Erster Weltkrieg Der Panthersprung nach Agadir

Mit dem deutschen Marineabenteuer vor Marokkos Küste begann am 1. Juli 1911 der Weg in den Ersten Weltkrieg.

In der Nacht zum 5. Juli 1911 taucht vor dem Hafen von Agadir nach dem deutschen Kanonenboot "Panther" auch der Kreuzer "Berlin" auf.

In der Nacht zum 5. Juli 1911 taucht vor dem Hafen von Agadir nach dem deutschen Kanonenboot "Panther" auch der Kreuzer "Berlin" auf.

Innerhalb weniger Wochen hat der Arabische Frühling die Welt rund um das Mittelmeer verändert. In Tunis und Kairo wurden die Regime hinweggefegt, in Libyen und im Jemen scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, und in Syrien wächst der Druck; selbst die vergleichsweise liberalen Monarchien in Marokko und Jordanien sehen sich zu demokratischen Zugeständnissen genötigt. Seitdem verfolgt die ganze Welt die Ereignisse mit großer Aufmerksamkeit, mittlerweile auch mit Sorge, denn noch ist offen, wie das Ringen um die neue Freiheit ausgehen wird.

Da will es ein bizarrer historischer Zufall, dass vor genau 100 Jahren die Regierenden und Wirtschaftskreise der europäischen Mächte schon einmal gebannt auf Nordafrika blickten. Allerdings aus ganz anderem Anlass. Denn damals, in der Endphase der Kolonisierung, ging es um die Verteilung des in Auflösung begriffenen Osmanischen Reiches. Algerien war lang schon in der Hand Frankreichs, 1881 wurde auch Tunesien französisches Protektorat; Ägypten stand unter britischer Kontrolle, und Libyen beanspruchten seit 1911 die Italiener für sich.

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Unabhängig geblieben – weder Istanbul tributpflichtig, noch Europa unterworfen – war allein das Sultanat Marokko. Doch seit der Kolonisierung Algeriens durch Frankreich geriet auch Marokko unter Druck. Gegen Ende des Jahrhunderts begann dort ein erbitterter Kampf zwischen deutschen und französischen Rüstungskonzernen. Beide wollten sich die reichen Erzvorkommen des Landes und den profitablen Waffenhandel sichern. Dabei war es den Franzosen gelungen, sich durch ein geheimes Abkommen mit den Briten im Jahr 1904 und durch die Beschlüsse der Konferenz von Algeciras 1906 entscheidende Vorteile gegenüber ihren deutschen Konkurrenten zu verschaffen. Im Mai 1911 besetzten französische Truppen die marokkanische Hauptstadt Fez. Es sah ganz so aus, als würde das Reich bei der Aufteilung der Reichtümer des Sultanats leer ausgehen.

Da tauchte am 1. Juli 1911 vor dem Hafen Agadir urplötzlich das deutsche Kanonenboot Panther auf. Agadir war ein verschlafenes Städtchen an der Atlantikküste, außerhalb Marokkos kaum bekannt. Einige Tage nach dem Panther, in der Nacht zum 5. Juli, erschien dort ein weiteres deutsches Schiff: der Kreuzer Berlin. Von diesem Zeitpunkt an lag monatelang mindestens ein deutsches Kriegsschiff vor Agadir.

Gerd Fesser

Der Autor ist Historiker und lebt in Apolda bei Weimar.

Just am 1. Juli übergaben deutsche Diplomaten in Paris, London und anderen Hauptstädten eine gleichlautende Note, ein »Aidemémoire«. Darin hieß es, deutsche Firmen in Agadir und Umgebung seien durch Volksaufstände beunruhigt und hätten deshalb die Reichsregierung um Schutz gebeten. Die Note, das erkannte man in Paris und London sogleich, wies einen argen Schönheitsfehler auf: In und um Agadir gab es überhaupt keine deutschen Firmen. Agadir war nämlich ein sogenannter »geschlossener« Hafen, das heißt, jeglicher Handel sowie der Kauf und Verkauf von Grundstücken dort waren Ausländern verboten.

