Vielleicht ist es nur eine Sommerlaune, und es bedeutet nicht viel, dass derzeit ein wildes Einladungsfieber die Republik erfasst und sämtliche Polizeidienststellen alarmiert sind. Ständig und überall wird zur großen öffentlichen Party aufgerufen, in Solingen, Lörrach oder Ahrensburg, selbst im Zollernalbkreis. Allein in Bochum wollen sich in zwei Wochen gleich 50.000 wildfremde Menschen treffen. Seitdem Anfang Juni ein Mädchen namens Thessa versehentlich alle Welt per Facebook zu ihrem Geburtstag einlud und ungefähr die halbe Welt tatsächlich ins stille Hamburg-Bramfeld reiste, sind die Freunde der Massenfeiern nicht mehr zu bremsen. Eine Sommerlaune, doch seltsam genug.

War nicht jahrzehntelang vom »Verfall und Ende des öffentlichen Lebens« ( Richard Sennett ) die Rede? Hatte nicht der bekannte Architekt Rem Koolhaas behauptet, der öffentliche Raum werde für nichts mehr gebraucht außer fürs Shoppen? Und erzählte nicht auch Jürgen Habermas mit seinem Strukturwandel der Öffentlichkeit eine Niedergangsgeschichte? Die Menschen, so hatte es den Anschein, igelten sich ein in ihrer Privatheit – Stichwort: Cocooning – und wollten vom Gemeinwesen nichts mehr wissen. Forciert durch das Internet, zerfiel die eine, die große Öffentlichkeit in viele Stämme. Denn im Internet findet jeder, was ihn interessiert, er findet Gleichgesinnte. Der Sinn fürs Große und Ganze geht verloren.

Doch das ist höchstens die halbe Wahrheit. Wenn wir uns in Thessa und ihren vielen Nachahmern nicht täuschen, dann könnten die Niedergangsgeschichten bald zu Ende gehen – und es wäre an der Zeit, dem Strukturwandel der Öffentlichkeit einen zweiten Band hinzuzufügen.

Trotz aller Privatisierungstendenzen ist der Drang nach draußen, hinein ins Öffentliche, ungeheuerlich. Überall wird gejoggt, geskatet, gewalkt, vielerorts werden Fitnessgeräte in den öffentlichen Raum gestellt, in Hamburg halten sie selbst vor dem Rathaus ein Beachvolleyball-Turnier ab. Das eine Lieblingswort der Gegenwart ist »vernetzt«, das andere »atmungsaktiv«. Aber nicht nur die körperliche Ertüchtigung treibt die Menschen hinaus auf Straßen und Plätze. Bei vielen wächst auch die Bereitschaft, sich auf ungewohnte Spielformen des Öffentlichen einzulassen. Und erst die digitale Technik ermöglicht diese Spielformen. Besonders beliebt ist Geocaching , eine Art öffentlicher Schnitzeljagd per Navigationsgerät; allein in Deutschland gibt es bereits mehr als 50.000 solcher Geheimverstecke.

Andere begeistern sich für Flash- und Smartmobs , bei denen sich viele Menschen zu skurrilen Kurzaktionen verabreden, etwa zum Polkatanzen vor der chinesischen Botschaft. Seit Kurzem findet auch das Planking viele Anhänger, bei dem sich Menschen dabei fotografieren, wie sie mit gestrecktem Körper auf Brückengeländern oder U-Bahn-Treppen liegen, um dann die Fotos ins Internet zu stellen. Überhaupt wird der öffentliche Raum von vielen neuerdings als ein Ort des Abenteuers erfahren, durchaus auch in politaktivistischer Hinsicht: Ob Adbusting (Verfremdung von Werbeplakaten) oder Containern ( Plündern von essbaren Supermarktabfällen ) – der öffentliche Raum wird als gesellschaftlicher Raum begriffen, als ein Raum, der allen gehört und den sich jeder aneignen und politisch durchaus subversiv gestalten darf.

Eine stille Anarchie scheint viele Menschen zu erfassen, vor allem die jüngeren: Sie begreifen noch die hässlichsten Parkhäuser als Übungsplätze für athletische Kunststücke ( Parcouring ), verwandeln betonierte Straßenränder in kleine Blumenbeete ( Guerilla-Gardening ), machen aus Stromkästen Kunstwerke (Street-Art) oder erklären verwaiste Stadtplätze zur neuen Partyzone (Outdoor-Clubbing). Und wiederum ist das Internet, sind Facebook und Twitter oft der Katalysator. Hier gibt es die nötigen Hinweise, hier wird überwunden, was als städtische Anonymität lange gefürchtet war.

Die virtuelle Welt ist also nicht der Feind des öffentlichen Raums, wie lange behauptet wurde. Je weiter sich das Leben ins Reich des Digitalen verlagert, umso größer scheint das Bedürfnis nach Realräumen zu werden, nach jener »Kraft der Intersubjektivität«, von der Jürgen Habermas spricht und die auch eine körperliche Erfahrung ist. Einerseits ebnet das Internet viele Wege in die Anonymität und Vereinzelung; zugleich erleichtert es aber das Kollektivdenken, das in sogenannten Crowd-Sourcing-Projekten wie Wikipedia zum Ausdruck kommt. Nicht zuletzt solche digitalen Gemeinschaftsprojekte und erst recht jene Freiheit der Meinungsäußerung, jenes Moment der Selbstermächtigung, das durch das Internet befördert wird und das aus jedem Nutzer einen potenziellen Produzenten macht, verändern die Vorstellung von dem, was Öffentlichkeit bedeutet.