Damals, als er noch für Sat.1 die Sterne vom Himmel holte, muss den Entertainer Harald Schmidt eine unheilbare Melancholie überfallen haben. Er ließ Bach-Kantaten singen, rezitierte Shakespeare und auch Hölderlin. Einmal, und dieser Auftritt war grandios, stellte Schmidt mit Playmobil-Figuren die Abenteuer des Theseus nach und schwärmte von Attika: »Das ist heute eine vergessene Zigarettenmarke. Hallo, raucht hier noch jemand Attika?«

Schmidt sang den Abendland-Blues, er war auf Abschied gestimmt, und seine Botschaft lautete: Wir leben in einem neuen Zeitalter. Es gibt sie zwar noch, die Hochkultur, wir singen auch noch Bach, und überall stehen griechische Statuen rum, doch ihre Augenhöhlen sind leer. Das Alte erreicht uns nicht mehr, es geht uns nicht mehr unter die Haut, und die Gesellschaft funktioniert auch so. Schade eigentlich.

Das Lebensgefühl, das Schmidt kongenial in Szene setzte, ist auch Philosophen und Kulturwissenschaftlern durchaus vertraut. Einerseits, sagen sie, leben wir in paradiesischen Verhältnissen; Deutschland ist mit Schau- und Singbühnen, mit Museen und Literaturhäusern reich gesegnet , und wer es sich leisten kann, der hat jederzeit und überall Zugang zu ihnen. Andererseits scheint die tradierte Kultur seltsam fern und rätselhaft, ganz so, als sei sie vom Alltagsleben abgespalten – ihre »Wahrheit« berührt die Gesellschaft nicht mehr.

Noch drastischer sagen es die Künstler selbst. Der Regisseur Michael Haneke lässt in seinem Film Die Klavierspielerin den rasend begabten Pianisten Walter Klemmer auftreten, einen kalten, geschmeidig-unverbindlichen Typ, dem die Zartheit der Musik und die Subtilität seines Spiels von Herzen fremd bleiben. Kunst und Leben sind bei Haneke geschiedene Welten. »Das waren die geistigen Genüsse«, sagt die kulturbeflissene Gastgeberin nach einem Hauskonzert. »Und nun kommen wir zu den leiblichen.«

Oder man nehme eines der frühen Dramen von Botho Strauß , bevor der Autor seine Kunst ins Reaktionäre wendete. In der Trilogie des Wiedersehens treffen sich die Mitglieder eines Kunstvereins, um eine Vernissage mit Bildern des »Kapitalistischen Realismus« vorzubereiten. Man schwätzt belangloses Zeug, den ausgestellten Bildern schlägt interessierte Gleichgültigkeit entgegen. Mittendrin dreht »Kläuschen« seine Runden, ein vorlauter Bengel, der mit einer Polaroidkamera unablässig Fotos schießt und dafür Geld bekommt.

Der Subtext dieses Theaterstücks ist abgründig. Strauß stellt sich eine Gesellschaft vor, die ohne das »Sehen der Kunst« auskommt, ohne die Fremdheit ästhetischer Erfahrung. Stattdessen kreist sie nur noch in sich selbst, verhaust in der leeren Immanenz medial erzeugter Bilder (also Kläuschens Polaroids).

Während Strauß immerhin noch Figuren erfindet, denen die Kunst die Augen öffnet, hat der Dramatiker René Pollesch den Bruch bereits vollzogen. Bei ihm dreht die kapitalistische Moderne alle Kultur durch die Geld-/Medien-/Wissensmaschine, und was übrig bleibt, das hängt sie als tröstende Sinnfetzen ans Gerippe des ökonomischen Menschen. Aus Polleschs Stücken kriecht dieselbe kühle Wehmut wie bei Harald Schmidt; auch für ihn ist das »Abendland« ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Ein paar lyrische Wortkleider schlackern noch labbrig an den Körpern, sie passen nicht mehr. Bald kommt die Altkleidersammlung.

Einige Literaturwissenschaftler werden jetzt müde abwinken und zu bedenken geben, schon Goethe habe das Ende der Hochkultur präzise vorhergesagt. In Wilhelm Meisters Lehrjahre werde die schöne alte Kunst in den »Saal der Vergangenheit« eingesperrt und sterbe – dem Leben entfremdet – leise vor sich hin. Doch Vorsicht: Die heutige Diagnose lautet nicht, dass die Hochkultur spurlos verschwinde. Sie lautet vielmehr: Sie ist allgegenwärtig, die Institutionen blühen – doch ihre Wahrheit verändert die Gesellschaft nicht mehr. Die Kunst ist nicht mehr das bevorzugte Medium kollektiver Selbstverständigung.