Die deutsche Seite hatte sich jedoch bemüht, dieses Manko zu beseitigen. Im Auftrag des Auswärtigen Amtes beschaffte ein gewisser Wilhelm Regendanz, Geschäftsführer der Hamburg-Marokko-Gesellschaft blanko (!) die Unterschriften einiger Hamburger Bankiers und Kaufleute. Im Auswärtigen Amt formulierte man einen »Hilferuf« deutscher Firmen, die im Marokkogeschäft tätig waren, und versah ihn mit den zuvor eingesammelten Unterschriften. Es wurde auch ein leibhaftiger »bedrohter« Deutscher präsentiert. Der Bergbauassessor Hermann Wilberg reiste im Auftrag des Auswärtigen Amtes von Mogador nach Agadir, wo er allerdings erst am 4. Juli eintraf.

Leser-Kommentare
  1. war die Folge des zweiten, frechen Ultimatums Frankreichs an Preußen.
    Frankreich das gewohnt war sich in die Angelegenheiten der dt. Kleinstaaten einzumischen suchte einen Kriegsgrund um ein einiges Dtl zu verhindern.

    Der Auslöser des 1. WK war die Ermorderung des öst. Thronfolgers (also mehr als eine Briefantwort wie die Emser Depesche). Ermordet wurde er durch serbische Nationalisten die finanziell und waffentechnisch von Rußland unterstützt wurden.
    Selbst dann wäre es jederzeit möglich gewesen einen WK zu verhindern wenn es nur GB, F, Russland, Öst.-Ungarn oder D gewollt hätte.

    Wie es tatsächlich zum Ausbruch des 1. WK kam wird sehr gut in Ken Follets Buch "Sturz der Titanen" beschrieben und sicher nicht mit der Theorie Barracloughs die Gerd Fessner hier beschreibt.

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    Sie erfolgte tatsächlich auf neue französische Forderungen, nachdem Preußen bereits in allem nachgegeben hatte, was ursprünglich streitig war. Wenn Bismarck wirklich den Krieg gewollt hätte, hätte er ja schon hellsehen müssen, dass die Franzosen nachlegen werden.

    Im Übrigen hieß es darin nur sinngemäß, dass der preußische König nichts weiter mitzuteilen habe. Wenn Frankreich daraufhin in operettenhafter Weise den krieg erklärt, dürfte unstreitig sein, bei wem die Schuld liegt. Wäre es genau umgekehrt gewesen, würde wohl kaum einer die preußisch-deutsche Schuld bestreiten ;).

    Ein weiterer Wendepunkt an dem die Konstruktion einer preußisch-deutschen Schuld einfach nicht gelingt.

    Und füge noch hinzu: Kein Land wollte den Krieg verhindern - oder anders: Jedem Land kam der Krieg gelegen. Keiner war mit seinen Kolonien zufrieden, am wenigsten Deutschland. So hatte man einen guten Grund, sich gegenseitig ein paar abzujagen. Außerdem ein neuer Boom für die Stahlindustrie- und Rüstungsindustrie. Die vielen Millionen Tote? Tja, wen interessieren die schon, wenns um Macht oder Geld geht?

    Den Krieg ungerechterweise komplett auf Deutschland zu schieben, hat Hitler enorm begünstigt, der mit dem Versailler Vertrag Schluß machten wollte. Hier gab es die erste Möglichkeit, den 2. Weltkrieg zu verhindern. Bei der Novemberrevolution den zweiten, in der missglückten Einheitsfront der SPD und KPD wohl den dritten.

    Aber so einfach funktioniert die Weltgeschichte leider nicht.

    Sie erfolgte tatsächlich auf neue französische Forderungen, nachdem Preußen bereits in allem nachgegeben hatte, was ursprünglich streitig war. Wenn Bismarck wirklich den Krieg gewollt hätte, hätte er ja schon hellsehen müssen, dass die Franzosen nachlegen werden.

    Im Übrigen hieß es darin nur sinngemäß, dass der preußische König nichts weiter mitzuteilen habe. Wenn Frankreich daraufhin in operettenhafter Weise den krieg erklärt, dürfte unstreitig sein, bei wem die Schuld liegt. Wäre es genau umgekehrt gewesen, würde wohl kaum einer die preußisch-deutsche Schuld bestreiten ;).

    Ein weiterer Wendepunkt an dem die Konstruktion einer preußisch-deutschen Schuld einfach nicht gelingt.

