Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

In Berlin formiert sich gerade eine neue politische Bewegung. Auf mehreren Partys wurde bereits darüber gesprochen. Es waren Partys, die hauptsächlich von Wohlhabenden besucht wurden, also Leuten, die in großen Altbauwohnungen leben, Bio essen, Honorarrechnungen ausdrucken und Smartphones benutzen.

Fast alle Berliner Wohlhabenden mussten in letzter Zeit erleben, dass in ihrer Straße ein Auto angezündet wurde . Es ist in Berlin Mode geworden, dass sogenannte Autonome nachts in die Stadtviertel der Bioesser und Smartphone-Benutzer hineingehen und dort mithilfe brennbarer Flüssigkeiten, meistens Grillanzünder, Autos anstecken. Sie wollen damit politisch etwas ausdrücken, sie wollen ihrem Unbehagen über den Reichtum in unserer Gesellschaft Luft machen. Die Polizei kann nicht viel dagegen tun.

»Wir müssen zurückschlagen«, sagte mir ein Betroffener, ein erfolgreicher Kulturmanager. Wer sage denn, dass der Kampf der Armen gegen die Reichen eine Einbahnstraße sein müsse? Ihm sei aufgefallen, dass in seinen Kreisen, unter den wohlhabenden Kreativen, immer weniger Leute einen Fernseher besäßen. Höchstens, dass man noch ein Altgerät hat, das irgendwo versteckt herumsteht und bei wichtigen Fußballspielen oder bei Bundestagswahlen benutzt wird. Alles Übrige regelt man mit dem Laptop. Neue Fernseher kauft sich kein Mensch mehr, der es im tertiären Sektor zu etwas gebracht hat. Wer aber eine Unterschichtwohnung aufsucht, vielleicht, weil der eigene Sohn auf dem Schulweg verprügelt wurde oder weil man eine Rechnung, an der Steuer vorbei, in bar begleichen möchte, der stellt fest, dass dort immer, wirklich immer, ein riesiger und sehr neuer Fernseher steht. Die Unterschicht fährt voll ab auf teure, große Fernseher.

»Wir müssen uns wehren«, sagte also der Kulturmanager. Er würde es gut finden, wenn kleine Gruppen, zwei oder drei Wohlhabende, tertiärer Sektor, nachts maskiert in die Unterschichtwohnungen einsteigen und dort die neuen, teuren Fernseher mit Eisenstangen kaputtschlagen. Wahrscheinlich würde das sogar Spaß machen. Anzünden sei leider zu gefährlich, man wolle ja keine Toten. Er schlage den Wedding vor, der fast ausnahmslos von der Unterschicht besiedelt sei. Im Wedding erwische es immer die Richtigen. Man müsse Farbdosen dabeihaben, und nach vollbrachter Tat müsse man an die Wand eine Parole sprühen, etwa: »Eure Armut kotzt uns an!« Oder: »Nie wieder Bauer sucht Frau!« Danach geht man an den Kühlschrank und killt die gesamten Biervorräte. Eine andere Möglichkeit bestehe darin, mit Zwillen und Eisenkugeln die Satellitenschüsseln abzuschießen, eine Satellitenschüssel gehöre immer der Unterschicht.

Gewiss, die autonomen Autoanzünder seien vermutlich gar keine echten Unterschichtler, sondern Bürgerkinder, zum Teil wenigstens. Aber es gehe nicht um Gerechtigkeit, sondern um Selbstbehauptung. Die Autonomen würden ja auch oft Autos der Marke BMW anzünden, obwohl kein echter Wohlhabender BMW fährt. Wohlhabende fahren Rad. Das B in BMW steht für Bankkredit, das M für Möchtegernreicher, das W für »Will gern Karriere machen«.

Man muss den Wedding, der im Grunde eine schöne Wohngegend mit Potenzial ist, für die Unterschicht zur Hölle machen, sagte der Manager. Dann ziehen die aus. Er übernehme dann sehr gerne eine von deren tollen Altbauwohnungen im Wedding, und die könnten seinetwegen sein Loft in Prenzlauer Berg übernehmen. Prenzlauer Berg ist sowieso viel zu laut und zu voll geworden.

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