Der Prozess der europäischen Einigung hatte nach dem Zweiten Weltkrieg eine klare Begründung: »Nie wieder!« Ging es doch darum, wie aus Feinden Nachbarn werden. Weil dieses Wunder gelang, mobilisiert das Friedensprojekt nicht mehr ohne Weiteres. Daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen: Das Projekt der europäischen Einigung bedarf dringend einer zusätzlichen Begründung! Dazu drei Thesen.

These 1: Die Neubegründung der EU eilt, weil sich drei selbstzerstörerische Prozesse in Europa überlagern und wechselseitig verstärken – »Ausländerfeindlichkeit«, »Islamfeindlichkeit« und »Europafeindlichkeit«. Den Kritikern »des« Islam, der angeblich die westlichen Werte der Freiheit missbraucht, gelang es, Ausländerfeindlichkeit und Aufklärung zu verbinden. Plötzlich konnte man sogar im Namen der Aufklärung gegen Einwanderer sein.

Im Zusammenhang mit den Rettungsschirmen für die südeuropäischen Länder hat sich eine neuartige, nationalistische Ressentiments aufheizende Verteilungs- und Konfliktlogik entwickelt. Die Geberländer müssen nach innen Sparprogramme durchsetzen und ziehen deswegen die politischen Daumenschrauben bei den Griechen bis über die Schmerzgrenze hinweg an. Die Griechen wiederum sehen sich dem »Diktat der EU« unterworfen, das ihre nationale Unabhängigkeit und Würde verletzt. Beides schürt Hass auf Europa.

Hier wie dort wird – um Hans Magnus Enzensbergers Wort vom »sanften Monster Brüssel« aufzugreifen – die Europafeindlichkeit befeuert. (Warum nehmen wir eigentlich Unwahrheiten über Europa mittlerweile widerstandslos hin? Die EU-Verwaltung hat bekanntlich weniger Beamte als die Stadt Köln!) Dahinter steht unausgesprochen die Überzeugung: Wir schaffen das auch allein. »Wir«, das sind wir Deutschen, wir Franzosen, ja vielleicht sogar wir Luxemburger.

Das ist die nationale Lebenslüge, das ist die neue deutsche Ohnemichelei. Hans Magnus Ohnemichel ist nur einer von vielen. Ganz allgemein redet man über Europa, als wäre Deutschland völlig eigenständig. Die Gegenfrage gehört endlich auf den Tisch: Man stelle sich vor, die EU würde tatsächlich zerfallen. Welche Kosten würde es verursachen, die europäische Währung wieder durch zwölf nationale Währungen zu ersetzen, wieder alle nationalen Grenzen zu kontrollieren und nationale Zölle einzuführen, europäische Regulierungen wieder durch 27 nationale zu ersetzen? Ganz davon abgesehen, dass sich nationale Politik zu globalen Verwicklungen wie dem Klimawandel oder der Finanzkrise wie die Fahrradklingel und -bremse am Interkontinentalflugzeug ausnimmt.

These 2: Europa krankt weder an der Euro-Krise noch an der fehlenden Bereitschaft, die politische Union auszubauen (zum Beispiel durch eine europäische Wirtschaftsregierung ), noch an dem Mangel einer europäischen Bürgerbewegung. Das sind die Symptome. Das Grundproblem ist ein ganz anderes: Europa krankt an einem Selbstmissverständnis. Genau das großartige Ziel der »Vereinigten Staaten von Europa« – so wie es bislang verstanden wird – macht Europa und seine Mitgliedsländer hinter der Fassade gemeinschaftlichen Handelns letztlich zu Erzrivalen, die wechselseitig ihre Existenz infrage stellen. Solange es heißt »Entweder Europa oder die Nationalstaaten« und ein Drittes ausgeschlossen bleibt, werden dort, wo von »Europa« die Rede ist, Ängste geweckt. Muss in dieser Wahrnehmung doch die Existenz der Nationalstaaten stets gegen Europa verteidigt werden. So wird europäische Integration zu einem teuflischen Nullsummenspiel, bei dem am Ende beide – Europa und seine Mitgliedsländer – verlieren.

These 3: Das »ausgeschlossene Dritte« ist ein kosmopolitisches Europa und ein kosmopolitisches Deutschland. In diesem Sinne gilt es, zwischen Nation und Nationalismus klar zu unterscheiden und die Nation nicht den Nationalisten zu überlassen. Wer angesichts eines schleichenden Zerfalls der EU ein »Zurück zur Nation« fordert, wer also die deutsche Ohnemichelei predigt, handelt naiv und unpatriotisch; naiv, denn er verschweigt die unermesslichen Kosten einer Auflösung der EU; unpatriotisch, denn er gefährdet Deutschland. Wer dagegenhält: Deutschlands Zukunft ist kosmopolitisch, bereichert Deutschland und Europa.