Althusmann macht von dieser Methode ausgiebig Gebrauch. Auf Seite 23 zum Beispiel zeigt der Politiker ein Schaubild. In einer Fußnote verweist er vage – mit einem »vgl.«, vergleiche – auf den Politikwissenschaftler Frieder Naschold. Dass die gesamte Abbildung von dem Berliner Sozialforscher übernommen ist, erfährt der Leser nicht. Dafür hätte Althusmann »nach Naschold« oder »Abbildung aus Naschold« schreiben müssen. Beim Kopieren ist Althusmann zudem ein Fehler unterlaufen: Aus »Universalismus« wird ein »Universelles Muss«.

Auf der folgenden Seite kopiert Althusmann Naschold erneut, ohne dies offenzulegen. Hier übernimmt der Doktorand das englische Wort »Disintegration«, im Deutschen muss es Desintegration heißen. An anderen Stellen wiederum setzt er mehrere Sätze puzzleartig zu neuen Passagen zusammen. Meist werden die Textbausteine dabei kosmetisch verändert. So kann der Autor der Promotion das direkte Zitat vermeiden.

Diese Technik des verschleierten Kopierens zeigt sich zum Beispiel auf Seite 157. Althusmann erklärt an dieser Stelle das Managementkonzept der Universität St. Gallen. Am Ende des Absatzes verweist er, wieder mit einem unbestimmten »vgl.«, auf das Standardwerk des Wirtschaftswissenschaftlers Kurt Bleicher, obwohl er wortwörtlich abschreibt und Anführungszeichen hätte setzen müssen.

Mit oder ohne Anführungsstriche, ob »vgl.« oder »so«: Was macht das für einen Unterschied?, könnte man fragen. Die Antwort lautet: In der Forschung ist der Unterschied gewaltig. Sie ist die Suche eines Wissenschaftlers nach dem Neuen. Lediglich Altes umzuformulieren trägt nichts zum Erkenntnisfortschritt bei. Fußnoten sollen dem Leser zeigen, auf welchem Weg der Autor zu seinen Erkenntnissen gelangt ist. Und da macht es einen Unterschied, ob ein anderer Wissenschaftler nur einen Hinweis auf die ungefähre Richtung gegeben hat oder ob er den Gedankengang schon zuvor gebahnt hat und der Promovend nur auf ausgetretenen Pfaden wandelt.

Für den Rechtswissenschaftler Volker Rieble handelt es sich bei den dargestellten Beispielen aus Althusmanns Dissertation um klare Plagiate: »Der Leser wird getäuscht: Und zwar über das Ausmaß der Fremdurheberschaft.« Bei den kopierten Abbildungen sieht Wolfgang Löwer, Ombudsmann der Deutschen Forschungsgemeinschaft für Fragen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, sogar das Urheberrecht tangiert. »Das könnte man als Plagiat im rechtlichen Sinn werten«, sagt der Bonner Juraprofessor. Auch die Rechtsprechung vertritt einen strikten Plagiatsbegriff. So urteilte das baden-württembergische Verwaltungsgericht in einem ähnlichen Fall: Selbst »soweit sich in den von der Beklagten benannten Plagiatspassagen Hinweise auf die Originalstellen finden lassen, beseitigen diese nicht den Übernahmevorwurf«.

Das Gleiche gilt für unvollständige Zitate. Bei diesem Verfahren zitiert der Autor zwar korrekt aus einem anderen Text. Er macht freilich nicht kenntlich, dass Sätze, Begriffe oder Gedanken vor und nach dem Zitat ebenfalls aus dieser fremden Quelle stammen. Natürlich hätte Althusmann die gesamten Übernahmen kennzeichnen können. Dann jedoch würde offensichtlich, wie stark seine Dissertation von fremden Gedanken lebt. Dies zeigt sich im Fazit von Kapitel 4, das in einer Abbildung der verschiedenen Theorien darüber gipfelt, wie öffentliche Unternehmen organisiert sind. Statt eigene Überlegungen zu präsentieren, überträgt Althusmann Passagen und Begriffe aus den gängigen Lehrbüchern in ein Schaubild – ohne diese an einer Stelle zu erwähnen.

Anders als die Copy-and-Paste-Übernahmen im Stile zu Guttenbergs lassen sich verschleierte Zitate aufgrund der kosmetischen Veränderungen am Text nur schwer entdecken. Die starren Algorithmen der Internetsuchmaschinen und Prüfprogramme schlagen hier nicht an. So ist auf der Website PlagiPediWiki zu Althusmanns Dissertation notiert: »Mit großer Wahrscheinlichkeit ist diese Arbeit nicht zu beanstanden.« Auch eine Recherche mithilfe von Google, GoogleBooks oder der Plagiatssoftware Plagscan.com führt im Fall Althusmann zu keinerlei Verdachtsmomenten – die vom Nebenbei-Doktoranden verwendete Literatur ist größtenteils nicht online verfügbar.

Eine derartige Dissertation auf ihre wissenschaftliche Korrektheit zu prüfen gleicht einer Detektivarbeit. Meist beginnt diese mit einem Verdacht. Der betreuende Professor erinnert sich zum Beispiel zufällig daran, eine Passage an anderer Stelle schon einmal genau so gelesen zu haben. Oder er stolpert über Formulierungen, die nicht zum Rest der Promotion passen – meist weil sie das stilistische Niveau des Doktoranden übertreffen.