    Und füge noch hinzu: Kein Land wollte den Krieg verhindern - oder anders: Jedem Land kam der Krieg gelegen. Keiner war mit seinen Kolonien zufrieden, am wenigsten Deutschland. So hatte man einen guten Grund, sich gegenseitig ein paar abzujagen. Außerdem ein neuer Boom für die Stahlindustrie- und Rüstungsindustrie. Die vielen Millionen Tote? Tja, wen interessieren die schon, wenns um Macht oder Geld geht?

    Den Krieg ungerechterweise komplett auf Deutschland zu schieben, hat Hitler enorm begünstigt, der mit dem Versailler Vertrag Schluß machten wollte. Hier gab es die erste Möglichkeit, den 2. Weltkrieg zu verhindern. Bei der Novemberrevolution den zweiten, in der missglückten Einheitsfront der SPD und KPD wohl den dritten.

    Aber so einfach funktioniert die Weltgeschichte leider nicht.

  2. Immerhin ist der 1. Weltkrieg ja die "Urkatastrophe" und es wäre ja zu dumm, wenn ausgerechnet daran Deutschland nicht die Allein- oder Hauptschuld hätte.

    Tatsache ist, dass Frankreich Marokko unter dem Vorwand eines Gesuchs durch Einheimische besetzt hat, das es nie gegeben hat. Man hat es hier also eher mit einem Beispiel für eine aggressive französische Außenpolitik zu tun. Warum nicht die Geschichte mal so erzählen.

    GB stand damals schon in Frankreichs Lager, weil es halt immer gegen die gerade stärkste europäische Kontinentalmacht war und Deutschland überdies ein großer ökonomischer Konkurrent, den es vorher nie hatte. Dass die dann zu Frankreich gehalten haben, sagt nichts über die Rechtmäßigkeit aus.

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  3. Sie erfolgte tatsächlich auf neue französische Forderungen, nachdem Preußen bereits in allem nachgegeben hatte, was ursprünglich streitig war. Wenn Bismarck wirklich den Krieg gewollt hätte, hätte er ja schon hellsehen müssen, dass die Franzosen nachlegen werden.

    Im Übrigen hieß es darin nur sinngemäß, dass der preußische König nichts weiter mitzuteilen habe. Wenn Frankreich daraufhin in operettenhafter Weise den krieg erklärt, dürfte unstreitig sein, bei wem die Schuld liegt. Wäre es genau umgekehrt gewesen, würde wohl kaum einer die preußisch-deutsche Schuld bestreiten ;).

    Ein weiterer Wendepunkt an dem die Konstruktion einer preußisch-deutschen Schuld einfach nicht gelingt.

    Antwort auf "Die Emser Depesche..."
    • WIHE
    • 01.07.2011 um 19:20 Uhr

    Ein wirklich nichtiger Anlass den Krieg zu erklären.

    Frankreich benötigte einen Anlass, um gegen das immer mächtiger werdende Preußen vorzugehen.
    Da kam der kleinst mögliche Anlass gerade recht.

    Wenn man den Artikel liest, dann erkennt man,
    dass auch GB 1914 richtig froh gewesen sein muss,
    um gegen Deutschland in den Krieg zu ziehen können.

    Schließlich hatte man mit Frankreich, Russland, und dann Italien (ab 1915) das deutsche Reich komplett eingekreist.
    Wärew interessant zu wissen, ob man mit den Italienersn auch schon vor 1914 über Südtirol gesprochen hat.

    Dass es sie soviele tote britische Soldaten kosten würde,
    damit haben sie nicht gerechnet.
    Sie haben sicher geglaubt, die deutsche Niederlage
    deutlich billiger haben zu können.
    Auch die Franzosen mussten für jeden wiedergewonnenen Elsässer und Lothringer fast einen Franzosen opfern, auch keine gute Bilanz.
    Sie hätten sich beide nicht auf die Seite der serbischen Terroristen stellen sollen.
    Dann wäre ihnen der Krieg erspart geblieben.

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    • Cando
    • 01.07.2011 um 20:11 Uhr

    ... kam bisher nie jemanden "billig". Doch welcher Krieg ist schon besonders günstig?

    Die Opferzahlen gegeneinander aufzurechnen ist geschmacklos und menschenverachtend.

