Ausstellung in NaumburgTrès deutsch

Eine Ausstellung in Naumburg feiert einen der größten Bildhauer und Baumeister des deutschen Mittelalters. Doch Patrioten seien gewarnt. von Sven Behrisch

Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass der Künstler, der die wachen, aber melancholischen, stolzen, aber seltsam geduckten, lebhaften, doch nicht unbedingt eleganten Stifterfiguren im Dom zu Naumburg schuf, ein Deutscher gewesen war. Selbst Émile Mâle, dem großen französischen Mediävisten, der Deutschlandliebe unverdächtig, erschienen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Hauptwerke des Naumburger Meisters fraglos teutonisch zu sein. Derart überzeugt vom Unfranzösischen der Skulpturen war er, dass er sich in einem kunsthistorischen Wutausbruch empörte, wie es ein Deutscher nur wagen könne, die französische Skulptur der Hochgotik nicht einfach zu kopieren (was in Ordnung gegangen wäre), sondern sie zu etwas ganz Neuem, unerhört Schönem weiterzuentwickeln.

Die Erkenntnis, dass dieser Naumburger Meister, der genialste Bildhauer des Mittelalters auf deutschem Gebiet, höchstwahrscheinlich Franzose war, ist die eigentliche Sensation der Landesausstellung von Sachsen-Anhalt, die in dieser Woche beginnt. Für Generationen von Kulturpatrioten hätte sie gewirkt wie die Behauptung, dass Albrecht Dürer Niederländer oder Caspar David Friedrich ein Däne sei – unglaublich.

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In der nationalen Kulturgeschichte des Mittelalters, die sich über weite Strecken als trotzige Unabhängigkeitserklärung von der französischen Kulturhegemonie liest, sollte vor allem die Figur der Uta von Naumburg als Nachweis eines genuin deutschen Ausdrucks herhalten. Musste man die Gotik, den vermeintlich »deutschen Stil« , bereits zähneknirschend den Franzosen zugestehen, fand man in Naumburg ein neues Alleinstellungsmerkmal. Dieses sah man in stilistischer Hinsicht in der außergewöhnlichen Präsenz und Bewegtheit der stehenden Figur, aber auch in ihrer Haltung und Mimik, wodurch sie nicht erst unter den Nationalsozialisten zu einem deutschen Frauenideal wurde.

Die Naumburger Ausstellung erzählt mit großem Aufwand von der künstlerischen Entwicklung des Meisters. Allerdings gibt es über dessen Lebensdaten, die Zahl seiner Arbeiten, ja selbst seinen Namen nicht mehr als Gerüchte. Um den Spuren folgen zu können, hat man an den über die Stadt verteilten Ausstellungsorten eine beeindruckende Menge an Bauskulpturen aus Frankreich, aber auch Mainz, Magdeburg oder Meißen zusammengetragen – von Orten, an denen der Meister vermutlich wirkte, deren Kunstwerke er jedenfalls gekannt haben muss. Was leider fehlt sind einige noch ältere Beispiele aus dem 12. Jahrhundert. Denn erst anhand dieser hätten alle deutlich sehen können, was für eine Revolution sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Norden Frankreichs ereignete.

Die Figuren, wie in der Heimsuchungsszene am Portal der Reimser Westfassade, treten aus ihren Nischen heraus, sie werden lebendig und von Götzen zu Menschen, als wären sie wach geküsst. Sie blicken einander an, halten sich fest, scheinen sich etwas zuzurufen. Sie blicken auch den Betrachter an wie die Skulptur der Eva, die so bedrohlich nach unten schaut, dass jeder befürchten muss, die Schlange in ihren Händen sogleich um den Hals geworfen zu bekommen. Und erst die Gesichter – es sind nicht die von Heiligen, sondern von Ängstlichen, Glücklichen, Stolzen, Wütenden und Trunkenen.

Nicht mehr der Triumph der Heiligen über den Tod ist hier Thema, sondern der erfolgreiche Kampf gegen Sünde und Tod, der Menschen zu Heiligen machte. Nicht Anbetung wird vom Kirchgänger verlangt, sondern Anteilnahme und Nachahmung der christlichen Heroen. Das sichtbare Leiden Jesu soll berühren, soll Beispiel und Mahnung sein für das eigene Handeln.

Die realistische Wende der Kunst zeigt sich auch in der Darstellung der organischen Natur. Die Blätter, Früchte und Tiere, die um die Kapitelle kriechen, sind minutiös von der Natur abgeschaut. Aus Baufragmenten von Reims bis zu Beispielen aus der Ritterburg Crac des Chevaliers im heutigen Syrien sprießen geäderte Knospen und Hahnenfußblätter, so zart, man möchte sie pflücken.

Leserkommentare
  1. Das Gesicht, wohl besser: das Antlitz der Uta stellt wohl alles in den Schatten, was die Porträtkunst in Jahrhunderten geschaffen hat.
    Habe ich das geträumt oder hat wirklich ein kluger Mensch gesagt, Uta sei die „Frau aller Zeiten“? War’s Sandor Marai oder Reinhold Schneider? Ich kriegs nicht gegoogelt.
    Und was für eine wunderbare Ausstellung! Mal was zum Freuen.

    2 Leserempfehlungen
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    Moin,

    zumindest soll Umberto Eco gesagt haben, dass sie von allen portraitierten Frauen die wäre, mit der er am liebsten Essen gehen und einen Abend verbringen würde (http://tinyurl.com/682nopp).

    CU

  2. Sehr geehrte Frau von Ballenstedt,

    bitte nehmen Sie mir die Störung Ihrer Ruhe nicht übel. Aber Heute wird wieder einmal eifrig erörtert, ob ihre berückende Abbildung als Statue im Naumburger Dom von einem deutschen oder einem französischen Handwerker erschaffen wurde.
    In Ihrer Zeit erachteten es Steinmetze als selbstverständlich, sich auf der Wanderschaft über große Entfernungen neue Kentnisse zu eigen zu machen. Es konnte durchaus sein, dass auch einer Ihrer treuen Untertanen bis in die westlichsten Teile des Reiches wanderte um dort die revolutionäre gotische Kunst der Welschen zu besuchen und zu studieren. Oder ein Welscher kam aus Abenteuerlust oder auch auf Wanderschaft von Noyon nach Naumburg und erhielt den Auftrag, die Stifterfiguren in natürlicher Manier, ohne die etwas altmodische Starrheit der Romanik in Stein zu schneiden.
    Ist es Ihnen da wichtig, wo die Wiege dessen stand der dieses einzigartige Kunstwerk schuf? Oder würden Sie nicht eher das Werk angemessen würdigen?

    Ergebenst,

    Vorticon

    2 Leserempfehlungen
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    • postit
    • 02. September 2012 21:15 Uhr

    wer nur zu Hauae war, kennt auch das nicht richtig.

    Schönen Abend
    postit

  3. Moin,

    zumindest soll Umberto Eco gesagt haben, dass sie von allen portraitierten Frauen die wäre, mit der er am liebsten Essen gehen und einen Abend verbringen würde (http://tinyurl.com/682nopp).

    CU

    • postit
    • 02. September 2012 21:15 Uhr

    wer nur zu Hauae war, kennt auch das nicht richtig.

    Schönen Abend
    postit

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