Holger Dresel betreibt seit 27 Jahren soziologische Forschung. Er beobachtet Männer um die 20 in Deutschland. Er lässt sie bei sich wohnen. Er befragt sie zu ihren Ansichten, er beobachtet, was sie sich im Fernsehen anschauen und was sie lesen. Erst nach ungefähr einem Jahr, frühestens, lässt er sie wieder ziehen. Holger Dresel ist querschnittgelähmt, er hat seit mehr als 27 Jahren Zivis.

Es ist Ende Mai, halb fünf am Nachmittag, Holger Dresel trägt ein T-Shirt der finnischen Rockband Sonata Arctica, Jan, einer seiner letzten Zivis, trägt sein Abi-T-Shirt. Jan ist ein schmaler Junge, 20 Jahre alt, aber er sieht eher noch jünger aus. Er hat gerade den Nachmittagstee, Geschmacksrichtung Pfirsich, in einer Glaskanne serviert. Holger Dresel, im Rollstuhl sitzend, trinkt mithilfe eines Gummischlauchs, der ihm als Strohhalm dient, und Jan liest derweil brav ein Buch, das ihm Holger Dresel rausgesucht hat. 1001 Alben heißt es, und es soll seiner musikalischen Bildung dienen.

Holger Dresel war 16 Jahre alt, als er mit ein paar Jungs im Klassenzimmer herumalberte und mit Schwung auf einen Fenstersims sprang, ohne damit zu rechnen, dass das Fenster mitten im Winter offen stand. Er stürzte nur ein Stockwerk tief, kam unten aber so unglücklich auf, dass er sich den Halswirbel brach. Seither ist er Tetraplegiker, was bedeutet, dass alle seine vier Gliedmaßen gelähmt sind. Die Arme kann Holger Dresel ein wenig bewegen. Den Rollstuhl kann er elektronisch steuern, aber nicht so sicher, dass er draußen allein zurechtkommt. Er kann Musikkassetten wechseln, aber keine Schallplatten.

Jan betreut ihn rund um die Uhr. Er hebt ihn morgens aus dem Bett in den Rollstuhl, rasiert ihn, hilft ihm bei der Toilette (er war erstaunt, wie einfach das ging), schmiert ihm Schwarzbrot mit Tilsiter, fährt ihn zur Arbeit, sitzt mit ihm im Büro der Unfallkasse Nord, die Holger Dresel als Juristen beschäftigt, holt für ihn Akten aus dem Schrank, schaut abends mit ihm fern und schläft in Holger Dresels Wohnung am Nordrand von Hamburg, im Stadtteil Volksdorf, wo manche Bürgersteige im Wald verlaufen. Das Zivi-Zimmer, vielleicht zehn Quadratmeter groß, liegt Holger Dresels Schlafzimmer gegenüber.

Pro Jahrgang sind es vier oder fünf Zivis gewesen, insgesamt also mehr als einhundert. Aber jetzt ist Schluss, weil Ende Juni 2011 nicht nur der Wehrdienst, sondern auch der Zivildienst Geschichte sein wird.

Erstaunlicherweise gab es in den letzten Monaten eine laute Debatte um das Ende des Wehrdienstes, aber eine kaum hörbare um das Ende des Zivildiensts. Was dieses Ende bedeutet, versteht vielleicht am allerbesten, wer sich mit Holger Dresel unterhält. Kaum jemand hat in Deutschland so viele Zivis so nah kennengelernt wie er. Er ist das Gedächtnis einer bundesrepublikanischen Institution.

Im Jahr 1984, als Holger Dresel seinen ersten Zivi bekam, stellten 43875 Männer den Antrag, aus Gewissensgründen nicht zum Bund gehen zu müssen. In den nuller Jahren waren es mehr als viermal so viele. Was hat sich geändert seit den achtziger Jahren, als Zivis noch Kriegsdienstverweigerer hießen?