Um solche Plagiatshinweise zu erhärten oder zu entkräften, muss der Prüfer nun mehrstufig vorgehen. Zuerst einmal gilt es, sich die einschlägigen Bücher und Aufsätze zum Thema zu besorgen. Das geht mitunter nur über Fernleihe und dauert nicht selten Tage bis Wochen. Anschließend müssen die Texte mit einer speziellen Software durchsuchbar gemacht werden, um die verdächtigen Passagen der Dissertation mit dem Original abzugleichen.

Eine solche Prüfung dauert – selbst wenn sie nur stichpunktartig erfolgt – mehrere Tage. Bestätigt sich der Verdacht, muss die Prozedur auf den Rest des Werks ausgeweitet werden, was Wochen in Anspruch nehmen kann. Diesen Aufwand kann kein Professor leisten, zumal seine eigentliche Arbeit noch aussteht: die inhaltliche Bewertung der Dissertation. »Wir können doch nicht jede Fußnote kontrollieren«, sagt Althusmanns Doktorvater Dieter Wagner.

Endgültig an seine Grenzen gerät jeder Betreuer, wenn der Doktorand Originalwerke korrekt zitiert, obwohl er diese selbst gar nicht gelesen hat, sondern nur die Lesefrüchte eines anderen Autors erntet. Althusmann referiert auf den Seiten 167 bis 169 insgesamt elf Originaltitel aus den Jahren 1982 bis 1987, die sich mit dem Begriff der Unternehmenskultur auseinandersetzen, und fasst sie in kurzen, prägnanten Sätzen zusammen. Eine respektable Fleißarbeit, denkt der Leser. Was er nicht weiß: Die gesamte Passage stammt aus einer fremden Feder. Sie beruht auf einer Sammelrezension des Saarbrücker Betriebswirtschaftsprofessors Christian Scholz aus dem Jahr 1988. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Althusmann die Originalwerke selbst niemals durchgearbeitet. Vielmehr hat er den Literaturüberblick fast vollständig von Scholz übernommen. Nur die Seitenzahlen hat Althusmann dort nicht gefunden. Also lässt auch er diese weg – entgegen seiner sonstigen Zitierpraxis.

Studenten in den Anfangssemestern schmücken sich auf diese Weise gern mit fremden Federn, suggeriert das doch Belesenheit und die Fähigkeit, ganze Werke auf ihre Kernpunkte zu reduzieren. Spätestens im Hauptstudium sollte jedem angehenden Akademiker klar sein, dass ein solcher Ideenklau tabu und jede fremde Anleihe vollständig kenntlich zu machen ist. Auch Althusmann scheint dies gewusst zu haben. An vielen Stellen zitiert der Politiker schließlich formal korrekt. Stellt sich also die Frage, warum er dennoch gegen die Regeln verstößt, und zwar nahezu auf jeder zweiten Seite. Althusmann kennt auch den Sinn von Anführungsstrichen. Doch setzt er sie permanent zu früh, zu spät oder gar nicht.

Eine mögliche Erklärung für dieses Vorgehen lautet: Der Autor wollte das Ausmaß der Übernahmen verschleiern, um die kargen wissenschaftlichen Eigenleistungen zu kaschieren. Denn wenn man sämtliche korrekten Zitate, halb korrekten Übernahmen und offensichtlichen Abkupfereien abzieht, bleibt nicht mehr sehr viel übrig, was die analysierten Kapitel als eigenständige Forschungsarbeit qualifiziert. Der Autor kompiliert, statt zu analysieren, er wärmt Altes auf, statt Neues zu präsentieren. Die Dissertation entpuppt sich als Wiederaufguss.

Für den DFG-Ombudsmann Wolfgang Löwer besteht hier ein grundsätzliches Problem. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften sei der wissenschaftliche Ertrag vieler Promotionen oft nur gering. Weil sie kaum etwas Neues zu sagen hätten, betätigten sich die Doktoranden als »Chronisten der letzten Redundanzdrehung«. Der Wissenschaftsrechtler Löwer plädiert für eine Eindämmung der Doktorandenzahl. 25.000 Doktortitel vergeben deutsche Universitäten jährlich, mehr als in fast jedem anderen Land der Welt. Zu viele Doktoranden promovieren nicht aus wissenschaftlicher Neugier, sondern weil sie gerade nichts anderes zu tun haben – oder aus Eitelkeit und Karrierestreben.

Das betrifft gerade Doktoranden, die sich wie Althusmann den Titel außerhalb der Hochschule, meist neben dem Beruf erwerben wollen. Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbandes, verteidigt zwar die »externe« Promotion. Er fordert jedoch, dass sie den gleichen strengen Qualitäts- und Betreuungsstandards entsprechen müsse wie die Dissertation eines regulären Promovenden. Der Professor sollte sich mit seinem Schützling mindestens viermal im Jahr über den Fortgang der Arbeit austauschen. »So kann der Betreuer merken, ob sein Doktorand das Thema beherrscht und eigene Ideen entwickelt«, sagt Kempen.

Mit der wissenschaftlichen Originalität hat sich Althusmann offensichtlich schwergetan. Mehrfach musste er die Dissertation überarbeiten; zweimal haben die Gutachter der Universität sein Werk zurückgewiesen. Zwischenzeitlich dürfte Doktorvater Wagner gezweifelt haben, ob sein Schützling überhaupt noch an der Promotion arbeitete. Insgesamt brauchte der Politiker für das Opus sieben Jahre. Das Erschöpfungssyndrom scheint am Ende auch die Gutachter erfasst zu haben. Da sich alle schon so viel Mühe gegeben hätten, erinnert sich einer der Prüfer an die Stimmung im Ausschuss, »haben wir das Ding dann über den Zaun gehoben«.