Peter Falk 1989 in seiner Paraderolle als Inspektor Columbo © Eve Goldschmid/dpa

Ich erinnere mich an die Nacht, ungefähr in der dritten Drehwoche von Himmel über Berlin, als meine Assistentin Claire Dennis und ich in unserem Berliner Produktionsbüro saßen und uns bewusst wurde, dass wir eine zusätzliche Rolle in den Film einbauen sollten. Es fehlte die Figur eines »ehemaligen Engels«, eines, der unserem Damiel, gespielt von Bruno Ganz, vorausgegangen wäre und der deswegen aus Erfahrung wüsste, wie das ist, wenn ein Engel Mensch werden will...

Claire und ich kamen zu der Erkenntnis, durch eine, wie uns schien, logische Kette von Gedanken und Schlussfolgerungen, dass es auf der Welt dafür nur einen Schauspieler gäbe: Peter Falk! War es sinnlos, auch nur im Entferntesten hoffen zu dürfen, Peter Falk für einen Film zu gewinnen, der schon mitten in den Dreharbeiten steckte, für eine Rolle, die nicht geschrieben war und die sich der Regisseur gerade aus den Fingern gesogen hatte, sozusagen über Nacht?

Es war tatsächlich weit nach Mitternacht, aber das hieß, dass man in Los Angeles noch anrufen konnte. Ich hatte die Nummer von John Cassavetes! (Wir hatten uns ein paarmal getroffen und kannten uns ein wenig.) Der ging auch tatsächlich selbst an den Apparat. Ich schilderte ihm meine Situation. Er lachte. Ob er mir helfen könnte, Peter Falk zu kontaktieren? »Sure, I give you his number. You have a pen?« Völlig verblüfft, wie einfach das ging, habe ich mir die Nummer aufgeschrieben.

Dann der zweite Anruf. Claire saß da und drückte die Daumen. Eine Stimme antwortete, schon nach dem zweiten Klingelton (ich war noch dabei, mir auszudenken, was ich sagen wollte...). Und diese Stimme war so bekannt und altvertraut wie kaum eine andere: »Yeah? Who is this?« Columbo, mit diesem grummeligen Raunzen!

Ja, und dann habe ich tief Luft geholt, mich vorgestellt, gesagt, woher ich die Nummer hatte, und meine Geschichte noch einmal erzählt, in Kurzform: Ich suchte einen Schauspieler für die Rolle eines ehemaligen Engels, für einen Film, der schon in den Dreharbeiten steckte.

»You’re looking for what?«

»An ex-angel...«

Peter Falk kicherte, dann lachte er und wollte mit dem Lachen nicht mehr aufhören. »An ex-angel?! And you’re already shooting?« Mein Herz sank in die Hose. Das war wohl nicht gut angekommen...

Schließlich hörte er auf zu lachen und fragte, plötzlich ganz sachlich: »And you have no script?«»No...«»Come to think of it: I did some of my best work this way... (Pause). When do you need me?«»As soon as possible.«»I could be there on the weekend. Call my assistant in the morning. Here’s her number.«

Claire schaute mich mit großen Augen an, als ich auflegte. »Er macht mit!«, sagte ich.

Freudiges Wiedersehen: Wim Wenders und Peter Falk 2001 bei einem Treffen von Filmemachern in West Hollywood. © Kevin Winter/Getty Images

Kaum ein Dreh hat je so viel Spaß gemacht wie der mit Peter Falk.

Natürlich kannte ihn jedermann. Kaum stand man mit ihm auf der Straße, kamen die Leute von überall her an. Die Pizzabäcker stürmten aus ihren Pizzerien, mit Mehl an den Händen! Die Busse hielten an! Alte Damen kamen bei Rot über die Ampeln gelaufen!

Ich habe noch nie jemanden so großzügig und so freundlich mit seinem Ruhm umgehen sehen. Peter Falk hat jedem die Hände geschüttelt, jeden angelacht, jedem ein Autogramm gegeben, sich von jedem den Namen buchstabieren lassen, sich mit jedem fotografieren lassen. Ohne Ausnahme! Jeder ging mit guter Laune davon: »Ich habe Columbo getroffen!«

Wir hatten wirklich einen ehemaligen Engel gefunden!

Peter liebte Berlin (er hat dann auch sofort wieder mitgemacht, als wir nach dem Fall der Mauer die Fortsetzung der Geschichte drehten, In weiter Ferne, so nah! ). Die einzige Schwierigkeit war sein mangelnder Ortssinn. Er wollte in jeder Drehpause »spazieren gehen« – ein Wort, das er von seiner Großmutter kannte –, und dann fand er nicht an den Drehort zurück. Einmal mussten wir ihn mit der Polizei suchen. (Als sie ihn dann gefunden hatten und zurückbrachten, kannte Peter jeden der Beamten mit Vornamen...)

Als wir Monate später in Los Angeles seine innere Stimme aufgenommen haben (die ja von den Engeln in Berlin gehört werden konnte), hatte ich ihm unter anderem einen Satz aufgeschrieben, in Erinnerung an sein »Spazierengehen«: »If Grandma was here, she’d say: spazieren... go spazieren!«

Peter guckte auf das Papier, und dann lachte er los, wie bei unserem ersten Gespräch. »An ex-angel doesn’t have a grandmother, Wim!«

Natürlich blieb der Satz dann drin. Für alle, denen es auffallen könnte und die sich mit Engeln auskennen...

Wim Wenders,
an einem traurigen Tag in Berlin