    • Cando
    • 01.07.2011 um 20:11 Uhr

    ... kam bisher nie jemanden "billig". Doch welcher Krieg ist schon besonders günstig?

    Die Opferzahlen gegeneinander aufzurechnen ist geschmacklos und menschenverachtend.

  4. Kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Artikel versucht, den Deutschen eine besondere Aggressivitaet zu unterstellen. Also eine solche, die groesser waere als der Rest der Grossmaechte.
    Aus des Artikels Fakten wird aber lediglich deutlich, was auch die anderen Kommentare schon gesagt haben: Dass die beiden Grossmaechte Frankreich und England sich Afrika aufteilen wollten und Deutschland nicht dabeihaben wollten. In dem Zusammenhang wollte D lediglich das, was auch F und GB sich schon lange wie selbstverstaendlich herausnahmen, naemlich ein grosses Kolonialreich und damit Macht und wirtschaftliche Sicherheit.

    Auch der Kommentar des britischen Botschafters, der wohl so etwas wie die Angst Grossbritanniens vor dem Reich demonstrieren soll:
    "Es ist keine angenehme Perspektive«, fuhr er fort, »in einem Waffenstillstand zu verharren, bis zu dem Augenblick, in dem die deutsche Regierung glaubt, daß die Zeit zur Verwirklichung ihrer Träume gekommen ist.«"
    Ist fuer mich lediglich ein weiterer Beleg fuer die These, dass GB nicht etwa Angst vor Ds Aggressivitaet an sich hat, sondern vielmehr vor dessen Bemuehen, ebenfalls zu einer kolonialen Supermacht aufzusteigen, wie GB sie eben schon war - also der Angst, dass D sich die gleichen Rechte herausnehmen wuerde, wie es GB und F schon lange taten.
    Den Briten und Franzosen ging es also hauptsaechlich um die weitere Wahrung ihrer Vorteile unter weiterer Benachteiligung Ds. (Von den Qualen der Kolonisierten ganz zu schweigen).

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  5. 6. na ja

    eine interessante schilderung des damaligen klimas. sie zeigt aber auch, wenn man es sehen will, dass die diplomatie des einzelnen viel spielraum hatte, entgegen einer tatsächlichen regierungsstrategie.

    das wiederum war der eigentliche motor des krieges.
    und der ratterte nicht blos bei deutschland.
    dieser mangel an diplomatischer übersicht schaukelte sich dann 1914 zu einem krieg hoch. da hat deutschland sicher fleißig mitgemischt, aber mit allen anderen am tisch.

    die alleinschuld deutschlands, die die franzosen forderten und durchsetzten, war ein diktat, mit bösen folgen.

    • WIHE
    • 01.07.2011 um 19:36 Uhr

    wäre für das deutsche Reich sehr nützlich gewesen.
    Deutschland hätte dann mit den Millionen deutscher Auswanderer den englischen Sprachraum nicht auf gefährliche Weise gestärkt sondern die eigenen Kolonien und damit sich selbst.

    Viele der Nachfahren der deutschen Auswanderer haben im Wk1 und WK2 gegen die Heimat ihrer Vorfahren gekämpft.

    Und Deutschland hat desaströs verloren.

  6. Für den Krieg verantwortlich ist nicht eine Nation, sondern nationalistisches und imperialistisches Denken. Solches Denken ist offenbar leider immer noch nicht ausgestorben.

    Nebenbei glaube ich, daß zudem vielen Europäern noch immer nicht bewußt ist, welche Schuld sich die europäischen Mächte mit dem Kolonialismus aufgeladen haben.

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    ...hatten die Europäer nur den Sklavenhandel der Araber übernommen, den sie aufgebaut hatten, und der aktuellen Schätzungen zufolge 17 Mio. Opfer forderte. Auch die Afrikaner selbst hatten am Sklavenhandel verdient. Der Sklavenhandel bildete den wichtigsten Ausgangspunkt für die Kolonisierung Afrikas.

    ...hatten die Europäer nur den Sklavenhandel der Araber übernommen, den sie aufgebaut hatten, und der aktuellen Schätzungen zufolge 17 Mio. Opfer forderte. Auch die Afrikaner selbst hatten am Sklavenhandel verdient. Der Sklavenhandel bildete den wichtigsten Ausgangspunkt für die Kolonisierung Afrikas.

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