Bildungsforscher Klaus Klemm "Der Lehrermangel bleibt"

Investieren statt sparen! Der Bildungsökonom Klaus Klemm warnt vor Kürzungen der Ausgaben für die Schulen.

DIE ZEIT: Herr Professor Klemm, Sie schlagen Alarm, weil bald weniger Geld in die Bildung fließt, als die verantwortlichen Politiker versprochen haben. Wie kommen Sie darauf?

Klaus Klemm: Durch ein Papier, das die Kultusministerkonferenz...

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DIE ZEIT: ...der Zusammenschluss der Bildungsminister aller Bundesländer...

Klemm: ...vor ein paar Tagen vorgelegt hat. Daraus geht hervor, dass die Kultusminister die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer in den kommenden Jahren von derzeit knapp 800.000 nach meinen Berechnungen auf nur noch etwa 720.000 senken wollen.

DIE ZEIT: Wo ist das Problem? Schließlich sinkt auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den kommenden Jahren.

Klaus Klemm
Klaus Klemm

Der Experte für den Lehrerarbeitsmarkt war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.

Klemm: Politiker aller Parteien erklären immer wieder, die Bildungsausgaben nicht zu senken, obwohl die Schülerzahl zurückgeht. Mit dieser sogenannten demografischen Rendite sollen die Schulen und Hochschulen besser ausgestattet werden. Davon scheint man sich jetzt zu verabschieden.

DIE ZEIT: Wie sieht Ihre Rechnung aus?

Klemm: Die Kultusminister planen, jährlich 28.000 neue Lehrer einzustellen. Wollte man den Demografiegewinn den Schulen zugutekommen lassen, dann müssten es 36.000 sein. Allein 26.000 neue Lehrer jährlich wären nötig, um den jetzigen Stand zu halten. Die verantwortlichen Politiker planen also, die demografische Rendite nur minimal den Schulen zukommen zu lassen.

DIE ZEIT: Aber Deutschland holt bei den Bildungsausgaben doch gewaltig auf. Pro Schüler werden 11 Prozent mehr ausgegeben als vor zehn Jahren. Erst kürzlich hat das Statistische Bundesamt bekannt gegeben, dass Staat, Wirtschaft und Privatleute 224 Milliarden Euro in Bildung, Forschung und Wissenschaft investiert haben – so viel wie nie! Der Anteil dieser Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt erreichte mit 9,3 Prozent ebenfalls einen Rekordstand.

Klemm: Das ist alles sehr erfreulich. Aber die Zahlen – neuere gibt es noch nicht – betreffen das Jahr 2009. Ein Krisenjahr, in dem die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorjahr um 3,4 Prozent gefallen war. Wenn das Bruttoinlandsprodukt sinkt, steigt tendenziell der Anteil der Bildungsausgaben selbst dann, wenn für Bildung nicht mehr ausgegeben wird. Außerdem ist in dem Jahr viel Geld aus dem Konjunkturpaket in Schul- und Hochschulbauten geflossen. Das sind Zusatzausgaben, die nicht auf Dauer in den Haushalten verankert bleiben.

DIE ZEIT: Beim Bildungsgipfel 2008 hat die Bundeskanzlerin das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2015 den Anteil der Bildungs- und Forschungsausgaben auf 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Das hört sich doch gut an.

Klemm: Nur ist es vollkommen unrealistisch, wenn man nicht substanziell mehr Geld in diesen Bereich investiert. Wenn man selbst unter den Idealbedingungen des Jahres 2009 die 10 Prozent nicht erreicht, dann ist für die kommenden Jahre nichts Gutes zu erwarten.

DIE ZEIT: Die Geldversprechen der Politik für die Bildung wirken in sich nicht schlüssig. Auf die demografische Rendite zu bauen bedeutete, keine größeren Kürzungen vorzunehmen. Das 10-Prozent-Ziel bedeutete sogar eine gewaltige Steigerung der Bildungsausgaben. Wie sehen Sie das als erfahrener Bildungsökonom?

Klemm: Das sind ja bislang alles nur unverbindliche Absichtserklärungen. Kein Vertrag, geschweige denn ein Gesetz, bindet die Politiker daran. Wenn es konkret wird, so steht zu befürchten, dann wird es sogar zu substanziellen Kürzungen in der Bildung kommen. Das Papier der Kultusminister und auch Koalitionsvereinbarungen in den Ländern zur Lehrerversorgung zeigen in diese Richtung.

