Hochschule Auf Herz und Nieren geprüft

Ein Modellstudiengang an der Berliner Charité erfindet das Medizinstudium neu.

Wie ein Pionier fühlt sich David Weber manchmal, und dann wieder wie ein Versuchskaninchen. Der 24-Jährige studiert an der Berliner Charité im zweiten Semester Medizin, aber nicht so wie die meisten Studenten in Deutschland: Physik, Chemie, Biochemie, Physiologie tauchen als eigene Fächer in seinem Lehrplan nicht mehr auf. Stattdessen lernt er in vierwöchigen Blöcken mit den Namen »Bausteine des Lebens«, »Biologie der Zelle« und »Mensch und Gesellschaft«, jeweils untergliedert in viele einzelne Seminare und Vorlesungen, eine davon heißt etwa »Klimawandel und Gesundheit«.

Weber und seine Kommilitonen sind die ersten Studenten des Modellstudiengangs Medizin. Wenn eine Veranstaltung von ihm und seinen Kommilitonen als weniger gut bewertet wird, wird sie für ihre Nachfolger verbessert. Vergangenes Semester hat Weber sich an der Erstellung seines eigenen zukünftigen Lehrplans beteiligt: Es ging um das Curriculum eines Blocks im dritten Semester, »Herz und Kreislauf«. Er wird einer der ersten Studenten sein, die das sogenannte Modul nächsten Herbst besuchen.

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An der Charité hat man nichts Geringeres vor, als das Medizinstudium neu zu erfinden. Ein ambitionierter Plan, dessen Umsetzung sich langsam beurteilen lässt. Startschuss war der Beginn des Modellstudienganges Medizin zum Wintersemester im vergangenen Jahr, mittlerweile sind die »Modellis«, wie die Studenten von den anderen genannt werden, im zweiten Semester. Ihr Studium unterscheidet sich nicht nur deutlich von den Regelstudiengängen für Medizin, sondern auch von den anderen reformorientierten Studiengängen, mit denen einige Universitäten neue Wege in der Medizinerausbildung zu gehen versuchen.

So wurden die Lehrinhalte nicht wie bei den meisten reformorientierten Studiengängen nur um ein paar praktische Einheiten ergänzt, damit die Studenten schon früh klinische Bezüge sehen und Patientenkontakt haben. Man ist noch einige Schritte weiter gegangen – die ganze Struktur wurde umgeworfen. »Wir wollten noch einmal alles sortieren und den Stoff von Anfang an konsequent im Zusammenhang vermitteln«, sagt Harm Peters, Arzt und Projektkoordinator für den Modellstudiengang.

Der Aufbau des herkömmlichen Medizinstudiums basiert auf Unterrichtseinheiten, die von den jeweiligen Instituten und Fachbereichen ausgerichtet wurden: Der Student bekommt etwa im ersten Semester Einblicke in die gesamte für die Medizin relevante Physik und Chemie, im zweiten Semester lernt er die komplette Biochemie vom Aufbau des Erbmaterials bis zum Sauerstofftransport.

Im Modellstudiengang sucht man solche semesterlangen Vorlesungen eines Faches vergeblich. Hier ist jedes Semester in vier jeweils vierwöchige Module eingeteilt, jedes von ihnen hat ein Oberthema, das einem Themenkomplex entspricht, in den viele Fächer hineinspielen: »Biologie der Zelle«, »Atmung« oder »Herz und Kreislauf«.

Bei Letzterem etwa erzählt der Physiker etwas über die Strömungsgesetze im Gefäßsystem, der Biochemiker bringt die Prinzipien des Sauerstofftransports nahe, und der Physiologe doziert über die Mechanismen der elektrischen Erregung im Herzen und seinen Rhythmus, der medizinische Soziologe klärt darüber auf, welche Folgen eine Herz-Kreislauf-Krankheit haben kann für die Patienten.

Im jeweiligen Modulhandbuch werden Vorlesungen und Seminare im Detail vorgestellt, dazu Lektüreempfehlungen und Lernziele. Die Zusammensetzung der Module für das übernächste Semester wird gerade erst erarbeitet, in Sitzungen, zwei Stunden in der Woche trifft sich die Planungskommission, ein ganzes Semester lang. Kommen kann jeder, der sich einbringen möchte. »Vertreter der verschiedenen Institute machen Vorschläge, was sie von ihrer Seite für den Themenkomplex als wichtig erachten«, sagt Sebastian Langer, Medizinstudent im sechsten Semester des Regelstudiengangs. Er nahm schon oft an den Sitzungen teil.

Leser-Kommentare
  1. Ich möchte an dieser Stelle hinweisen, dass das Modell bereits seit einigen Jahren an der MedUni in Graz erfolgreich funktioniert... Es wäre ein wundervoller ANFANG wenn die Vernetzung der Universitäten sich auf den gesamtdeutschen Sprachraum erweitern würde!

