Die Anglo-Welt unterscheidet zwischen angst, einem Lehnwort, und fear. "Furcht" ist demnach eine Reaktion auf Konkretes, angst ein existenzieller Seelenzustand, der keinen Auslöser braucht – wie in Angst essen Seele auf, dem Fassbinder-Film von 1974. Dazu hat die Kollegin vom Tagesspiegel, Christine Lemke-Matwey, eine hübsche Geschichte aus der Musikwelt ausgegraben.

Sie handelt von der Bayerischen Staatsoper, die im Herbst vier Wochen lang in Tokyo gastieren soll, doch 40 Mitglieder wollen aus "Gesundheitsgründen" – sprich: Strahlungsangst – nicht mitfahren. Ähnliche Sorgen gibt es in anderen Orchestern. Nun haben die gründlichen Deutschen in Gestalt des TÜV Rheinland schon nachgemessen, und siehe da, der Auslöser ist keiner. Die Strahlenbelastung im Großraum Tokyo liegt zwischen 0,08 und 0,2 Mikrosievert pro Stunde. Das Mittel in Deutschland liegt zwischen 0,05 und 0,18, unmerklich höher. Die Strahlung im Süden übertrifft übrigens die im Norden, die in München liegt höher als im Umland. Eigentlich müsste die Staatsoper nach Flensburg auswandern.

Dazu bemerkt Intendant Nikolaus Bachler: "Das ist keine Frage der Fakten, sondern eine der Ängste." Deshalb fügt er hinzu: "Wenn jemand seine Angst nicht überwinden kann, muss man das akzeptieren. Zwang hilft nicht." So ist es. "Hab doch keine Angst" ist gemäß dem Psychoanalytiker Paul Watzlawick eine "paradoxe Aufforderung", die nicht funktionieren kann. Denn sie setzt als Lösung voraus, was das Problem ist: die Willensfreiheit, die von der Angst erstickt wird.

Deshalb die Faktenresistenz (siehe oben) oder die Faktenselektion, die nur durchlässt, was die Angst oder den Glauben bestätigt. Aber die Geschichte geht weiter. Denn wir beobachten – im tiefsten Frieden und höchsten Wohlleben – einen " Strukturwandel der Angst " (darüber müsste Habermas auch ein Buch schreiben). Früher war Angst ein moralisch bedenklicher Zustand; wir sprachen gern von "Angsthasen" oder "Memmen". Heute loben wir statt Mut und Selbstüberwindung lieber Empfindsamkeit und Ich-Bezug – eine Umwertung der Werte.

Es verkehrt sich auch die moralische Beweislast. Angst zeugt nicht von fehlender Tugend oder Vernunft, sondern, im Gegenteil, von großer Klugheit und richtiger Haltung. Wer trotzdem nach Tokyo fliegt, muss tumb oder unsensibel sein. Wer Messdaten ins Feld führt (oder über die Risiken verschiedener Energieformen räsoniert), muss ipso facto seelisch abgestumpft und moralisch zurückgeblieben sein. "Ich habe Angst" wird zum Ausweis sittlicher Überlegenheit. Warum dann noch debattieren?

Aber noch ist der Strukturwandel nicht total. Die Berliner Philharmoniker wollen trotzdem nach Tokyo reisen: "Das Publikum in Japan erwartet zu Recht gerade jetzt, dass wir dort auftreten." In München erklärt Bachler: "Wir können doch nicht die Ersten sein, die sagen, dieses Land gibt es für uns nicht mehr." Die Solidarität hat also ebenfalls moralischen Wert. Sind hier Helden oder Toren am Werk? Weder noch, sondern Menschen, die nach etwas Nachdenken erkannt haben, dass das Risiko in Tokyo dem von München und Berlin entspricht. Vernunft im Kammerton A.