An diesem Sommertag sieht es aus, als wolle Stockholm angeben. Das Wasser zwischen den 14 Inseln, auf denen die Viertel verstreut sind, schwappt in silbrigen Schlucken. Die Altstadthäuser leuchten in warmen Rot- und Gelbtönen, wie in einem Werbespot der schwedischen Malerinnung. Dann ist da noch dieses Strahlen: eine Helligkeit, die den Himmel dehnt und die Szenerie leicht überbelichtet wirken lässt.

All das müsste mich beeindrucken, gewiss – stünde ich nicht gut 40 Meter über dem Boden und dächte an ein rohes Ei. Hier hinauf bin ich gelangt, weil der schwedische Veranstalter Upplev Mer Wanderungen auf Stockholmer Hausdächern anbietet. Das klang interessant: eine Metropole von oben zu besichtigen, weit in die Ferne zu schauen und auf alle anderen hinunter. Es hörte sich auch abenteuerlich an – wie Bergsteigen in der Stadt. Also trafen wir uns auf Riddarholmen, einem Inselchen, wo sich staatliche Behörden in ehemaligen Adelspalästen eingerichtet haben. Zehn urbane Gipfelstürmer und die beiden Guides Veerle und Elisabeth, zwei sportliche Blondinen mit großen Rucksäcken voller Notfallausrüstung. In einem ockerfarbenen Gebäude, an dessen Fassade zwei Stucklöwen eine Krone bewachen, stapften wir sieben Stockwerke nach oben, stiegen aus einer Luke. So kam ich aufs Dach.

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Das rohe Ei fiel mir ein, weil ich schon einmal hoch hinaus gewollt hatte, als Kind. Damals beschloss ich, Karlsson zu besuchen, den kleinen dicken Mann, der mit einem Propeller durch Astrid Lindgrens Bücher fliegt und auf dem Dach wohnt – einem Dach in Stockholm, aber das hatte ich in dem Moment verdrängt. Mein Kinderzimmer lag im zweiten Stock. Ich öffnete das Fenster, kletterte aufs Sims, griff nach den Efeuranken daneben. In dem Moment kam meine Mutter. Als sie erkannte, dass bloße Worte mich nicht zurückhalten würden, holte sie ein rohes Ei aus der Küche und ließ es aus dem Fenster fallen: »Sieh genau hin! So enden auch Menschen, die auf Häusern herumklettern!«

Es ist angenehm ruhig, tatsächlich ein wenig wie im Gebirge

Jetzt stehe ich auf einem Haus in Stockholm, und neben mir prahlt ein Tourist mit seinen Kletterkenntnissen. Dabei hat unser Wanderterrain, ganz aus schwarzem Blech, nur leichtes Gefälle. Und die Route, die um drei Innenhöfe herum über zwei ehemalige Adelspaläste führt, ist befestigt und gut markiert: Auf Metallstegen und -leitern geht es vorbei an Schornsteinen und zwei Türmchen mit Wetterfahnen. Der Alpenverein würde das, was vor uns liegt, wohl als »Anfängerdach« klassifizieren. Noch dazu tragen wir Helme und Sicherheitsgeschirr. Die Leinen daran klinkt Elisabeth nun in Stahlseile ein, die entlang der Stege über das Dach verlaufen: »Haltet eure Leine immer in einer Hand, damit sich nichts verhakt!«

Veerle geht voran; danach betritt einer hinter dem anderen den zwei Fußsohlen schmalen Steg, die ersten Schritte noch zögerlich, dann fester. Mit den Leinen in der Hand wirkt unsere Art der Fortbewegung wie eine Kreuzung aus Schreiten auf einem Schwebebalken und Hunde-Ausführen: Gassi-Balancieren. Anfangs bleibt immer wieder jemand hängen, bückt sich, fummelt am Leinenende, stupst mit dem Fuß dagegen oder zerrt; der Trupp dahinter gerät ins Stocken und kichert. Ich auch – die letzten Bedenken glucksen davon, in den Himmel. Es ist unmöglich, Angst zu haben, wenn ringsum Menschen unsichtbare Köter erziehen.

Auf einer Plattform halten wir, ich riskiere einen ersten Blick nach unten. Dort reihen sich dicht an dicht die Dächer der Altstadtinsel Gamla Stan. Wie unseres sind die meisten aus schwarz gestrichenem Blech. Blech deshalb, weil der harte schwedische Winterfrost gebrannte Ziegel sprengen würde; schwarz gestrichen, weil die Stadt sonst in der Sonne zu einem riesigen Brennspiegel geriete. Die Dächer wirken wie ein Ritterheer mit dunklen Rüstungen – versammelt, um das Schloss zu bewachen, das als riesiger Kasten aus hellem Stein auf einer Insel dahinter thront.