»Fußball, das hat sich geändert«, sagt Holger Dresel und nimmt einen Schluck Tee. Er ist Fan des FC St. Pauli, Wimpel, Tasse und eine Uhr im Wohnzimmer künden davon, sie fallen kaum auf zwischen seiner Plattensammlung bis zur Decke, einem beträchtlichen Leerkassettendepot, Stapeln von ungelesenen Büchern auf Tischen und in Kartons. In den achtziger Jahren war Fußball für die meisten Abiturienten (fast jeder seiner Zivis hatte Abitur) ein großes Thema, vielleicht gerade weil sie von allen für so furchtbar sensible Männer gehalten wurden. »In den Neunzigern verschwand der Fußball. Aber in den Nullern kam er wieder. Genauso wie die langen Haare.« Es scheint eine Verbindung zu geben zwischen Haarlänge und Fußballaffinität. Das gefällt Holger Dresel. Er kichert. Wenn er so kichert und dabei den Kopf ein wenig schräg hält, was seiner Krankheit geschuldet ist, sieht er fast jungenhaft schelmisch aus.

Früher waren die meisten Zivis überzeugte Linke, erzählt er, es wäre undenkbar gewesen, dass einer CDU oder FDP wählte, was mindestens zwei seiner fünf aktuellen Zivis täten. Jan, der Zivi, hebt kurz den Kopf aus dem Buch, um anzumerken, dass »der Zivildienstleistende von heute nun mal kein Überzeugungstäter mehr« sei. Er sagt öfter solche Sätze, die nach Abitur klingen. Jan, sagt Holger Dresel, sei der Einzige seiner letzten fünf, der im weitesten Sinne links dächte, woraufhin Jan sagt: »Ich engagiere mich zwar in einem autonomen Jugendzentrum, rechne mich aber keinem politischen Spektrum zu.« Über Holger Dresels Gesicht legt sich ein zartes Grinsen, als ob er sagen wollte: So sind sie heute.

Holger Dresel findet es zwar schade, dass, wie er schätzt, vier von fünf Zivis abends keine Lust mehr haben, mit ihm »zu schnacken« oder Wer wird Millionär mit ihm anzusehen, sondern sich stattdessen mit ihren iPhones beschäftigen. Er glaubt auch, dass die Zivis früher mehr von Politik und Geschichte verstanden und mehr Spaß an der Diskussion hatten. Aber enttäuscht ist er nicht von den Jüngeren, nur weil sie politisch anders denken als er. Inzwischen ist der Altersunterschied sehr groß geworden, er ist 52, die Zivis blieben immer 20. Er spricht mit väterlicher Nachsicht. Er nennt sie ja auch »meine Jungs«.

Holger Dresel schaut auf die Digitaluhr, die auf seinem Schreibtisch steht. 18.00 Uhr. »Wir müssen jetzt auch gleich mal loslegen.«

Dresel hält sich streng an die Uhrzeiten, es ist genau festgelegt, wann er ruhen und wann er sitzen soll, sonst bilden sich an seinem Körper Druckstellen, die zu Geschwüren werden können. Seit einigen Jahren muss er am frühen Abend einen »Zwischenleger machen«, sich für zwei Stunden hinlegen. Er spürt, dass er schneller müde wird als noch vor zwei, drei Jahren. Jan hebt ihn mit einem Hebekran aus dem Stuhl, legt ihn ins Bett, entkleidet ihn und deckt ihn zu. Der Zwischenleger war ein Einschnitt in Dresels ohnehin schon eingeschränktem Leben, war doch die Zeit zwischen 18 und 20 Uhr die, in der er gerne mal ins Kino ging. »Als der Wilfried noch bei mir war, waren wir oft unterwegs. Da war viel möglich.« Wilfried ist ein ehemaliger Zivi. Dresel teilt die Zeit nicht in Jahre ein, sondern in Zivis.