Leser-Kommentare
    • Kometa
    • 07.07.2011 um 19:05 Uhr

    "Die innerdeutsche Mobilität bei Lehrern ist sehr begrenzt" (jawoll: Zitat!).

    Na, ist sie denn bei den Politikern oder unseren Soldaten, insbesondere bei den sich frei dem Manneskampf Stellenden, größer?
    Oder unseren Satirikern?
    Eben: Als Dieter Hildebrandt (D) und Werner Schneyder (A) noch die Fron-, pardon: die Grenzen wechselten, das war es noch nötig - und erfolgreich!

    Kostenloser Tipp:
    Man müssten alle Lehrer-Konferenzen als Kabarettshorts verordnen!

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    • Ylrik
    • 07.07.2011 um 19:06 Uhr

    Liest man diese Überschrift, glaubt man tatsächlich, dass in den nächsten Jahren Lehrerinnen und Lehrer eine sichere Anstellung finden werden. Solche Überschriften führen bei Menschen, welche nur die Titel überlesen, genau zu der Fehlannahme, die nun in zahlreichen Bundesländern - vielleicht sogar bundesweit - dazu geführt hat, dass die Lehrfächer Deutsch, Geschichte, Englisch usw. en masse studiert werden. An meiner Universität ist die Überfüllung in diesen Fächern - besonders für das Lehramt an Gymnasien - regelrecht zu spüren. Erst wenn man das Interview weiter liest, kristallisiert sich die Wahrheit heraus: Lehrerstellen werden gestrichen anstatt geschaffen und besonders für Fächer wie Deutsch, Geschichte, neue Sprachen etc. gibt es keinen Bedarf. Doch sowas sollte - meiner Meinung nach - auch mal deutlich gesagt werden und zwar schon im Titel!

    • Jenss
    • 07.07.2011 um 20:05 Uhr

    Solange in diesem Staat noch immer so getan wird, als ob wir unseren zukünftigen Wohlstand durch Investitionen in Infrastruktur sichern können, wird auch nicht mehr Geld für Bildung da sein.

    Was für S21 und andere Großprojekte ausgegeben wird, wird zum einen nicht in Bildung investiert und zum anderen auf Pump finanziert. In den 60er Jahren mag so etwas ein geeignetes Mittel gewesen sein. Jetzt wird es den zukünftigen Wohlstand gefährden. Denn erstens ist es fraglich ob bei der demografischen Entwicklung diese neuen Kapazitäten überhaupt gebraucht werden und zweitens werden unsere Kinder sich um immer mehr Alte kümmern müssen und noch zusätzlich diese Großprojekte abbezahlen.

    Wie zukünftig wirtschaftliches Wachstum möglich sein soll ist fraglich. Allein durch den Bevölkerungsrückgang wird die Binnennachfrage nachlassen. Da die Gesellschaft im Durchschnitt älter wird und Ältere in der Regel weniger konsumieren, wird der Rückgang sogar stärker sein.

    Die Alten werden viele Pflegekräfte benötigen, in diesem Bereich ist aber kaum Produktivitätsfortschritt möglich, also auch kein qualitatives Wachstum.

    Hinzu kommt, dass die ganzen Schüler ohne jeglichen Abschluss kaum adequate Löhne erwirtschaften werden, um damit auch noch nennenswert in die Sozialkassen einzahlen werden.

    Diese Problematik ließe sich nur abmildern durch massive Fortschritte bei der Bildung, so dass höherwertige Arbeit mit besserer Bezahlung möglich ist. Leider.. siehe Artikel.

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  1. Die, für die der Beruf des Lehrers der Wunschberuf ist, sollten sich nicht entmutigen lassen. In begrenzter Zahl werden auch Deutschlehrer gesucht. Auch außerhalb der Schule finden sich Beschäftigungsmöglichkeiten. Aber wer diesen Weg wählt, sollte sich bewusst machen, dass er vielleicht nicht in seinem Wunschberuf landet.

    Warum nicht entmutigen lassen. Ein anderer Beruf kommt für viele nicht in Frage, das Heulen, Jammern und Zähneknirschen am Referendarstisch im Lehrerzimmer sollte man vllt mal auf Video aufnehmen und zu Studienbeginn den Studenten vorspielen.

    Das muss doch entmutigend sein :-)

    Im übrigen wurden gerade jahrelang ALLE Bewerber eingestellt - unanbhängig vom Notendurchschnitt - mit einer Verbeamtung auf Lebenszeit in die Kollegien installiert. Die Sitzen jetzt dann 30 Jahre da in diesem Job, während jetzt gerade drei viertel aller fertig werdenden Referendare wegen ihrer schlechten Noten keinen Job kriegen.

