Blick auf die einstigen KdF-Bauten im Ostseebad Prora auf der Insel Rügen © Stefan Sauer dpa/lmv

Wir Deutschen machen gern Urlaub in unserer eigenen Geschichte. Im Haus von Fürst Wilhelm Malte zum Beispiel, der vor zweihundert Jahren »die weiße Stadt« Putbus als größte klassizistische Attraktion der Ostseeküste erbauen ließ und gleich daneben das erste Seebad von Rügen. Ein Tempel mit weißen Säulen. Hier planschte einst der Hochadel in marmornen Wannen voll angewärmten Seewassers. Heute ist das Badehaus Goor das schönste Hotel auf der Caspar-David-Friedrich-Insel. Romantisch überdacht von Eichengrün, schwimmt es in der Boddenlandschaft. Und irgendwo da draußen beginnt die Ewigkeit.

Wir Deutschen haben einen Sinn fürs Ewige und sind im Urlaub gern mal Fürst. Wir lieben Rügens historisches Kurhaus Binz, die alten Strandvillen von Sellin und das Jagdschloss Granitz, aber wollen wir auch im Tausendjährigen Reich logieren? In Hitlers sagenhaftem »Kraft durch Freude«-Hotel? Der Deutsche Jugendherbergsverband hat jetzt ein Stück davon restauriert. Lange war Prora die größte Geschichtsruine der Bundesrepublik, fast fünf Kilometer lang und sechs Stockwerke hoch. Vornraus das Meer, hintenraus der Bodden. Mit einem Megahotel für 20000 Volksgenossen wollte der Nationalsozialismus beweisen, dass sich nicht nur Gutbetuchte Inselurlaub leisten können. Prora liegt einen Steinwurf nördlich vom mondänen Binz und ein paar Autominuten von Putbus. Der klassizistische Kulturtempel des KdF-Bades sollte die gleichen Säulen haben wie das Badehaus des Fürsten Malte. Einer seiner Nachfahren musste das Bauland an die Nazis abtreten, aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt wird der blaue Schriftzug »Jugendherberge« an die blendend weiße Fassade montiert. Das Weiß hat der Denkmalschutz vorgeschrieben. Wir stehen am nördlichen Ende des maroden Kolosses und staunen über seine Verwandlung in etwas Bewohnbares. Auf der weiten Wiese davor zelten spanische Studenten, die sagen, es sei doch cool, dass hier die längste Jugendherberge der Welt eröffne. Die Geschichte wirkt offenbar harmloser, wenn man sie mal nicht erinnerungspolitisch, sondern aus der Nähe betrachtet. Es sind ja auch nur 150 Meter saniert worden. Rechts von der neuen Fassade gähnen Fensterlöcher. Quer durchs Bild rumpelt ein gelber Bagger.

Nach 1945 waren in Prora die NVA und ihre Bausoldaten stationiert. Mit der Wende zogen sie ab. Seitdem streitet Rügen darüber, ob Urlaub am historisch kontaminierten Ort erlaubt ist. Stört es sie, neben Hitlers Hotel zu campieren? Die jungen Spanier auf dem Zeltplatz verstehen die Frage nicht. Genauso gut könnte man fragen, ob es sie störe, dass auf der Erde mal Dinosaurier lebten.

Es gibt aber noch Rügener, die die Grundsteinlegung 1936 erlebt haben, mit Aufmarsch am Strand und antisemitischen Parolen: »Unser Seebad bleibt judenfrei!« Geplant war ein Arierparadies mit Theatern, Restaurants und Wellenschwimmbädern. Ostsee für alle! Jedenfalls für alle, die nicht als lebensunwert galten. Es war eine totalitäre Idee. Aber war sie, wenn man den Rassenwahn abzieht, nicht auch ein klein wenig demokratisch?

Die Herberge steht an der schönsten Stelle der Bucht

Das ist das Dilemma, aus dem Prora seit zwei Jahrzehnten nicht herausfindet. Die Ruine umnutzen, aber eine Mythisierung des Nationalsozialismus vermeiden. Das Gelände zurückerobern, ohne alle zwei Meter ein Schild aufzustellen mit dem Warnhinweis: Die Volksgemeinschaft sollte sich hier nur erholen, um später in den Krieg zu ziehen. Indem sich der Jugendherbergsverband jetzt dem Dilemma stellt und den Ort touristisch nutzt, erobert er auch eine Landschaft zurück. Der Prorer Wiek ist die schönste Bucht auf Rügen, und die Herberge steht an der schönsten Stelle der Bucht. Flach senkt sich feinsandiger Strand ins Meer. Linkerhand sieht man Sassnitz und fast schon Stubbenkammer, rechterhand den Schlossturm von Granitz. Zu dieser Seeseite blickt die neue Fassade mit 240 Fenstern.