DIE ZEIT: Herr Bundespräsident, ich habe Ihren politischen Werdegang seit meiner Schulzeit verfolgt. Damals waren viele politisch engagiert, aber Sie sind der Einzige, der mit der Politik weitergemacht hat. Warum eigentlich?

Christian Wulff: Mir macht Politik tatsächlich viel mehr Freude, als dass sie Enttäuschungen bereitet. Ich habe mich an den erreichten Erfolgen als Schülersprecher genauso begeistern können wie an denen in der Kommunalpolitik in meiner Heimatstadt Osnabrück oder später in Niedersachsen. Vielfältige menschliche Kontakte und die Erfahrung, dass man etwas erreichen, etwas durchsetzen kann und sehr viel zurückbekommt – all das empfinde ich als Bereicherung, und deswegen habe ich mein politisches Engagement nicht infrage gestellt.

DIE ZEIT: Nie?

Wulff: Es gab eine Ausnahme: Während der Parteispendenaffäre habe ich mich gefragt, ob ich im richtigen Metier, in der richtigen Partei bin, als damals immer mehr Verstrickungen und Rechtswidrigkeiten bekannt wurden. Wenn das beschönigt, als nicht so schwerwiegend oder »kann doch mal vorkommen« verharmlost worden wäre, dann hätte ich nicht weitergemacht. Wo kommen wir hin, wenn die Politik die eigenen Gesetze ignoriert?

DIE ZEIT: Es soll einen zweiten Moment des Selbstzweifels gegeben haben – beim Treffen des »Andenpakts« Pfingsten 2010. Da sollen Sie, so gibt es der Spiegel wieder, gesagt haben: »Entweder es tut sich bald was, oder ich hau in den Sack!«

Wulff: Das kann ich nicht gesagt haben, weil ich so nicht formuliere. Ich habe dort etwas gesagt, was ich heute noch stärker empfinde: dass Parlamente stärker an Entscheidungen teilhaben müssen. Dass heute zu viel in kleinen »Entscheider«-Runden vorgegeben wird, was dann von den Parlamenten abgesegnet werden soll. Darin sehe ich eine Aushöhlung des Parlamentarismus. Damit schwindet die Grundlage für Vertrauen, fehlt die Transparenz und Teilhabe für Bürger und Parlamentarier. Ich erlebe, dass Politikerverdrossenheit heute eine Ausweitung erfährt: nicht mehr nur von Bürgern gegenüber Politikern. Inzwischen sind Politikerinnen und Politiker häufig verdrossen, verdrossen über ihre eigene Tätigkeit und ihre Rolle, die ihnen noch zukommt, verdrossen über ihren schwindenden Einfluss.

DIE ZEIT: Woran merken Sie die Verdrossenheit der Politiker?

Wulff: Sowohl beim Euro als auch bei Fragen der Energiewende wird das Parlament nicht als Herz der Demokratie gestärkt und empfunden. Dort finden die großen Debatten nicht mit ergebnisoffenem Ausgang statt, sondern es wird unter einigen wenigen etwas vereinbart und durch Kommissionen neben dem Parlament vorentschieden.

DIE ZEIT: Gibt es nicht auch Situationen, die so dramatisch sind, dass es vor allem darum geht, schnell zu Entscheidungen zu kommen? Das parlamentarische Verfahren kann lange dauern.

Wulff: Der Bundestag und der Bundesrat haben in der Finanzkrise bewiesen, schnell handlungsfähig zu sein. Zur Demokratie gehört aber grundsätzlich, dass man sich Zeit nimmt – durch eine erste, zweite und dritte Lesung –, einander zuhört, Gegenargumente wägt, klüger wird. Die Schnelligkeit, mit der jetzt Politik – oft ohne Not – bei einigen herausragenden Entscheidungen verläuft, ist beunruhigend. Und sie führt zu Frust bei Bürgern und Politikern sowie zu einer vermeidbaren Missachtung der Institutionen parlamentarischer Demokratie.

DIE ZEIT: Wie kommt unter diesen Vorzeichen die Politik beim Bürger an?

Wulff: Die Politik hat heute kommunikative Mängel. Sie erklärt nicht mehr ausreichend das, was getan werden muss, sie priorisiert nicht mehr die größten Herausforderungen, und sie überfordert uns durch ihr rasantes Tempo. Es ist der unbedingte Wille, unabhängig von der Halbwertszeit politischer Aussagen immer wieder schnell Geschlossenheit herzustellen. Da bleiben viele Engagierte auf der Strecke. Dabei sind die ohnehin stattfindenden Ereignisse schon atemberaubend. Wer, wie im Kinofilm Good Bye, Lenin!, im Februar in den Tiefschlaf gefallen wäre, würde sich die Augen reiben, wenn er im Juni wieder aufgewacht wäre: Karl-Theodor zu Guttenberg nicht mehr Verteidigungsminister, Philipp Rösler Wirtschaftsminister, Guido Westerwelle nicht mehr FDP-Vorsitzender, Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg ein grüner Ministerpräsident; Union und FDP beschließen den Ausstieg aus der Kernenergie – ganz zu schweigen von den Umwälzungen in Nordafrika. Der Politikbetrieb muss aufpassen, dass die Entscheidungen abgewogen getroffen und den Menschen erklärt werden. Er darf nicht in Hektik verfallen. Gut begründet, darf jeder seine Meinung ändern, aber die Herbeiführung der Entscheidung und die Erklärung der Gründe erfordern eine besondere Kraftanstrengung.

DIE ZEIT: Was ist nach Ihrer Erfahrung die realpolitische Begründung dafür, dass parlamentarische Instanzen und Bürger bei wichtigen Projekten weitgehend ignoriert werden?

Wulff: Einiges ist der Komplexität geschuldet, einiges der Internationalität. Kein Land kann heute wichtige Dinge nur national für sich regeln. Entweder wird etwas zusammen mit anderen geregelt, oder es ist gar nicht lösbar. Intergouvermentales Agieren geht zu häufig auf Kosten von Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Es kostet Vertrauen. Deshalb müssen Entscheidungen angemessen kommuniziert und erklärt werden. Sonst gibt es eine Entfernung zwischen denen, die die Verantwortung tragen und den Bürgerinnen und Bürgern, die die Entscheidungen mitzutragen, zu finanzieren haben.