Rudolf Elmer (rechts) übergibt WikiLeaks-Gründer Julian Assange im Januar 2011 zwei CDs, auf denen sich Bankdaten befinden sollen. © Ben Stansall/AFP/Getty Images

Die durchschnittliche Dauer der Untersuchungshaft von Menschen, die in der Schweiz strafrechtlich verurteilt wurden, liegt bei 56 Tagen. Schweizer sitzen dabei im Schnitt deutlich kürzer als Ausländer, ohnehin sind sie in den Untersuchungsgefängnissen unterproportional vertreten – sie machen nicht einmal zwanzig Prozent aus.

Rudolf Elmer, Schweizer, Exbanker und selbst ernannter Whistleblower, sitzt seit gut 170 Tagen in U-Haft. Am 19. Januar verurteilte ihn das Bezirksgericht Zürich wegen versuchter Nötigung und Bankgeheimnisverletzung zu einer Geldstrafe von 7.200 Franken. Noch am selben Abend setzte ihn die Staatsanwaltschaft wieder fest, erneut lautete der Verdacht auf Verletzung des Bankgeheimnisses. Denn Elmer hatte zuvor dem WikiLeaks-Chef Julian Assange zwei CDs übergeben, auf denen sich Bankdaten befinden sollen. Weltweit berichteten die Medien davon.

In denselben Medien ließen sich auch andere Ungereimtheiten aus dem Finanzsektor verfolgen. Man hörte von Banken, die ihre Produkte mit irreführenden Angaben verkauft hatten und Versprechungen machten, die sie gar nicht halten konnten; von Banken, die Zuliefervehikel für das Betrugssystem von Bernard Madoff betrieben; man las von der Auslieferung amerikanischer Kundendaten ohne Rechtsbasis. Aber in diesen Fällen kam es bekanntlich zu keinen Strafverfahren – sondern nur, wie die Zürcher Staatsanwaltschaft mitteilt, zu einem Monitoring, »in welchem ausschließlich geprüft wurde, ob ein hinreichender Anfangstatverdacht zur Eröffnung eines formellen Strafverfahrens vorliegt. Diese Schwelle wurde niemals überschritten.«

Misst man dieses Engagement am Aufwand, den die Staatsanwaltschaft im Fall Elmer seit 170 Tagen betreibt, so erwächst der Anfangsverdacht, dass die hiesige Justiz ungleiche Maßstäbe anlegt. In den erwähnten Medien lässt sich nämlich ebenfalls verfolgen, wie US-Staatsanwälte reihenweise Verfahren gegen Großbanken eröffnen, um zu ermitteln, ob die Finanzriesen ihre Kunden oder die Öffentlichkeit getäuscht haben. Und im Schweizer Strafgesetzbuch fänden sich, etwa unterm Stichwort ungetreue Geschäftsbesorgung, durchaus Paragrafen, die vielleicht eine Basis für ähnliche Verfahren bilden könnten.

Die Großen lässt man also laufen? Peter V. Kunz, Professor am Institut für Wirtschaftsrecht in Bern, will nicht von ungleichen juristischen Ellen sprechen, aber: »Ob einer Partei gute oder schlechte Verteidigungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, hat einen Einfluss aufs Vorgehen der Staatsanwaltschaften.« Vor allem aber, so Wirtschaftsjurist Kunz, stehe die Schweiz in einer anderen Rechtstradition. Wirtschaftsstreitigkeiten werden hier häufiger zivilrechtlich abgehandelt, die strafrechtlichen Möglichkeiten sind geringer. Vor allem aber sind die Strafverfolgungsbehörden im Wirtschaftsbereich dünner besetzt – auch fachlich.

Damit jedoch erscheint die Schweiz, von außen betrachtet, als Land, das einerseits einen Whistleblower und Bankengegner wegen eines Medienauftritts einsperrt, wobei als Haftgrund Verdunkelungsgefahr genannt wird; das andererseits keine Anstrengungen unternimmt, um düstere Ecken im Bankensektor zu durchleuchten. Nur: Genau dies ist im bestehenden Recht vorgesehen. Je länger sich der Fall Elmer also hinzieht, desto mehr kommt ans Licht, dass politischer Handlungsbedarf besteht.