Doktorarbeiten von Politikern sind unter Verdacht geraten. Nicht nur die Dissertation des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat sich als Plagiat entpuppt. Auch die Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin (FDP) wurde des Abschreibens überführt. Weitere Promotionen wie jene des FDP-Politikers Jorgo Chatzimarkakis werden gegenwärtig geprüft.

Kaum eine andere Dissertation eines Politikers drängt sich so für eine Analyse auf wie die des derzeitigen niedersächsischen Kultusministers Bernd Althusmann . Der CDU-Politiker hat extern promoviert, viele Hundert Kilometer von Heimatort und Arbeitsstätte entfernt, an einer Hochschule, an der er niemals studiert hat. Die akademische Vorgeschichte Althusmanns – Pädagogikdiplom an der Hamburger Bundeswehruniversität, Zweitstudium der Betriebswirtschaft an einer privaten Fernhochschule im Schwarzwald – lässt nicht zwingend eine Doktorarbeit über Organisationstheorie in der Verwaltung an der Universität Potsdam erwarten.

Althusmann kannte seinen Doktorvater, den Betriebswirt Dieter Wagner, noch von seinem Studium an der Bundeswehruniversität. Später wechselte der Professor nach Potsdam. Um dort als Fachfremder überhaupt den Doktortitel erwerben zu dürfen, benötigte Althusmann eine Sondergenehmigung. Die Fakultät wertete das Pädagogikstudium in Kombination mit dem FH-Abschluss in Betriebswirtschaft als ausreichende Qualifikation – »ein Grenzfall«, sagt Wagner. Bei vergleichbaren Konstellationen anderer Promotionswilliger habe man aber schon ähnlich entschieden. An den Doktorandenseminaren hat Althusmann laut Auskunft der Universität regelmäßig teilgenommen.

Als ungewöhnlich erwiesen sich vor allem die biografischen Umstände der Dissertation Althusmanns. Exakt in dem Zeitraum, in dem das 270-Seiten-Werk mit seinen 660 Fußnoten entstand, besetzte Althusmann einen der wichtigsten und zeitraubendsten Posten der niedersächsischen Politik: Als parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion hatte er die Aufgabe, der Union als rechte Hand des damaligen Fraktionsvorsitzenden und heutigen Ministerpräsidenten David McAllister die Mehrheiten im Abgeordnetenhaus in Hannover zu sichern.

Gleichzeitig pflegte der Unionspolitiker die politische Basis in seinem Wahlkreis Lüneburg. Althusmann gehörte dem dortigen Kreistag an und führte als Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes auch die Fraktion seiner Partei im Rat der Stadt an. Seine Zielstrebigkeit brachte Althusmann in Lüneburg früh den Ruf eines umtriebigen Pragmatikers mit sympathischem Auftreten ein, für den die Politik noch höhere Aufgaben bereithalte.

Groß war die Überraschung deshalb, als man in seiner Geburtsstadt Oldenburg im März 2008 von der bis dahin unbekannten wissenschaftlichen Passion des Politikers erfuhr. »Heimlich« habe Althusmann promoviert, meldete die Lokalpresse, und dürfe nun die Buchstabenkombination »Dr. rer. pol.« vor dem Namen tragen. Eine Frucht des Fleißes von sieben Jahren, in denen sich Althusmann »in seiner Freizeit« ( Nordwest-Zeitung ) über die Werke Luhmanns, Webers et al. gebeugt habe.

Was kommt dabei heraus, wenn einer quasi nebenbei vollbringt, wofür andere einen Teil ihres Lebens opfern? Welche Erkenntnisse bringt eine Wissenschaft zutage, die täglich mit Fraktionsarbeit und Familie konkurriert? Und: Was zählen die Regeln der Universität für jemanden, der längst in einer anderen Welt zu Hause ist? In der Forschungsergebnisse kein Copyright haben und akribisches Arbeiten und tiefsinnige Fragen notwendigerweise weniger wert sind als schnelle Lösungen und pragmatische Antworten? Das sind angesichts der nicht abreißenden Kette von Plagiatsfällen in Politikerkreisen die entscheidenden Fragen.