ZEIT: Weshalb wäre ein Schuldenschnitt eigentlich so schlimm?

Stark: Wenn es zu einer Restrukturierung der Schulden kommt, würden die griechischen Banken einen Teil oder ihr gesamtes Eigenkapital verlieren, denn sie halten viele griechische Staatsanleihen. Die Folge wäre ein Kollaps der Realwirtschaft, weil nicht mehr genug Kredite vergeben werden könnten. Dann müssten Europas Steuerzahler oder der Währungsfonds die Banken mit frischem Kapital ausstatten. Das könnte dazu führen, dass die Rettung noch teurer wird, als sie es jetzt schon ist. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit würde die Krise auf andere Länder übergreifen. All das muss man mitdenken, und das geschieht in der Öffentlichkeit nur selten.

ZEIT: Nichts schafft doch so viel Unsicherheit, als wenn alle paar Monate gerettet werden muss.

Stark: Ich stimme Ihnen zu. Aber: Der IWF hat mit solchen Programmen Erfahrung aus 60 Jahren. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Maßnahmen zur Bewältigung einer Krise angepasst werden, wenn sich die Bedingungen ändern.

ZEIT: Geben Sie es zu, die Angst vor dem Schuldenschnitt hat auch etwas mit der Europäischen Zentralbank zu tun. Sie hat Staatsanleihen gekauft – obwohl Ihr Exkollege Axel Weber dagegen war und auch Sie damals nicht begeistert klangen. Und sie hat zu viele Papiere griechischer Banken als Sicherheiten akzeptiert. Der Schaden wäre im Falle eines Schnitts groß. Sie sind nicht mehr unabhängig, sondern Partei.

Stark: Wir sind nicht Partei. Richtig ist, wir haben vermehrt Risiken in unsere Bilanz genommen. Dabei ging es dem EZB-Rat aber darum, sicherzustellen, dass die geldpolitischen Impulse in die Wirtschaft übertragen werden. Unser Ziel ist es, für Preisstabilität zu sorgen. Das haben wir in den vergangenen zwölf Jahren geschafft, und wir werden es auch in Zukunft schaffen. Unsere Haltung ist in keiner Weise durch das motiviert, was wir in unserer Bilanz haben.

ZEIT: Die wachsende Zahl Ihrer Kritiker in Deutschland wird das nicht überzeugen.

Stark: Die Kritiker in Deutschland vergessen, dass die Finanzkrise 2007, von den USA ausgehend, in Europa zuerst Deutschland erfasst hatte: Es war eine deutsche Bank, die als Erstes auf dem Kontinent "gerettet" wurde. Das deutsche Bankensystem hat sowohl direkt wie auch indirekt von unseren Liquiditätsmaßnahmen profitiert. Viele von denen, die jetzt die EZB kritisieren, haben die Dimension der Krise nicht durchschaut. Im Übrigen sind die Risiken auf unserer Bilanz beherrschbar.

ZEIT: Sind sie das? Ihr Eigenkapital beläuft sich auf nur elf Milliarden Euro.

Stark: Unsinn, die geldpolitischen Operationen werden von den nationalen Zentralbanken durchgeführt. Das Eigenkapital des Eurosystems beträgt ein Vielfaches des von Ihnen genannten Betrags. Es ist irreführend, die Kapitalposition der EZB isoliert zu betrachten. Hinzu kommt: Wir haben die Staatsanleihen mit Abschlägen gekauft und nicht zu Nominalwerten. Solche Abschläge verlangen wir auch, wenn wir griechische Staatsanleihen als Sicherheiten hereinnehmen. Es ist Vorsorge getroffen worden.

ZEIT: Die Europäische Zentralbank sagt nun, sie würde griechische Anleihen nicht mehr als Sicherheit von Banken akzeptieren, falls das Land von den Rating-Agenturen als zahlungsunfähig eingestuft wird. Damit würde eine Umschuldung für die Griechen noch schwieriger. Warum geben Sie so viel auf das Urteil der Agenturen?

Stark: Unsere Regeln schreiben vor, dass wir nur angemessene Sicherheiten akzeptieren und nur gesunde Banken als Geschäftspartner zulassen dürfen. Die Anleihen eines zahlungsunfähigen Landes sind keine angemessene Sicherheit. Wir würden neue Risiken eingehen. Wollen Sie das?

ZEIT: Es gibt einen Kompromissvorschlag. Die Banken könnten ihre unsicheren Griechenlandpapiere in sichere Anleihen umtauschen, die von den EU-Staaten garantiert werden. Ähnlich den sogenannten Brady-Bonds, mit denen die Schuldenkrise in Lateinamerika bekämpft wurde. Das würde die Banken, allen voran die griechischen, und die Bilanz der Zentralbank schonen.

Stark: Dieses Instrument scheidet aus. Es würde gegen das Nichtbeistandsgebot – die No-Bail-Out-Klausel in Artikel 125 des EU-Vertrags – verstoßen. Die Schulden eines Mitgliedsstaates dürfen nicht von europäischen Institutionen oder anderen Mitgliedsstaaten übernommen werden. Wir haben Regeln in der Währungsunion, und die müssen wir einhalten.

ZEIT: Wir können diese Regeln aber ändern – zum Beispiel durch die Einführung eines Verfahrens für eine geordnete Insolvenz.

Stark: Eine Insolvenzordnung für Staaten führt in die falsche Richtung. Sie brächte erhebliche Fehlanreize mit sich, weil sie dazu führen würde, dass sich Staaten maßlos verschulden und dann den Schnitt machen.

ZEIT: Jetzt ist die Botschaft, dass Staatsanleihen nie ausfallen. Das ist auch ein Fehlanreiz.

Stark: Die Botschaft ist, dass entwickelte Volkswirtschaften ihre Verträge einhalten und ihre Schulden bedienen. Man muss sich auch einmal fragen, welches Bild wir international vermitteln, wenn wir für europäische Staaten, für Mitglieder der Währungsunion, nur noch über Insolvenzordnungen, Schuldenschnitte oder Brady-Bonds reden. Es entsteht der Eindruck, Europa sei die gefährlichste Region der Welt für Investoren. Wenn wir auf diesem Weg weitergehen, wird irgendwann einmal auch die Bonität der stabilen Euro-Länder infrage gestellt werden.