KernkraftAsiens Schlacht ums Atom

Nach Fukushima ist die Kernkraft überall in der Region umstritten. Eine Reise durch Japan, Indien und China – zu besorgten Fischern und Bauern und zu Politikern, die überzeugen wollen. von 

Das Fischerdorf Sakhri Nate am Arabischen Meer in der Nähe von Goa war ein herrlich ungestörter Ort zum Fischen, Baden und Teetrinken. Doch am 18. April erschossen dort Elitepolizisten der indischen Zentralregierung einen Fischer auf der ersten Anti-AKW-Demonstration, die das Dorf je erlebte. Seither herrscht Unfrieden in Sakhri Nate.

In dem tiefgrünen Hügelland der japanischen Präfektur Shizuoka, wo im Schatten des Fujiyama der beste Tee der Teehaus-Nation wächst, züchtete der Biobauer Kazuo Ohishi ein Vierteljahrhundert lang seine wertvollen grünen Blätter, ohne Maschinen, nur mit den eigenen Händen und mit erstaunlichem wirtschaftlichen Erfolg. Doch seit zuerst in Japan und dann auch am Pariser Flughafen grenzwertüberschreitende Cäsiumwerte im Tee von Shizuoka festgestellt wurden, ist der tüchtige Biobauer aufgeschmissen. Niemand kauft mehr seinen Tee.

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In der boomenden chinesischen Hafenmetropole Lianyungang am Gelben Meer setzte der Fischer Xu Xiaoping bisher jeden Morgen seinen Holzkutter aus, um im Schatten riesiger Hochhausburgen und zweier in die Küstenfelsen gehauenen AKW-Reaktoren Algen aus dem Meer zu holen. Er verrichtete seine Arbeit sorgenlos. Bis ihn der Atomunfall in Fukushima aufrüttelte und er erfuhr, dass auch seine Stadt Lianyungang von Tsunamis bedroht ist.

So beeinflusst die andauernde Atomkatastrophe in Fukushima das Leben der Menschen in Asien.

Die Orte Sakhri Nate in Indien, Shizuoka in Japan und Lianyungang in China haben eines gemein: Sie sind AKW-Standorte. In Shizuoka stehen fünf fertige Reaktoren am weißen Strand des Pazifiks. In Lianyungang sind zwei Reaktoren in Betrieb, zwei werden gerade gebaut, und zwei weitere sind in Planung, obgleich seit Fukushima Zweifel an den Plänen bestehen. In Sakhri Nate steht bis heute nur ein Bauschild der französischen Reaktorfirma Areva auf einer kahl geschlagenen Küstenebene. Areva aber will hier sechs Kraftwerke nebeneinander und damit den leistungsstärksten AKW-Komplex der Welt bauen.

Doch was immer die AKW-Planer in den drei Ländern taten oder planten: Es geht nicht weiter wie gedacht. Jetzt mischen sich die Menschen ein. Der Vater des erschossenen Fischers in Sakhri Nate will mitreden, weil er glaubt, dass sein Sohn einen Märtyrertod starb. Der Biobauer Ohishi in Japan will dafür sorgen, dass sein Tee nie wieder radioaktiv verseucht wird. Und der Fischer Xu Xiaoping in China will sich nicht sein Leben lang vor Tsunamis fürchten. Für den Vater, den Bauern und den Fischer hat sich die Welt seit Fukushima verändert.

Mit Einsprüchen ihrer Bürger haben die Regierungen in Delhi, Tokyo und Peking bisher genauso wenig gerechnet wie mit der Katastrophe in Fukushima. In Indien sollen bis 2050 insgesamt 60 neue AKWs entstehen , in Japan sollen bis 2030 immerhin 13 neue AKWs gebaut werden, in China planten die kommunistischen Mandarine sogar die Errichtung von 100 neuen Reaktoren bis 2050. Unbehelligt von aller öffentlichen Kritik kamen die Regierungen mit ihren Plänen gut voran. Atomkraft war für die Bürger in Indien, Japan und China bislang keine Bedrohung. Größere Unfälle gab es nicht. Atomkraft bedeutete Fortschritt, Punktum! Erst seit Fukushima kennen alle die Gefahr. Damit aber beginnt auch in Asien die mühsame Suche nach einem Atomkonsens zwischen Bürgern, Regierungen und Industrie. Es wird nicht viel einfacher werden als in Europa. »Fukushima hat die Menschen in Asien aufgerüttelt, genauso wie Tschernobyl vor 25 Jahren die Europäer aufrüttelte«, sagt die erfahrene chinesische Umweltschützerin Hou Yanli vom World Wide Fund for Nature in Peking. Viele Beobachter teilen ihre Einschätzung.

