ZEITmagazin: Herr König, Sie haben mit 20 Jahren Ihre Galerie gegründet. Ihr Vater, Kaspar König, war Direktor der Städel-Schule in Frankfurt am Main, jetzt leitet er das Museum Ludwig in Köln. Hat er Ihre Berufswahl beeinflusst?

Johann König: Ich hatte natürlich durch meinen Vater ständig mit Kunst zu tun, aber lange Zeit habe ich das abgelehnt. Teilweise entwickelte ich sogar richtig einen Hass dagegen, ständig in irgendwelche bescheuerten Museen gehen zu müssen. Ich warf als Kind meinem Vater vor, dass er keine Beziehung hat zu Menschen, die nichts mit Kunst zu tun haben.

ZEITmagazin: Aber dann hat die Kunst Sie eingeholt.

König: Ja, es war der Kunstlehrer am Internat, durch den ich meine Liebe zur Kunst entdeckte. Deshalb habe ich das Gefühl, dass das aus mir selber kam.

ZEITmagazin: Was brachte Sie dazu, Galerist zu werden?

König: Ich hatte mit elf Jahren einen schweren Unfall. Ich hatte mit Knallern gespielt, die gingen in die Luft, und ich verlor mein Augenlicht. Als Jugendlicher wollte ich aber unbedingt etwas mit Kunst machen, obwohl ich nichts sehen konnte. Das war ein Problem. Ich konnte ja nicht irgendwo anheuern als Assistent. Auch Kunstgeschichte zu studieren war schwierig, weil das doch eine sehr visuelle Sache ist. Und da habe ich gemerkt, das Einzige, was bleibt, ist eine eigene Galerie.

ZEITmagazin: Was heißt das, Sie konnten nichts sehen?

König: Ich sah nur noch knapp fünf Prozent von dem, was man normalerweise sieht.

ZEITmagazin: Wenn man Sie vor ein Werk des Renaissancemalers Tizian gestellt hätte...

König: ...hätte ich das nicht erkannt.

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ZEITmagazin: Wie haben Sie als Galerist Kunst verkaufen können, die Sie gar nicht sahen?

König: Ich kannte die Künstler ja über einen längeren Zeitraum. Die Inhalte haben sich vor allem über Gespräche vermittelt.

ZEITmagazin: Was Sie also an der Kunst fasziniert, ist der Diskurs über die Kunst.

König: Ja, nur der Diskurs. Deshalb interessieren mich Positionen wie die von Joseph Beuys. Beuys ist ja visuell nicht gerade ansprechend. Duchamp war wichtig für mich, denn der hat das visuelle Verständnis verändert. Mich hat an der Kunst interessiert, was sie mit unserem eigenen Weltverständnis machen kann. Aber selber Künstler zu werden, habe ich mich nicht getraut, dafür fehlte mir das Potenzial.