Susan war 11, als sie es nicht mehr aushielt, immer nur allein gegen andere zu kämpfen. "Kämpf mit uns", sagten die Leute von der Gang. Frank war 17, als er mit einem Hakenkreuz am Hals die Skaterjungs gegen die Schwarzen verteidigte. "Kommt mit mir", lud er sie ein. Aicha wusste, dass sie ihren Sohn verloren hatte, als sie ihn im Gefängnis besuchte, und er "nieder mit Amerika" sagte, nachdem er die Anschläge vom 11. September mit organisiert hatte.

Dies sind nur drei von vielen Geschichten, die vergangene Woche in Dublin erzählt wurden, bei einer Konferenz gegen Radikalisierung , die besonders war aus zwei Gründen: Erstens brachte sie zum ersten Mal mehr als 80 Ex-Gangmitglieder, Ex-Neonazis und die Überlebenden von Anschlägen zusammen. Und zweitens wurde sie nicht von einer Regierung oder einer Hilfsorganisation einberufen – sondern von Google . Warum? Das konnte keiner so genau erklären.

Es ist Montag, als Eric Schmidt diese seltsamen Worte zur Begrüßung sagt: "Ich weiß von allen in diesem Raum am wenigsten." Das muss Koketterie sein, denn Schmidt ist Chef des Unternehmens, das im Zweifel über alles am meisten weiß oder herausfinden kann. Im Konferenzraum vor ihm sitzen über 200 Menschen an weiß gedeckten Tischen, darunter Susan, Frank und Aicha. Viele im Publikum sind tätowiert, alle sind gebrandmarkt von ihrer Vergangenheit. Einst glaubten sie, dass die "weiße Rasse" überlegen sei oder der Islamismus oder ein bestimmter Bezirk in Los Angeles. Nun erzählen sie davon mit der Erleichterung derer, die gerade erfahren, dass andere auch Fehler machen.

"Es fällt mir schwer, mich mit einigen dieser Geschichten zu identifizieren", sagt Schmidt. Er wirkt wie ein Fremder auf seiner eigenen Veranstaltung. Der Google-Gipfel ist ein Clash der Kulturen.

Organisiert hat ihn ein 29-Jähriger, der zwei Außenministerinnen beraten hat und so schnell spricht, wie er Karriere gemacht hat: Jared Cohen . Ein junger Mann, der getrieben ist von der Mission, die Welt der Jungen transparent zu machen. Der als Student durch Iran, Irak und Syrien reiste und dann beschrieb, dass die muslimischen Jugendlichen, auch die radikalen, fast so westlich seien wie amerikanische Teenager, dank Internet und McDonald’s. Cohen heuerte im Herbst bei Google als Leiter des neuen Thinktanks Google Ideas an; seine erste Amtshandlung war die Organisation dieses Gipfels. Er will verlinken, was eigentlich nicht zusammenpasst: Ex-Neonazis und Ex-Dschihadisten. Politik und Google.

"Ein Netzwerk" wolle er mit der Konferenz schaffen, sagte Jared Cohen am ersten Tag, ein Netzwerk der geheilten und geläuterten Ex-Terroristen. "Ihre Botschaften müssen verstärkt werden", sagt Cohen, und zwar durch Technologie. Google will auf seiner Plattform YouTube einen Videokanal für die Geschichten der Ehemaligen einrichten und eine Website für alle hier Versammelten. Stipendien werden vergeben.

Ist das die neue Google-Politik: Themen und Menschen zu verknüpfen, zu finanzieren und ihre Botschaften zu verbreiten – also die Logik des Internets anzuwenden auf die echte Welt? Google digitalisiert Bibliotheken , schickt Experten ins Berliner Regierungsviertel, sammelt Satellitenbilder von Regenwäldern, die abgeholzt werden. "Wir wollen die Welt verbessern", sagt Google über Google. Wenn sich nebenher das eigene Image mit verbessert, wem schadet es? Im Übrigen bleiben die Motive des Techno-Idealismus unklar. Vielleicht hilft googeln.

Und was sind also die wichtigsten Schlüsse oder auch: die wichtigsten Suchbegriffe der Konferenz? Identität und Ideologie. Identität, weil der Mangel daran viele in die Gemeinschaft von extremistischen Gruppen trieb. Ideologie, weil sie ihren Leben Bedeutung verlieh. Den Ausstieg schafften die meisten dank ihrer Familie oder ihrer Religion.

Im Grunde, sagte die Teilnehmerin Susan Cruz, die als Elfjährige einer Gang in L.A. beitrat, geht es um zwei Fragen: "Wann habe ich meine Menschlichkeit verloren? Und wie konnte ich sie wiedererlangen?"

Demnächst auf YouTube.