Ich liebe Bäume. Und noch mehr liebe ich den Wald. Wenn ich in meinem Heimatdorf in der Nähe von Hamburg spazieren gehe, kommt mir immer wieder eine Bemerkung des deutschen Alternativ-Nobelpreisträgers Hans-Peter Dürr in den Sinn. In einem Gespräch in unserem Magazin sagte er einmal: »Wir sehen nur Bäume, nie den Wald. Das Wesen des Waldes ist nicht die Ansammlung der Bäume, sondern das Dazwischen.« Dürr verwendete diese Metapher für den Hang der Deutschen, nur wahrhaben zu wollen, was greif- und sichtbar sei, nicht aber das, was eigentlich wirke.

Ich träume davon, dass Mode in unserem Land sinnbildlich als Märchenwald wahrgenommen wird und nicht als Ansammlung einzelner Pflänzchen im Schatten von Riesen wie Karl Lagerfeld, Jil Sander oder Tomas Maier. Denn die deutsche Modewirklichkeit ist nach meinem Empfinden eine andere, als viele noch glauben.

Mein Traum ist ein Made in Germany, bei dem nicht nur oder zuerst an Autos, Bier und Fußball gedacht wird. Klar, Berlin ist nicht Paris, München nicht Mailand und Düsseldorf nicht New York – aber warum auch sollten wir sein wollen wie etwas, was es schon gibt? Kopien sind niemals besser als das Original.

Ich wünschte, dass wir unsere Angst vor Schönheit verlieren und Modedesign als Gabe sehen und als großes Können, nicht als Verschönerung von Oberflächen. Dass Modekreative auch bei uns geschätzt werden wie bildende Künstler, Komponisten und Architekten. Dass wir erkennen, dass eine tolle Fashionshow mit wunderbarer Mode so inspirierend sein kann wie ein Theaterstück, ein Buch, ein Film.

Wir müssen die Bühnen schaffen, auf denen sich junge Talente mit ihrer Mode präsentieren und entfalten können. Ich spüre, dass sich in Deutschland etwas entwickelt, dass eine Generation von selbstbewussten, talentierten Modedesignern heranwächst.

Nun geht es darum, dass wir ihnen vertrauen. Ich habe Mode made in Germany gesehen, die mich wirklich begeistert. Stellvertretend möchte ich drei Beispiele nennen: die erste Kollektion der hoch talentierten jungen Designerinnen Annelie Augustin und Odély Teboul, eigenständig, reich in der Verarbeitung, inspiriert von den legendären zwanziger Jahren in Berlin – Handwerkskunst par excellence. Auf der anderen Seite René Storck, der in Frankfurt arbeitet und die erste Show in Paris gezeigt hat, mit den schönsten Materialien, der besten Verarbeitung und einer umwerfenden Passform – ein faszinierendes Talent! Oder der Designer Michael Sontag, der Farben benutzt, um ganz einfache Kleider zu schaffen – Mode, die avantgardistisch und zugleich tragbar ist.

Ich betrachte es als meine Mission, diese jungen Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ihnen eine Bühne zu geben und sie unseren Lesern vorzustellen. Wenn mir das alles gelingt, ist mein Traum einen Schritt näher daran, Wirklichkeit zu werden.

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