Der »High-Potential-Tisch« befindet sich direkt hinter dem Ladeneingang, von dessen Mittelachse jedoch zwei Meter nach links versetzt. Der Kunde soll nicht stolpern, wenn er das größte Berliner Medienkaufhaus, Dussmann an der Friedrichstraße, betritt. Er soll nur auf den ersten Blick über die aktuelle Rangordnung des Buchmarktes orientiert werden. Auf dem »High-Potential-Tisch« liegen ausschließlich Spitzentitel.

Am 10. August werden hier hundert Ausgaben eines einzigen Titels liegen, Schoßgebete von Charlotte Roche. Die gleiche Buchmenge wird im Schaufenster präsentiert werden, ein zusätzlicher Stapel bei den belletristischen Neuerscheinungen. Dieser geballte Auftritt ergibt sich aus der enormen Erfolgsgeschichte des Vorgängers, Roches Anfang 2008 erschienenem Debüt Feuchtgebiete . Dussman verkaufte davon allein im ersten Jahr 4.000 Exemplare (zum Vergleich: Von Jonathan Franzens Freiheit 2.000, von Helene Hegemanns Axolotl Roadkill 1.500 Exemplare). Feuchtgebiete, sagt Ute Bauer, Hauptabteilungsleiterin für Belletristik, war »eine absolute Ausnahmeerscheinung«. Sie war vor allem unvorhersehbar, unwägbar. Die Sensation des Buches, die über ein Jahr lang Öffentlichkeit und Buchhandel intensiv beschäftigte, ähnelte einem Tsunami ohne Vorwarnung. Aus einem drastischen, in der Darstellung menschlicher Körperfunktionen sehr deutlichen Text mit Trash-Faktor wurde ein umstrittenes Kultbuch mit Mainstream-Effekt.

Der neue Roman von Charlotte Roche kommt unter anderen Bedingungen, nämlich mit Voralarm auf den Markt, gleichsam als Bestseller mit Ansage, gestützt auf ein kompaktes Marketingkonzept. Im März dieses Jahres verschickte der Münchner Piper Verlag eine großformatige achtseitige Broschüre an Handel und Presse, die an Kampagnen im Vorfeld von Blockbustern erinnert. Die Versandpalette mit je 200 Exemplaren ist ebenso abgebildet wie der Buchtrailer für die Onlinewerbung, das von Roche eingelesene Hörbuch, das Plakat für die bundesweite »Großflächenplakatierung«, die Termine der bundesweiten Lesetour.

Dass Verlage für lancierte Spitzentitel solche Folder erstellen, ist keineswegs unüblich. An der Broschüre für Roches Schoßgebete fällt allerdings eines auf: die Liste der Internetforen und Internetunternehmen – YouTube, Facebook, Twitter, Google –, bei denen für das Buch geworben wird. Das ist plausibel. Roche-Bücher sind, was Ute Bauer »internetaffin« nennt, »Klickgranaten« im Onlinejargon. Der eigentliche Zündfunke für die Erfolgsgeschichte des Buches lag in der Synergie von Internet, Talkshow-Auftritten der Autorin, Interviews in Magazinen wie Spiegel oder Playboy . Das bürgerliche Feuilleton, auch das zeigt der Rückblick, spielte eine eher untergeordnete Rolle. Anders gesagt: Die Feuchtgebiete machten nicht nur die Hämorrhoiden der Ich-Erzählerin Helen Memel anschaulich, sondern auch den Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit und des Buchmarkts.

Helge Malchow, Kölner Verlagsleiter von Kiepenheuer & Witsch (der das Manuskript der Feuchtgebiete ablehnte), spricht von einer »neuen Kategorie der Ultrabestseller«. Traditionell habe es drei Kategorien gegeben: Bücher, die unter einer Auflage von 5.000 bleiben, ökonomisch nichts einbringen, »aber gemacht werden müssen«. Bücher, die sich »von allein tragen« und eine Auflage von 6.000 bis 15.000 erreichen. Und Bestseller von 500.000 bis zu einer Million. Die neue, vierte Kategorie seien »Raketen«, die die Millionengrenze durchschlügen. Dieser Kategorie gehörten Titel an, die »Bücher und zugleich keine Bücher« seien. Ihr Markterfolg verdanke sich der »kulturell fakultativen Teilhabe« eines weitgehend unliterarischen Publikums an einem populären Faszinationsobjekt, bei dem es sich genauso gut um einen Kinofilm, eine DVD, einen Popsong handeln könne. Als Indiz für geistige Verwüstung lässt Malchow diesen Trend allerdings nicht gelten. »Im Kino stehen kommerzielle Riesenerfolge viel weniger unter Verdacht als in der Literatur, das liegt daran, dass Verlage als kulturelle Institutionen gelten, sie werden für den ästhetischen Kanon verantwortlich gemacht.« Gelassen wie Malchow sieht auch sein Münchner Kollege Wolfgang Balk, Verleger von dtv, die wachsende Blockbuster-Kultur des Buchmarkts: »Es gab immer solche Superbestseller, Johannes Mario Simmel zum Beispiel.« Nur gäbe es sie heute öfter, alle zwei, drei Jahre, was im »unglaublichen Personenkult der Promis« begründet sei.

Die Prognosen der Branche über das Marktschicksal der Schoßgebete schwanken. Es gelte, so Hans-Peter Übleis, Chef von Droemer Knaur, die Faustregel: »Der Nachzieher bringt ein Drittel des Vorgängers.« Damit wäre die von Piper angekündigte spektakuläre Startauflage von 500.000 immerhin gedeckt. Das Buch könne, meint Christoph Eckert, Leiter der Belletristikabteilung der Thalia-Filiale in Freiburg, »ein Riesenflop« werden oder das Gegenteil. Bei Hugendubel im Berliner Kaufhaus des Westens geht man »von einem guten Verkauf aus, wie gut, weiß niemand«. Eines aber wissen alle Buchhändler: Bei einem Nachfolgebestseller steht kurz nach Erscheinen, nicht erst nach ein paar Monaten fest, wie hoch er auf der Erfolgskurve ausschlägt.

Ob es sich bei Charlotte Roches Feuchtgebieten um »einen klugen Roman« handele, wie der FAZ -Feuilletonchef Patrick Bahners urteilte, oder um Pseudotabubrecherei »auf kümmerlichem Niveau«, wie die Publizistin Thea Dorn befand, das wurde vor drei Jahren heiß diskutiert. Die Autorenbuchhandlung am Berliner Savignyplatz, seit 35 Jahren Stammadresse des Charlottenburger Kulturbürgertums, hat allerdings kein einziges Exemplar der Schoßgebete geordert. »Das passt einfach nicht richtig in unser Sortiment«, sagt Christian Dunker. »Wenn ein Kunde das Buch haben will, bestellen wir es natürlich, dann ist es ja am nächsten Tag da.«