Sollte tatsächlich alles den Bach runtergehen. Sollten die Leute ihn auslachen, weil er den größten Flop aller Zeiten abgeliefert hat, sagt der Mann, der sich Casper nennt, lachend, selbst dann könnte er noch sagen: »Ich habe etwas Einmaliges versucht. Ich hatte die Eier, das durchzuziehen.« Es ist ein Lachen, das ein wenig kokett klingt, aber hörbar aus Verzweiflung geboren ist. Ein Lachen, wie es manchmal auf Beerdigungen gelacht wird.

Dabei stehen die Zeichen gar nicht auf Begräbnis, im Gegenteil. XOXO , Caspers zweites Album, ist ein ausgesprochenes Wunschkind: Bereits Monate vor Abschluss der Aufnahmen tauchten die ersten euphorischen Kommentare im Internet auf. Nun, da das Erscheinen des Albums herannaht, hebt ihn die Fachpresse aufs Titelbild, melden die Facebook-Mitteilungen nervöse Vorfreude, und die Vorbestellungen deuten auf einen exorbitant hohen Charts-Einstieg hin. Das Zentrum des Bebens aber sitzt in einer Altbauküche in Berlin-Kreuzberg und hat einfach nur Angst.

Verständlich, wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht. Glaubt man manchen Kommentatoren, geht es um nichts weniger als die Rettung des deutschen Rap. Als Messias auserkoren: Casper, eigentlich Benjamin Griffey, 28 Jahre alt, Mutter Deutsche, Vater Amerikaner, aufgewachsen in den USA. Mit elf Jahren zurück in Deutschland, eine Jugend in Bösingfeld bei Lemgo, Abitur, vierzehn Semester Pädagogik mit Nebenfach Psychologie und Schwerpunkt Medienpädagogik, ohne Abschluss. Ein wohlerzogener junger Mann mit guten Manieren und großen Augen, lässigem Fünftagebart und gewaltigen Befürchtungen, er könnte die angestauten Erwartungen enttäuschen.

Klar, sagt Casper, »zum Grabwecker des Hip-Hop erklärt zu werden, das ist unglaublich schmeichelhaft«. Aber eben auch beängstigend. »Diese Hochstilisierung ist gefährlich. Ich fühle mich wie vor der entscheidenden Abi-Klausur. Wenn der Lehrer sagt: Dieser eine Tag wird dein ganzes Leben bestimmen. Diese Platte ist wie meine Diplomarbeit.« Vielleicht ist XOXO sogar eine Dissertation. Thema: Der deutsche Rap und tausend gute Gründe, warum man ihm nicht beim Sterben zusehen sollte. Untertitel: Lyrische und musikalische Perspektiven für deutschsprachigen Hip-Hop, nachdem der Böse-Buben-Rap von Bushido , Sido und Co. verbrannte Erde hinterlassen hat. These: Intelligenter Rap ist trotzdem möglich.

Es ist eine gewagte These, schließlich war der deutsche Rap die vergangenen Jahre über vor allem mit der Pflege seines Potenzgehabes beschäftigt. Möchtegerngangsta migrantischen Hintergrunds besangen ihre Qualitäten als Drogenverkäufer und Liebhaber, auf dass das Mehrheitsdeutschland wohlig erschaudere, und haben im Gegenzug dafür – zumindest einige wenige und eine Zeit lang – viel Geld verdient. Doch weiter lässt sich die Provokationsschraube nicht drehen. »Inzwischen ist jede deutsche Mutter schon mal gebumst worden«, sagt Casper, »und wir sind an dem Punkt: Alles kaputt machen und noch mal neu aufbauen. Weg vom klassischen Rap-Entwurf, hin zu einem Hip-Hop, den man anhören kann, ohne dass es einem peinlich sein muss.«

Ein radikales Experiment, für dessen Gelingen XOXO einsteht. Casper und sein Team haben alle festgeschriebenen Rechtsvorschriften des Hip-Hop geradezu systematisch missachtet. Statt aus Samples alter Soul- oder Jazzplatten Loops zu bauen, wurden die Songs im Studio vornehmlich aus Gitarren konstruiert. Anstatt die Beats, wie im Genre üblich, einfach bei etablierten Produzenten zu bestellen, hat sich Casper lieber Thees Uhlmann ins Studio eingeladen. Der Sänger und Songschreiber der Hamburger Band Tomte könnte kaum weiter vom Rap-Milieu entfernt sein. Dafür hat er seine Handschrift hinterlassen. Das Ergebnis ist eine Musik, die nach Independent-Rock klingt, ohne ihre Wurzeln im klassischen Hip-Hop zu verleugnen.