtlich interessengeleitet, sehr aufschlußreich. Um gottes Willen kein Schuldenschnitt ! Und wenn Griechenland im Chaos versinken sollte ? Na dann lassen wir die Arbeitshypothese halt fallen.

    • joG
    • 29.06.2011 um 11:41 Uhr

    Auch dieser zweite Teil der Behauptung ist zweifelhaft, verschleiert die Realität und vertritt einem kurzfristigen Interesse seiner Interessengemeinschaft.

    Die Griechen können nämlich auf absehbare Zeit nicht zahlen. Wie die Deutschen nach WWII sind sie faktisch Bankrott. Damals ermöglichten die USA den Deutschen das Wirtschaftswunder durch Maßnahmen wie den Erlass der Schulden, eine Stundung deutscher Schulden und Entschädigungen durch Länder wie Griechenland und mit asymmetrischen Handelsregeln.

    Wenn nun gerade aus Deutschland Stimmen laut werden, die Härte fordern, denken die Menschen da draußen leicht an Morgentau. Die Deutschen hatten damals wie heute die Griechen "die Schulden aufgenommen, niemand hat das Land dazu gezwungen. Diese Schulden müssen bedient werden."

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    • cegog
    • 29.06.2011 um 12:53 Uhr

    Anstatt - wie geschehen - Gewinne zu privatisieren und Verlust bzw. Risiken zu sozialisieren - halte ich einen Marshall-Plan für Griechenland für absolut notwendig. Eine solche Anschubfinanzierung hätte aber nur Sinn, wenn erstens auch die Zustände, die Griechenland in die Verschuldung getrieben haben (Korruption, Verschwendung, Steuerhinterziehung), angegangen würden und zweitens man ein Geschäftsmodell für Griechenland entwickelt: Tourismus, Intensivierung/Diversifizierung der Agrarproduktion, evtl. Energiewirtschaft.
    Aber was passiert ? Anstatt schon einmal Einkommens- und Gewerbesteuern einzutreiben, macht man sich die Sache einfach und erhöht die Verbrauchssteuern, die gerade die kleinen Leute hart treffen.

    • cegog
    • 29.06.2011 um 12:53 Uhr

    Anstatt - wie geschehen - Gewinne zu privatisieren und Verlust bzw. Risiken zu sozialisieren - halte ich einen Marshall-Plan für Griechenland für absolut notwendig. Eine solche Anschubfinanzierung hätte aber nur Sinn, wenn erstens auch die Zustände, die Griechenland in die Verschuldung getrieben haben (Korruption, Verschwendung, Steuerhinterziehung), angegangen würden und zweitens man ein Geschäftsmodell für Griechenland entwickelt: Tourismus, Intensivierung/Diversifizierung der Agrarproduktion, evtl. Energiewirtschaft.
    Aber was passiert ? Anstatt schon einmal Einkommens- und Gewerbesteuern einzutreiben, macht man sich die Sache einfach und erhöht die Verbrauchssteuern, die gerade die kleinen Leute hart treffen.

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