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    • cornus
    • 07.07.2011 um 20:32 Uhr

    Das kann doch nicht ernst gemeint sein: Umschulung von Deutschlehrer als Mathelehrer? Dieser Vorschlag entbehrt nicht einer gewissen Komik und zeigt, dass der Interviewer keine Ahnung hat. Die Antwort von Herrn Klemm verwundert mich allerdings noch mehr und weißt ihn nicht gerade als Experten aus.
    Es ist schon seit Jahrzehnten so, dass die Bedarfsplanung bei der Lehrerausbildung nicht funktioniert. Ein Grund dafür ist, dass die Berechnungen für die recht großen Zeiträume immer wieder über den Haufen geworfen werden. Mal sind's die fehlenden Finanzen, mal macht die Demographie einen Strich durch die Rechnung oder die Schulreform verändert die Schullandschaft. Ich glaube, dass keiner so richtig weiß, wie viele Lehrer mit welcher Qualifikation gebraucht werden, man stopft einfach Löcher.
    Und zum Thema Mathematik: Nicht erst in der Hochschule sollte die Lehre verbessert werden, das Fach gehört auch in der Schule nicht zu den beliebtesten, was auch -nicht nur - an der Vermittlung (Sprachkompetenz der Mathelehrer ;-)) liegt. Wenn sich jemand allerdings entscheidet, Mathematik auf Lehramt zu studieren und dann scheitert, liegt es vielleicht an den nicht auf Lehramtsstudenten zugeschnittenen Studiengängen. Ich spekuliere einfach mal: zu Zeiten der Pädagogischen Hochschulen wird es weniger Probleme mit Abbrechern gegeben haben.

  2. Wenn alle von Mangel reden (egal bei welchem Bereich), ist es gut mal ein wenig Zahlen anzuschauen.

    Hier ist z.B. die Entwicklung der Uniabschlüsse (für Österreich) seit 1955.

    http://www.statistik.at/w...

    Ich würde mal sagen, dass das nach einer perfekten Blase aussieht. Da schlägt sich selbs der Dow Jones schlechter als dieser Trend. Ja wir werden bald alle Dr. cum laude in einer postindustriellen narzistischen Dienstleistungsgesellschaft. Ja natürlich...

    Und wenn meine Gastherme kaputt ist, muss ich Monate auf einen Termin warten. Macht dann 100Eur für eine halbe Stunde. Sprachkurse von Germanisten gibt es hingegen um 10 Eur/h. Jederzeit...

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  3. Studienabbrecher, also am Fach gescheiterte, sollen unsere Kinder in den wichtigsten Fächern unterrichten - und damit vermitteln, daß man einen tollen Job auch bekommen kann, wenn man weniger weiß und kann als eigentlich verlangt wird. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Die Lehramtsstudiengänge sind sowieso immer weniger fachzentriert, an die Stelle des Wissens treten Pädagogik, Didaktik und ähnliche Pseudowissenschaften, so daß auch der letzte Schüler wenigstens noch ein paar Grundlagen mitnehmen kann, aber die Guten kaum gefordert werden, weil der Wissensvorsprung des Lehrers oft nur noch hauchdünn ist.

    Und die fehlende Mobilität ist doch nur eine Folge des unsinnigen Bildungsföderalismus in diesem Land. Ein hamburger Lehrer kann ich Bayern nun einmal nicht unterrichten, das ist doch ganz klar.

  4. "Hier haben wir Studenten, die sich bewusst für diese Fächer entschieden haben. Dass sie in so großer Zahl scheitern, lässt sich nicht allein mit der Schwere der Fächer erklären, da sind auch die Hochschulen und die Qualität ihrer Lehre gefordert."

    Nun ist es so, dass die Hochschulen einfach nicht dazu neigen ihre Standards zu senken, nur weil Eltern meckern.

    Wie ich aus eigener Erfahrung als WiMi weiss, werden seit JAHRZEHNTEN die selben Prüfungsaufgaben in Physik, Maschinenbau, etc.. gestellt. Die Studenten lernen in der Schule einfach nicht mehr ausreichen Mathematik.

    Ich will ja nicht lästern, aber ... es wundert mich irgendwie überhaupt nicht dass die Klimaanlagen im ICE auch in diesem Sommer wieder versagen....

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