Leserkommentare
  1. Die Atomindustrie ist eine weltweit rücksichtslos betriebene unbeherrschbare Technologie,deren alleiniger Nutzen die unglaublichen Gewinne der Betreiber sind.Niemand braucht Atomkraft.Und das begreifen langsam auch die Menschen,die keinerlei Aufklärung über die Gefahren und nur einseitige Informationen von ihren Regierungen bekommen.Sie begreifen,dass Atomkraft ein Pakt mit dem Teufel ist.Sie wehren sich.Und wenn wir 2022 aus der Atomindustrie auszusteigen gedenken,könnte es sein,dass die Schwellenländer vorbildlich diesen Weg schon gegangen sind und wir dann, wie üblich,bedrüppelt hinterher hinken.

    8 Leserempfehlungen
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    • Digne
    • 13. Juli 2011 2:44 Uhr

    So ist es. Wir verpassen wieder mal die Chance.
    Wir sind so ein unglaublich träger Verein.

    Wie schrieb Terry Pratchet: das Volk will eigentlich nur
    dass der nächste Tag wie der vorhergehende ist...

  2. sachliche und nüchterne Bericterstattung. Zwar hätte man sich wünschen können ein Vorortbericht aus Fukushima, aber hier war einem Journalisten die weite Reise von Indien über China nach Japan (oder umgekehrt) das Thema betreffend nicht zuviel. Wir wissen nun, daß in drei Systemen, die unterschiedlicher nicht sein können, die Führung derselbe Schuh drückt. Wie sag ich's meinem Volk, so das Motto, könnte man zusammenfassen. Nachdenklich bis kritische Stimmen gibt's aus jeder Ecke zu berichten. Am dramatischsten scheint mir - neben der Tatsache der dreifachen Kernschmelze in Japan - der getötete Fischer in Indien. Es erscheint bei der derzeitigen Nachrichtenlage nur logisch, daß man davon, außer in Herrn Blumes Artikel, nichts in den OECD-Medien liest. Wäre das in China geschehen, die Forderung nach Rücknahme der gerade geschlossenen Wirtschaftsverträge wäre hier im Forum innert Minuten eingelaufen!
    Deswegen danke für die unterschiedlichen Blickwinkel auf dieses allgegenwärtige Problem. Und es bestätigt sich noch eines: die Verbindungen des Autors zu wichtigen Informationsträgern in der Hauptstadt Chinas sind von der gesamten OECD-Journaille unerreicht. Und da wird einem klar, warum man nicht in der Haut eines sonst als korrupt, mörderisch und diktatorisch verschrienen Politikers in hoher Position des für die Weltwirtschaft so wichtigen Wirtschaftsstandortes stecken möchte.
    Nochmals Dank an Herrn Blume für den ausgewogenen Bericht zur Lage an der Atomfront in Asien.

    2 Leserempfehlungen
  3. und die Asiaten endlich aufwachen sollte einem das ein wenig Hoffnung für die Zukunft geben !!!
    Mal ein angenehmer Artikel

    Eine Leserempfehlung
  4. Der Aufbau des Artikels, insbesondere die Verknüpfung der drei Einzelschicksale mit der politischen und wirtschaftlichen Führung des jeweiligen Staates, der sprachliche Tonus sowie die Darstellung der Menschen, von denen im Text die Rede ist, durch die deren Sorgen und Ängste in nachvollziehbarer, aber nicht allzu sentimentaler Weise abgebildet wird und die inhaltliche Ergiebigkeit machen dieses Werk journalistischer Arbeit zu einem kleinen Stück Literatur.

    Eine Leserempfehlung
  5. ... für die Umwelt und das Klima, dass sich energiehungrige Riesenstaaten wie China oder Indien nicht von der Kernkraft abwenden.

    Kernkraftwerke können unter der Aufsicht einer unabhängigen und kompetenten Kontrollbehörde sicher und sauber große Mengen an elektrischem Strom erzeugen. Deutschland ist in dieser Hinsicht leuchtendes Vorbild in der Welt. In Japan hat die Atomaufsicht versagt: Ein Kraftwerk wie Fukushima, das bauliche Mängel aufwies und nicht adäquat ausgelegt war, hätte in Deutschland niemals eine Betriebserlaubnis erhalten. Fukushima zeigt beispielhaft, wie gefährlich die Vermischung wirtschaftlicher Interessen und politischer Kontrolle sein kann. Fukushima zeigt aber auch, wie robust Kernkraftwerke sind. Ich spreche hier nicht von Fukushima-Daichi, sondern vom Schwesterkraftwerk Fukushima-Daini, dessen Reaktorblöcke rund ein Jahrzehnt jünger sind als die havarierten Meiler im benachbarten Fukushima-Daichi und die von derselben Naturkatastrophe betroffen waren.
    Die Kernkraftwerke der III. Generation, die im Moment en masse in China und Indien gebaut werden, sind noch sicherer. Der AP-1000, der neue Standardreaktortyp für den Einsatz in der Volksrepublik, verfügt z.B. über passive Kühlsysteme, d.h. er kann sich 72 Stunden ohne exterme Stromversorgung allein über natürliche Konvektion selbst kühlen um im Ernstfall eine Kernschmelze zu verhindern. Man muss den Menschen in China und Indien klar machen, wie sicher diese Technologie ist!