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    • ajt
    • 12.07.2011 um 12:50 Uhr

    Ich möchte mich dem vorherigen Kommentar anschliessen: Die ach so neuen Reformen sind schon längst gelebte Praxis in: McMasters, Maastricht - und in Dt. seit über 20 Jahren in Witten / Herdecke. Neu ist vielleicht nur, dass eine Fakultät / Uni eine Veränderung schafft! Eine Vernetzung und gemeinsame Evaluation der sog. Reformstudiengänge wäre wünschenswert.

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  2. Von der MedUni Innsbruck kann ich gleiches Berichten. Das integrierte "Modulsystem" (Atmung, Herz-Kreislauf etc.) ist hier schon seit 6 Jahren Standard, ebenso früher Patientenkontakt, Pflichtfächer wie Allgemeinmedizin (hat was gebracht!), Gendermedizin im ersten Abschnitt und mein Favorit: der beschriebene Kleingruppenunterricht "Problem orientiertes Lernen" (POL). Verbesserungsbedarf besteht wohl eher an der praktischen Ausbildung (Praktika)

  3. Den im Artikel nur im Nebensatz erwähnten Reformstudiengang gibt es an der Charité doch schon seit min. 10 Jahren.

    Aufschlussreich wäre es gewesen, den Vergleich zwischen dem Reformstudiengang und dem jetzigen Modellstudiengang aufzuzeigen und zu erläutern, was sich bereits im Reformstudiengang bewährt hat und entsprechend übernommen wurde, und was vielleicht tatsächlich "neu" entwickelt wurde. Auch die Art und Weise des Praxisbezugs wäre interessant gewesen.

    Schade.

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    • Erkos
    • 12.07.2011 um 13:35 Uhr

    Das wäre auch für mich viel interessanter gewesen. Spannend fände ich auch mal zu erfahren, ob es am Ende dieses Studiengangs-Abschnitts auch ein Physikum gibt und wie die Studenten dort abschneiden. Die Verhandlungen der einzelnen Fachrichtungen über die Lehrinhalte hören sich dann doch eher wie ein Feilschen auf dem Basar an. Ob dort am Ende alles vermittelt wird, was man braucht, um die "Maschine Mensch" im Grunde verstanden zu haben, sei dahingestellt.

    • Erkos
    • 12.07.2011 um 13:35 Uhr

    Das wäre auch für mich viel interessanter gewesen. Spannend fände ich auch mal zu erfahren, ob es am Ende dieses Studiengangs-Abschnitts auch ein Physikum gibt und wie die Studenten dort abschneiden. Die Verhandlungen der einzelnen Fachrichtungen über die Lehrinhalte hören sich dann doch eher wie ein Feilschen auf dem Basar an. Ob dort am Ende alles vermittelt wird, was man braucht, um die "Maschine Mensch" im Grunde verstanden zu haben, sei dahingestellt.

  4. Also einen sehr ähnlichen Modellstudiengang Humanmedizin gibts es bereits schon länger in Aachen.
    Es wäre schön, wenn der Artikel nicht nur die Charite´mit ihrem neuen Modellstudiengang erwähnt hätte!
    Denn auch anderen Universitäten tut sich einiges in Sachen Medizinstudium! Gerade für potenzielle Medizinstudenten wäre sicherlich ein Artikel der mehrere Universitäten mit "neuem" oder reformiertem Medizinstudium verglichen hätte noch wesentlich hilfreicher gewesen.

    • Erkos
    • 12.07.2011 um 13:35 Uhr

    Das wäre auch für mich viel interessanter gewesen. Spannend fände ich auch mal zu erfahren, ob es am Ende dieses Studiengangs-Abschnitts auch ein Physikum gibt und wie die Studenten dort abschneiden. Die Verhandlungen der einzelnen Fachrichtungen über die Lehrinhalte hören sich dann doch eher wie ein Feilschen auf dem Basar an. Ob dort am Ende alles vermittelt wird, was man braucht, um die "Maschine Mensch" im Grunde verstanden zu haben, sei dahingestellt.

  5. Kommt es nur mir so vor oder hören sich die Fächer "Bausteine des Lebens" oder "Mensch und Gesellschaft" an, als ginge es hier um einen Grundschullehrplan?

    Sehr viel von dem neuen Konzept enthält der Artikel leider nicht, es kommt lediglich rüber, dass es nur noch einzelne Blöcke geben soll, statt diese in einer größeren Vorlesung zusammenzufassen.

    Den Ansatz halte ich schon für leicht fraglich. Gibt es dann auch für jeden Block einzelne "Klausuren"? Wie sieht es mit fächerübergreifendem Wissen aus? Kann das noch vermittelt werden?

    Außerdem: Jeweils 4-wöchige Blöcke zu Themen wie "Biologie der Zelle" oder "Atmung"? Momentan ist das Stoff von einer oder maximal zwei Vorlesungen.

    Und wenn ich höre, dass man seine Vorlesung nicht halten kann weil die Studenten nicht wissen was ein pH-Wert(!) ist, dann frage ich mich doch, ob man hier im Medizin-Studium ist, oder in der 8. Klasse.

    Leider hört sich alles so an, als ob das Niveau eines Arztes damit drastisch gesenkt werden soll.

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  6. Klasse Lehplan!
    Kommt das vor oder nach " Aderlass bei Vollmond" ?

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