Genau diese Entwicklung hat der Literaturwissenschaftler Fredric Jameson schon vor dreißig Jahren vorhergesagt. Die »relative Autonomie« der Kultur, so schrieb er in einem berühmten Aufsatz, löst sich auf, sie bildet kein eigenes Universum mehr jenseits der Welt des Realen. Stattdessen fusioniert sie mit dem Lifestyle-Gewerbe, mit Ökonomie und Werbung, überhaupt mit den Agenturen der Unterhaltungsindustrie. Nicht länger, so Jameson, gehe es in der Kultur um die Produktion von Wahrheit , sondern um die Produktion von Ereignissen . Die Kultur, und darin besteht ihre neue Aufgabe, erzeugt Premium-Events, um den monotonen Gleichlauf der Gesellschaft zu unterbrechen. Kunst ist Spektakel – ihr Pastiche sorgt für Glamour am Abendhimmel der späten Moderne.

Jameson steht mit seinen Diagnosen nicht allein. Von einer »Pathologie des Zeitbezugs« spricht der Philosoph Axel Hutter, und er meint damit, dass es der Gesellschaft immer schwerer fällt, sich kulturelle Vergangenheiten »anzuverwandeln«. Und die Autoren des Bandes Kreation und Depression beobachten gar die Ablösung des »bürgerlich-ästhetischen Geschmacks« durch den »konsumistischen Geschmack«: Die Idee der Wahrheit zerfällt; das Ästhetische trainiert in einer systemisch festgezurrten Gesellschaft nur noch die »Kreativität der Anpassung« (»Was passt zu meinem Lebensstil?«) und dient dem Einzelnen als Karrierehelfer. Dass man sich für klassische Musik interessiert, gehört inzwischen in jedes Bewerbungsschreiben.

Mit anderen Worten: Wie in Karte und Gebiet , dem neuen Roman von Michel Houellebecq, wird die Hochkultur in den alles fressenden Verwertungskreislauf eingespeist und zählt nur, insofern sie symbolisch profitabel ist. Unvergessen ist die PR-Aktion »Deutschland – Land der Ideen«, die mit Goethe und Schiller für deutsche Qualitätsautomobile warb. Oder auch die städtische Kulturpolitik . Sie ist schon lange eine Standortmaßnahme, in der Theater und Opern als Leuchttürme aufgestellt werden, damit man die »Sexiness« der Stadt im Wettbewerb der Metropolen besser erkennt. Und wenn Stadtviertel »entdeckt« und aufgemöbelt werden, kommen zuerst die Galerien , später folgen dann die lieben Investoren. Ist alles hübsch durchsaniert, zieht die Avantgarde weiter, und die Makler rumpeln im Geländewagen hinterher.

Auch aufseiten des Publikums scheint sich etwas zu verändern. Nicht mehr der Streit um die »Wahrheit der Kunst« steht im Mittelpunkt, erst recht nicht jene »rettende Aneignung«, der der Schriftsteller Peter Weiss ein Denkmal gesetzt hat. In seiner Ästhetik des Widerstands ziehen wissbegierige Arbeiter ins Museum und fragen, was sie – und die Gesellschaft! – von den klassischen Werken lernen, wie sie die uneingelösten Versprechen der Kunst zum Leuchten bringen könnten. Dieses Programm klingt heute seltsam verstaubt. »Das zentrale Kriterium künstlerischer Veranstaltungen«, schreibt Diedrich Diederichsen in seinem Buch Eigenblutdoping , sei nicht mehr »Kritik, Wahrheit oder Schönheit«, sondern das »Gelingen einer möglichst heiter vertriebenen Zeit«. Kunsterfahrung bekommt etwas Therapeutisches, sie dient der Herstellung von Gemeinschaftsgefühlen, von Atmosphäre und Präsenz, von Dabeisein und »Lebendigkeit«. Auch intellektuelle Celebritys scheinen unverzichtbar, und es ist dasselbe Publikum, das heute Martin Walsers nationalen Aufwallungen Beifall spendet und morgen Günter Grass ’ linker Abrechnung mit der Lobby-Politik.

Einige Kunst- und Literaturkritiker haben aus dem Funktionswandel der Kultur bereits die Konsequenz gezogen und sind dazu übergegangen, Werke entweder zu ignorieren – oder hemmungslos zu bejubeln. Weil sie nicht mehr daran glauben, die Gesellschaft könne von der Kunst noch etwas lernen, betreiben sie ihr Geschäft als eine Art Hochglanzmanufaktur, die den Spitzenprodukten der kulturverarbeitenden Industrie durch weihevolle Reklame die gebührende mediale Aufmerksamkeit verschafft. Werbefachleute machen es nicht anders.

Gewiss, diese Diagnosen sind zugespitzt, es sind eher Trendvermutungen als Tatsachenbehauptungen. Und mag auch vieles für die Beobachtung sprechen, dass Kunst und Oper, Theater und Literatur in der zersplitterten Internetgesellschaft keine privilegierten Orte sozialer Verständigung sind: Die individuelle Erfahrung, die Lektüre eines Romans oder der Schock einer Oper, bleibt davon unberührt. »Existenzerhellung« hieß dies früher einmal, und niemand kann sagen, ob solche ästhetischen Erfahrungen nicht doch politisch sind. Denn die Kunst erlaubt die Imagination der Freiheit, sie lässt uns spüren, dass die Welt auch ganz anders sein könnte.