DIE ZEIT: Herr Professor Klemm, Sie schlagen Alarm, weil bald weniger Geld in die Bildung fließt, als die verantwortlichen Politiker versprochen haben. Wie kommen Sie darauf?

Klaus Klemm: Durch ein Papier, das die Kultusministerkonferenz...

DIE ZEIT: ...der Zusammenschluss der Bildungsminister aller Bundesländer...

Klemm: ...vor ein paar Tagen vorgelegt hat. Daraus geht hervor, dass die Kultusminister die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer in den kommenden Jahren von derzeit knapp 800.000 nach meinen Berechnungen auf nur noch etwa 720.000 senken wollen.

DIE ZEIT: Wo ist das Problem? Schließlich sinkt auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den kommenden Jahren.

Klemm: Politiker aller Parteien erklären immer wieder, die Bildungsausgaben nicht zu senken, obwohl die Schülerzahl zurückgeht. Mit dieser sogenannten demografischen Rendite sollen die Schulen und Hochschulen besser ausgestattet werden. Davon scheint man sich jetzt zu verabschieden.

DIE ZEIT: Wie sieht Ihre Rechnung aus?

Klemm: Die Kultusminister planen, jährlich 28.000 neue Lehrer einzustellen. Wollte man den Demografiegewinn den Schulen zugutekommen lassen, dann müssten es 36.000 sein. Allein 26.000 neue Lehrer jährlich wären nötig, um den jetzigen Stand zu halten. Die verantwortlichen Politiker planen also, die demografische Rendite nur minimal den Schulen zukommen zu lassen.

DIE ZEIT: Aber Deutschland holt bei den Bildungsausgaben doch gewaltig auf. Pro Schüler werden 11 Prozent mehr ausgegeben als vor zehn Jahren. Erst kürzlich hat das Statistische Bundesamt bekannt gegeben, dass Staat, Wirtschaft und Privatleute 224 Milliarden Euro in Bildung, Forschung und Wissenschaft investiert haben – so viel wie nie! Der Anteil dieser Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt erreichte mit 9,3 Prozent ebenfalls einen Rekordstand.

Klemm: Das ist alles sehr erfreulich. Aber die Zahlen – neuere gibt es noch nicht – betreffen das Jahr 2009. Ein Krisenjahr, in dem die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorjahr um 3,4 Prozent gefallen war. Wenn das Bruttoinlandsprodukt sinkt, steigt tendenziell der Anteil der Bildungsausgaben selbst dann, wenn für Bildung nicht mehr ausgegeben wird. Außerdem ist in dem Jahr viel Geld aus dem Konjunkturpaket in Schul- und Hochschulbauten geflossen. Das sind Zusatzausgaben, die nicht auf Dauer in den Haushalten verankert bleiben.

DIE ZEIT: Beim Bildungsgipfel 2008 hat die Bundeskanzlerin das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2015 den Anteil der Bildungs- und Forschungsausgaben auf 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Das hört sich doch gut an.

Klemm: Nur ist es vollkommen unrealistisch, wenn man nicht substanziell mehr Geld in diesen Bereich investiert. Wenn man selbst unter den Idealbedingungen des Jahres 2009 die 10 Prozent nicht erreicht, dann ist für die kommenden Jahre nichts Gutes zu erwarten.

DIE ZEIT: Die Geldversprechen der Politik für die Bildung wirken in sich nicht schlüssig. Auf die demografische Rendite zu bauen bedeutete, keine größeren Kürzungen vorzunehmen. Das 10-Prozent-Ziel bedeutete sogar eine gewaltige Steigerung der Bildungsausgaben. Wie sehen Sie das als erfahrener Bildungsökonom?

Klemm: Das sind ja bislang alles nur unverbindliche Absichtserklärungen. Kein Vertrag, geschweige denn ein Gesetz, bindet die Politiker daran. Wenn es konkret wird, so steht zu befürchten, dann wird es sogar zu substanziellen Kürzungen in der Bildung kommen. Das Papier der Kultusminister und auch Koalitionsvereinbarungen in den Ländern zur Lehrerversorgung zeigen in diese Richtung.