"Vogue"-Chefin Christiane Arp"Ich träume davon, dass die Mode in unserem Land ein Märchenwald wird"

Christiane Arp, Chefin der deutschen "Vogue", wünscht sich eine Mode "made in Germany". Modeschaffende sollten hierzulande so geschätzt werden wie bildende Künstler. von Christiane Arp

Ich liebe Bäume. Und noch mehr liebe ich den Wald. Wenn ich in meinem Heimatdorf in der Nähe von Hamburg spazieren gehe, kommt mir immer wieder eine Bemerkung des deutschen Alternativ-Nobelpreisträgers Hans-Peter Dürr in den Sinn. In einem Gespräch in unserem Magazin sagte er einmal: »Wir sehen nur Bäume, nie den Wald. Das Wesen des Waldes ist nicht die Ansammlung der Bäume, sondern das Dazwischen.« Dürr verwendete diese Metapher für den Hang der Deutschen, nur wahrhaben zu wollen, was greif- und sichtbar sei, nicht aber das, was eigentlich wirke.

Ich träume davon, dass Mode in unserem Land sinnbildlich als Märchenwald wahrgenommen wird und nicht als Ansammlung einzelner Pflänzchen im Schatten von Riesen wie Karl Lagerfeld, Jil Sander oder Tomas Maier. Denn die deutsche Modewirklichkeit ist nach meinem Empfinden eine andere, als viele noch glauben.

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Christiane Arp

50, geboren in Stinstedt, Niedersachsen, ist Diplom-Mode- designerin und seit 2003 Chefredakteurin und zugleich Fashion- Director der deutschen Vogue. Während der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin, die am 5. Juli beginnt, lädt Christiane Arp erstmals zum Vogue Salon im Hotel de Rome ein. Dort können Nachwuchsdesigner Kontakte zu Händlern knüpfen.

Mein Traum ist ein Made in Germany, bei dem nicht nur oder zuerst an Autos, Bier und Fußball gedacht wird. Klar, Berlin ist nicht Paris, München nicht Mailand und Düsseldorf nicht New York – aber warum auch sollten wir sein wollen wie etwas, was es schon gibt? Kopien sind niemals besser als das Original.

Ich wünschte, dass wir unsere Angst vor Schönheit verlieren und Modedesign als Gabe sehen und als großes Können, nicht als Verschönerung von Oberflächen. Dass Modekreative auch bei uns geschätzt werden wie bildende Künstler, Komponisten und Architekten. Dass wir erkennen, dass eine tolle Fashionshow mit wunderbarer Mode so inspirierend sein kann wie ein Theaterstück, ein Buch, ein Film.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Wir müssen die Bühnen schaffen, auf denen sich junge Talente mit ihrer Mode präsentieren und entfalten können. Ich spüre, dass sich in Deutschland etwas entwickelt, dass eine Generation von selbstbewussten, talentierten Modedesignern heranwächst.

Nun geht es darum, dass wir ihnen vertrauen. Ich habe Mode made in Germany gesehen, die mich wirklich begeistert. Stellvertretend möchte ich drei Beispiele nennen: die erste Kollektion der hoch talentierten jungen Designerinnen Annelie Augustin und Odély Teboul, eigenständig, reich in der Verarbeitung, inspiriert von den legendären zwanziger Jahren in Berlin – Handwerkskunst par excellence. Auf der anderen Seite René Storck, der in Frankfurt arbeitet und die erste Show in Paris gezeigt hat, mit den schönsten Materialien, der besten Verarbeitung und einer umwerfenden Passform – ein faszinierendes Talent! Oder der Designer Michael Sontag, der Farben benutzt, um ganz einfache Kleider zu schaffen – Mode, die avantgardistisch und zugleich tragbar ist.

Ich betrachte es als meine Mission, diese jungen Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ihnen eine Bühne zu geben und sie unseren Lesern vorzustellen. Wenn mir das alles gelingt, ist mein Traum einen Schritt näher daran, Wirklichkeit zu werden.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Ich träume davon, dass die Integrität in unserem Land ein Märchenwald wird, der seine Bürger schützt.

    Forschung, Ökonomie, Kunst vieles zeichnet ein erfolgreiches Volk aus, die kunstvolle Herstellung von Tüchern, welche mit bunten Perlen versetzt die Blöße verdecken, nimmt ersichtlicherweise eher einen hinteren Platz ein.

    Jedem das Seine. Jeder Mensch hat das Recht auf einen Traum und sollte diesen wenn möglich auch leben.

    • ReiHei
    • 06. Juli 2011 13:02 Uhr

    Zitat: "Dass wir erkennen, dass eine tolle Fashionshow mit wunderbarer Mode so inspirierend sein kann wie ein Theaterstück, ein Buch, ein Film" usw. Frau Arp ist größenwahnsinnig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Warum?
    Warum soll es grössenwahnsinnig sein, dass Mode auch Kunst ist? Sieht man sich so manche Couture Show an sieht man mehr kreative Vision als in so manchem Museum für zeitgenössische Kunst (Ich möchte zeitgenössische Kunst nicht entwerten, es gibt in jedem Bereich gute und schlechte Leute)

  2. 3. Traum

    Ich träume von einem Land, dass nicht von Verpackungen und Moden getrieben wird, sondern in dem Wahrhaftigkeit, Fairness, Gemeinschaft und Nachhaltigkeit gelebt werden.

    Ich träume von einem Land in dem nicht gutes Aussehen und Blendwerk die Voraussetzungen sind, um möglichst einfach sich an den Früchten anderer Leute Arbeit zu bereichern.

    • 3cpo
    • 06. Juli 2011 13:34 Uhr

    und bleibt oberflächlich. Und nicht nur, weil dort getragen wird.

    • 3cpo
    • 06. Juli 2011 13:35 Uhr

    Natürlich muss es "weil "sie" dort getragen wird" heissen.

  3. das Models hierzulande nicht verhungern müssen, damit die Mode auf dem Laufsteg toll aussieht.

  4. Was dem Körper dient (Design), soll die Dignität haben wie das, was dem Geiste dient (Kunst) und unser Leben überhaupt erst ermöglicht. Mit dem selben Recht hätte im Restaurant ein Kuhfladen den gleichen Preis wie ein Omelett. Frau Arp muß sich nur ein bißchen mit Quantenphysik beschäftigen, um zu erkennen, daß ihr Ansinnen völliger Unfug ist.

  5. ....also wenn Designer ein Klappergestell mit Stofffetzen bekleben und danach einen 5000 Euro-Stempel draufdrücken sind das für mich eher Banker als Künstler...

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  • Schlagworte Mode | Architekt | Bier | Bühne | Fußball | Jil Sander
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