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    Sie haben am Ende vergessen
    Ironie:AUS

    Hallo Max, ich denke das Sie ein netter Mensch sind und quasi als mein Vorredner keine wirklich böse Absicht hatten. Ihre Hoffnung könnte aber viel Leid bedeuten wenn sie erfüllt würde. In diesem Sinne hoffe ich das Ihnen, mir und den dann Betroffenen zu liebe, die Vorsehung Ihren Wunsch nicht erfüllt. Woher Sie auch immer Ihre Überzeugung nehmen. Ich (Erich Goergens), der als Konstrukteur für die meisten AKW's in Deutschland genau in dem sicherheitstechnisch relevanten Bereich z. B. "erdbebensichere Stützsysteme" (???) etwa für Kühlwasser- oder Dampferzeuger-Systeme geplant, konstruiert und ausgelegt hat, schildere Ihnen kurz meine Sicht der Dinge.

    Sie glauben Deutschland sei führend, die Welt glaubte Japan sei führend, ich behaupte in keinem AKW der Welt sind kalkulierbare und funktionsfähige Sicherheitssysteme etwa gegen Erdbebeneinwirkung vorhanden. Bezüglich Ihrer Vermutung jüngere AKW's seien besser, verweise ich auf unterschiedliche Erregerfunktionen an unterschiedlichen Standorten, mit unterschiedlichen Antwortspektren der Anlage. Das dürfte für eine weitestgehende, umfassende Erklärung unterschiedlicher Verhaltensformen reichen. Übrigens, ich habe auch an der Sicherheitsstudie zum schnellen Brüter SNR-300 (in der Benecke Gruppe Max-Plank-Institut mitgearbeitet) der wurde bekanntlich "Gott sei Dank" eingemottet. Diesem Beispiel werden hoffentlich noch viele AKW's, rund um den Globus, folgen.

  6. 6. Echt??

    Sie haben am Ende vergessen
    Ironie:AUS

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    Antwort auf "Ich hoffe ..."
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    Ironie: AUS
    Sie können sich ja mal überlegen welche Menge an z.B. Mais angebaut werden muss um ein AKW zu ersetzen.

  7. ... welche Alternativen haben China und Indien zum Ausbau der Kernkraft?

    Wie sollen diese Länder industrialisieren, ohne wie der Westen von fossilen Brennstoffen abhängig zu werden und das Klima weiter zu ruinieren. Kernkraftwerke produzieren vergleichsweise wenig Müll pro Kilowattstunde Strom und halten diesen in der Anlage, während Gas-, Öl-, und Kohlekraftwerke ihre Abfälle einfach in die Luft blasen und so großflächig um den Globus verteilen.

    Chinas Energieverbrauch wird extrem steigen. Schon jetzt hat man gewaltige Probleme mit Luftverschmutzung und CO2-Ausstoss. Die Führung dort weiß, das man das Problem nur mit einem massiven Ausbau von Kernkraft und erneuerbaren Energien lösen kann.
    Das gleiche gilt für Indien.

    Man kann deutsche Patentrezepte nicht 1 zu 1 auf diese Länder übertragen. Deutschland ist industrialisiert, die Bevölkerungsentwicklung stagniert und der Energieverbrauch steigt vergleichsweise langsam. Was wir machen kann sich Asien schlicht und einfach nicht leisten ohne desaströse Konsequenzen für das Klima.

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    "Kernkraftwerke produzieren vergleichsweise wenig Müll pro Kilowattstunde Strom und halten diesen in der Anlage"

    Wie? Sind KKWs jetzt ihre eigenen Endlager?

    Die Alternative wäre, einmal NICHT vom Westen abzukupfern
    und die gleichen Fehler, die wir bei unserer Industrialisierung begangen haben, zu begehen.
    Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten rücksichtslos
    UNSERE Technik vorangeprügelt und müssen jetzt mit gewaltigem Aufwand die Schäden beseitigen. Diesen Fehler sollten die von ihnen angesprochenen Länder doch bitte nicht machen.
    Diese Länder, die von einem niedrigen Niveau starten, hätten die Chance, es gleich viel besser zu machen, als wir.
    Das Geld dazu haben die und sie könnten Vorreiter werden.
    Und was die Kernenergie betrifft, so ist diese m.E. die dreckigste Energie, die wir nutzen.
    Wir werden, da bin ich mir leider sicher, auch in 30 oder 40 Jahren KEIN endgültiges Endlager -für 100.000 oder mehr Jahre- auf dieser Welt haben - leider.

    'Kernkraftwerke produzieren vergleichsweise wenig Müll pro Kilowattstunde Strom und halten diesen in der Anlage'
    Dann haben die Chinesen jetzt also Endlager in den AKW's die 25.000 Jahre sicher sind - oder habe ich da etwas falsch verstanden?

  8. "Kernkraftwerke produzieren vergleichsweise wenig Müll pro Kilowattstunde Strom und halten diesen in der Anlage"

    Wie? Sind KKWs jetzt ihre eigenen Endlager?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ach ja ..."

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