Es mag ja alles stimmen: dass das Schreiben mit Druckbuchstaben leichter fällt, gerade den Schülern, die sich generell mit dem Füller schwertun. Dass die Schreibschrift tatsächlich veraltet ist , weil Lesen und Schreiben lernen heute im Gegensatz zu früher als didaktische Einheit betrachtet werden. Dass die Schüler am Ende ohnehin alle unterschiedlich schreiben, so, wie es ihnen eben passt – oder sowieso am Computer.

Wenn jetzt – wenige Tage vor den heiß ersehnten Sommerferien – trotzdem eine wilde Debatte über die »richtige« Art des Schreibenlernens entbrennt (weil die Schreibschrift an Hamburger Schulen nicht mehr verbindlich sein soll und auch in anderen Bundesländern mit Druckschrift experimentiert wird), dann geht es wahrscheinlich um etwas ganz anderes: um das Gefühl vieler Eltern (und mancher tapferer Pädagogen), Schulpolitiker wollten die Schulen und die Schüler einfach niemals zur Ruhe kommen lassen. All die Empirie, all die Studien der Bildungstechnokraten, all ihre Zahlen und Daten und Leistungsvergleiche mögen noch so richtig sein – allein, es fällt immer schwerer, an ihre Aussagekraft zu glauben und aus ihnen konkrete Handlungsanweisungen abzuleiten.

Es gibt kaum einen anderen gesellschaftlichen Bereich in Deutschland, der sich dermaßen im Dauerstress befindet wie der Schulsektor : Gesamtschule oder dreigliedriges System? Regionalschule, Stadtteilschule, Oberschule? Vier oder sechs Jahre Grundschule? G8, G9 , Frontalunterricht oder Gruppenarbeit, Klassenarbeiten oder Projekte, Noten oder keine? Ganztagsschule, aber wie ? Lesen lernen nach Methode X oder nach Methode Y? Ach ja, und eine Rechtschreibreform gab es doch auch noch.

Ähnlich ist fast allen diesen Bestrebungen, dass sie erstens versprechen, ganz besonders den benachteiligten Schülern das Lernen zu erleichtern, und dass sie zweitens immer mit geradezu revolutionären Hoffnungen verbunden werden. Den Betrachter beschleicht das Gefühl, dass sich – neben allen nötigen, wohlüberlegten, wissenschaftlich begründeten Neuerungen – durch die Dauerreform auch (oder vielleicht sogar vor allem) ein Betätigungsfeld für Kultusbürokraten auftut, die den unerfreulichen Schützengraben »Unterricht« längst verlassen haben. Die sich in die Ministerien gerettet haben und nun ganz besonders nachdrücklich nach einer Existenzberechtigung suchen.

Vermutlich ist es in diesem Zusammenhang auch eher schädlich, dass Bildungspolitik zu den wenigen Feldern gehört, die die Bundesländer noch selbst gestalten können – das wollen die Landesregierungen dann auch bitte schön ausnutzen! Selbst wenn sich bei Landtagswahlen immer häufiger zeigt, dass viele Wähler über kaum etwas so unzufrieden sind wie über die permanente Laborsituation, der ihre Kinder ausgesetzt sind.

Wenn alle schulpolitischen Innovationen wirklich so viel Gewinn brächten, wie jeweils verheißen wird, dann müsste das deutsche Schulsystem ( leichte Zugewinne bei Pisa hin oder her) dramatisch viel besser sein, als es ist: gerade, was seine schwächsten Teilnehmer betrifft. Doch der Anteil der Schulabbrecher, die in der Wissensgesellschaft absehbar scheitern werden, liegt kontinuierlich bei fast zehn Prozent. Ein Skandal und eine Katastrophe für eins der reichsten Länder der Welt, dessen Bevölkerung rapide altert und das alle seine jungen Leute braucht – gut ausgebildet. Und es ist ein wenig lächerlich anzunehmen, dass nach allem, was bereits erfolglos versucht wurde, nun ausgerechnet mit der Schreibschrift jener Übeltäter identifiziert ist, der bisher den Bildungsfortschritt in Deutschland hemmte.

Der aktuelle Streit könnte in Wahrheit Ausdruck des sich ausbreitenden Verdachts sein, dass die immerwährende Reform im Bildungswesen die Nerven aller Beteiligten enorm strapaziert – ohne dass die Schwächsten wirklich profitieren.

Vielleicht würden gerade ihnen mehr Ruhe und Verlässlichkeit guttun. Vielleicht brauchen sogar gerade sie etwas so Altmodisches, Langsames wie die Schreibschrift. Eine Fertigkeit, die sich mit Fleiß und Beharrlichkeit erringen lässt; die keine intellektuellen Anforderungen stellt und doch, wenn man sie meistert, das Selbstbild, die eigene Haltung verändert. Vielleicht sollten die nächsten zwanzig Jahre der deutschen Bildungsdebatte weniger um Struktur- und Methodenreformen kreisen als um die Frage, wie man die besten, motiviertesten, glücklichsten Lehrer gewinnt. Denn am Ende geht es natürlich nicht darum, ob jemand Schreibschrift kann – sondern Lesen. Und Schreiben.